Kritik

Schneewittchen am See

„Schneewittchen am See“ // Deutschland-Start: 20. Dezember 2020 (ZDF)

Talent für die Küche hatte Smilla Witte (Maria Ehrich) immer, es war eigentlich auch ausgemacht, dass sie irgendwann einmal das elterliche Restaurant „Schneewittchen am See“ übernehmen würde. Doch nach dem tragischen Tod ihrer Mutter war das für sie kein Thema mehr, traumatisiert nahm sie Reißaus, um woanders ein neues Leben anzufangen. Und so hat in der Küche inzwischen Regina (Andrea Sawatzki) das Sagen, die neue Partnerin ihres Vaters Heinrich (Jürgen Tarrach). Doch auch die ist inzwischen in die Jahre gekommen, ihre zunehmend schlechten Augen führen immer wieder zu unglücklichen Zwischenfällen. Währenddessen ist Smilla erst einmal zu ihrer Freundin Hedi (Hanna Plaß) gezogen, die gemeinsam mit ihrem Bruder Victor (Jochen Schropp) und dessen Mann Lorenz (Lucas Reiber) in einem Bauernhof wohnt. Richtig kompliziert wird es aber, als sie auch Jan (Max Bretschneider) begegnet, mit dem sie früher zusammen war und den sie seinerzeit bei ihrer Flucht zurückgelassen hat …

Märchenhafter Kitsch zu Weihnachten
Weihnachten im Fernsehen, das bedeutet rührselige Familienzusammenführungen, kitschige Liebesgeschichten und staunende Märchen, damit auch ja jede Zielgruppe abgedeckt wird. Warum da nicht einfach alles zusammenführen? Das zumindest scheint der Gedankengang hinter der Herzkino.Märchen-Reihe im ZDF zu sein, welche – wie der Titel bereits verrät – alte, überlieferte Geschichten nimmt, sie in der Moderne neu interpretiert und mit jeder Menge Herzschmerz abreichert. Nachdem in den ersten Folgen Schneeweißchen & Rosenrot, Der Froschkönig und Frau Holles Garten vorgelegt wurde, nahm man sich für die vierte Ausgabe Schneewittchen am See eines der bekanntesten und noch immer meistadaptierten Märchen zur Vorlage.

Von dieser ist bis auf ein paar Motive und namentliche Verweise jedoch kaum etwas übrig geblieben. So wurden aus den sieben Zwerge nur noch drei, während die anderen vier nie zu sehen sind – ganz zu schweigen davon, dass von dem Ensemble niemand als Zwerg durchginge. Der Prinz aus dem Märchen hat seinen Adelstitel verloren, darf dafür aber den Nachnamen Königsohn tragen und eine Affäre mit einer verheirateten Frau haben. Aus dem tödlichen Apfel wurde eine Apfelallergie, was noch der beste Einfall des Drehbuchs ist, selbst wenn die Umstände, wie es zum Verzehr kommt, stark abgewandelt wurden.

Unsympathische Tochter, tragische Schwiegermutter
Der deutlichste Unterschied ist aber, wie die zwischenmenschlichen Beziehungen verändert wurden. Eigentlich war Schneewittchen immer die Geschichte der bösen Stiefmutter, die sich aus Gram, nicht mehr die schönste im Land zu sein, in eine grausame Hexe verwandelt. Regina hat nichts Grausames an sich. Sie ist streng genommen nicht einmal die Schwiegermutter, sondern nur die Frau an der Seite des Restaurantbesitzers. Eine Frau, die von Smilla auch abgelehnt wird, was die Sympathielage umkehrt. Eigentlich ist Regina die tragische Figur, während die Tochter zwar schön ist, aber wenig liebenswürdig – was die spätere Umdeutung in eine Liebesgeschichte schon ein wenig schwer zu schlucken macht. Da verließ man sich darauf, dass es bei einer Protagonistin reicht, ihr ein gutes Aussehen zu verleihen, was bei aller Modernisierung schon sehr altmodisch ist.

Wobei man sich im Hinblick auf die Charakterisierung ohnehin nicht die geringste Mühe gab. Ob nun der Prinz, die Zwerge, die Küchenangestellten – da sind Namen schon das Höchste an Persönlichkeit. Lediglich bei Lorenz versuchte man ein bisschen was, indem man ihn zu einem besonders peniblen Zwerg machte. Das sollte vermutlich auch der komischen Auflockerung dienen, eine Witzfigur inmitten der ernsten Themen um Tod, Trauma und Verlorenheit. Wirklich spaßig ist das aber nicht, da war Lucas Reiber (Abikalypse, ÜberWeihnachten) an anderen Stellen schon überzeugender. Am besten ist noch wenig überraschend der Auftritt von Charakterdarstellerin Andrea Sawatzki (Matze, Kebab und Sauerkraut), die dem dünnen bis dümmlichen Drehbuch noch ein wenig Tiefe und Würde entreißt.

Die Aufgabe von Maria Ehrich (Altes Land) besteht hingegen nur darin, ständig in die Kamera zu lächeln und sich dabei von dem besonders eifrigen Lichtteam anstrahlen zu müssen. Möglich, dass diese gnadenlos groteske Überbeleuchtung für ein märchenhaftes Ambiente sorgen sollte. Tatsächlich irritiert es aber mehr, als dass es etwas bringen würde. Besser sind da die anderen Aufnahmen, gerade die Küche und der Garten des Bauernhofes, zwei der Hauptschauplätze, sind recht idyllisch. Sie lenken aber nicht genügend von dem Inhalt ab, der weder fantasievoll noch romantisch ist und angedeutete Themen wie etwa Tradition und Moderne willkürlich zusammenstopft.

Credits

OT: „Schneewittchen am See“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Alex Schmidt
Drehbuch: Sarah Esser
Musik: Therese Strasser
Kamera: Timo Moritz
Besetzung: Maria Ehrich, Andrea Sawatzki, Jürgen Tarrach, Max Bretschneider, Hanna Plaß, Jochen Schropp, Lucas Reiber, Timur Uelker

Bilder

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Schneewittchen am See
„Schneewittchen am See“ soll eine moderne Interpretation des Märchens sein, scheitert aber an zu vielen Stellen. Die Figuren sind furchtbar nichtssagend, der Humor ebenso aufgesetzt wie die Tragik, auch bei der Inszenierung gibt es Defizite. Allein die wie immer verlässliche Andrea Sawatzki als tragische Schwiegermutter verhindert den Sturz ins Bodenlose.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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