Kritik

ÜberWeihnachten Netflix Luke Mockridge

„ÜberWeihnachten“ // Deutschland-Start: 27. November 2020 (Netflix)

Es läuft gerade so gar nicht gut im Leben von Basti (Luke Mockridge). Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass sein großer Traum von der Musik geplatzt ist und er sich in Berlin mit unwürdigen Jobs über Wasser hält, leidet er nach wie vor unter der Trennung von Fine (Cristina do Rego), mit der er viele Jahre zusammen war. Immerhin, jetzt steht Weihnachten an und damit vielleicht die Gelegenheit, das alles einmal hinter sich zu lassen. Doch daraus wird nichts, wie er bald feststellen muss. So ist ausgerechnet sein Bruder Niklas (Lucas Reiber) inzwischen mit Fine liiert und bringt sie zum Familienfest mit – was sofort zu jeder Menge Streit führt. Aber auch mit seinen Eltern Brigitte (Johanna Gastdorf) und Walter (Rudolf Kowalski) gibt es Knatsch, da diese ihre ganz eigenen Geheimnisse mit sich herumtragen, die sie ihm bislang verschwiegen haben …

Weihnachten, das bedeutet Geschenke, das bedeutet Plätzchen und kitschige Lieder. Es bedeutet aber vor allem, dass die Leute aus allen Teilen des Landes zusammenkommen, in die Heimat fahren, um Zeit mit der Familie zu verbringen und alte Freunde zu treffen. Wie wichtig Letzteres ist, zeigten die Diskussionen der letzten Wochen, ob solche familiären Zusammenkünfte in Zeiten einer Pandemie wirklich angemessen sind. Denn während wirklich in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Streit herrscht, was geht und was nicht geht, was erlaubt sein darf und muss, da war immer klar: Weihnachten ohne Besuch der Familie, das darf nicht sein.

Die heile, falsche Fassade
Insofern kommt ÜberWeihnachten gerade zur richtigen Zeit. Lose auf dem Roman 7 Kilo in 3 Tagen von Christian Huber basierend folgen wir hier einer Familie, die sich etwas entfremdet hat, für die das gemeinsam verbrachte Fest aber Pflichtprogramm ist und die wieder lernen muss, zu einem Team zu werden. Wobei der Fokus eindeutig auf Bastian liegt. Das mag einerseits damit zusammenhängen, dass man von der Popularität des Comedians Luke Mockridge profitieren wollte, der hier sein durchaus gelungenes Schauspieldebüt gibt. Es passt aber auch inhaltlich ganz gut, da ein wichtiges Thema der Netflix-Miniserie das ist, was hinter der heilen Fassade passiert. Da ist es von Vorteil, die Perspektive einer Figur einzunehmen, die vor eben dieser Fassade steht und erst nach und nach diese als solche erkennt.

Bemerkenswert ist, wie Mockridge hier auch Mut zur Erbärmlichkeit zeigt. Seine Figur ist ein Kindskopf, der hinter seinem Rücken ausgelacht wird, der nichts auf die Reihe bekommt und sich mit seiner Traumwelt trösten muss. Das ist in gewisser Weise eine Wohltat nach den vielen glattgeleckten Weihnachtstiteln, die Netflix unentwegt veröffentlicht – etwa Die Weihnachtskarte oder Prinzessinnentausch –, wo so gar kein Makel auf den Figuren gestattet ist. Auch wenn Bastian zuweilen etwas anstrengend sein kann in seiner weinerlichen Großkindart, so bietet er doch deutlich mehr Projektionsfläche als viele Kollegen und Kolleginnen. Und das gilt auch für die anderen: Die Familienmitglieder sind, abgesehen vom eher farblosen Niklas, schrullig, dabei aber nah genug, dass man sich in ihnen wiederfinden kann.

Aus Spaß wird Ernst
Vor allem in der ersten Hälfte von ÜberWeihnachten ist das erstaunlich unterhaltsam, wenn die Chaosfamilie immer wieder aneinander gerät, in peinliche Situationen gerät und dabei irgendwie versucht, noch den Anschein zu bewahren. Dass dieses Chaos irgendwann jedoch wieder aufgeräumt werden muss, ist klar, das Publikum will am Ende schließlich doch daran glauben, dass alles gut werden kann. Und so wird die Serie mit der Zeit immer konventioneller, klappert brav die vorgesehenen Stationen ab, inklusive der obligatorischen Zuspitzung, wenn auf einmal alle Geheimnisse doch ans Tageslicht kommen – nur um dann mit einer Extraportion Zuckerguss wieder zugedeckt zu werden.

Über diese Mutlosigkeit kann man sich ärgern, über das Abschleifen von Konturen, darüber, wie alle Probleme, die sich über Jahre angesammelt haben, irgendwie in fünf Minuten auf einmal auflösen. Andererseits ist ein bisschen Aufmunterung in diesen Zeiten nicht verkehrt, wenn uns vor Augen geführt wird, dass selbst bei Familien, wo es richtig böse knirscht, am Ende etwas Gutes herauskommen kann. Im festlichen Netflix-Angebot nimmt ÜberWeihnachten deshalb eine Art Mittelposition ein, mischt Witz mit Sentimentalität, Wahnsinn mit Klischees und macht dabei zumindest streckenweise dank des Ensembles überraschend viel Spaß.

Credits

OT: „ÜberWeihnachten“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Tobi Baumann
Drehbuch: Dennis Eick, Tanja Bubbel, Tobi Baumann
Vorlage: Christian Huber
Musik: Pia Hoffmann
Kamera: Fabian Rösler
Besetzung: Luke Mockridge, Seyneb Saleh, Cristina do Rego, Lucas Reiber, Johanna Gastdorf, Rudolf Kowalski, Carmen-Maja Antoni

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ÜberWeihnachten
In „ÜberWeihnachten“ fährt ein gescheiterter Musiker über Weihnachten zur Familie, wo hinter der heilen Fassade irgendwie alles kaputt ist. Das ist in der ersten Hälfte witzig, auch dank des gut aufgelegten Ensembles, bevor es im weiteren Verlauf zunehmend konventioneller und sentimentaler wird.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Caro

    Ich kann der Rezension nur voll zustimmen! Die Miniserie beginnt echt gut und witzig, wird dann im letzten Viertel aber sehr schnell sehr schnulzig und vorhersehbar, inklusive kitschigem Song, der mit Schlagerlächeln getrellert wird und das Dorf vereint. Für meinen Geschmack hätte es etwas weniger Weichspüler zum Schluss auch getan, denn die Figuren verlieren dadurch ihre Kanten.

    Schauspielerisch sind Seyneb Saleh, Lucas Reiber und Carmen-Maja Antoni als Großmutter meine Highlights. Luke Mockridge wirkt stellenweise etwas flach und soap-ig.

    Das Setting, der Schnitt, die Musik und die technische Produktion haben mir gut gefallen. Es wirkt „hochwertig“ aber dennoch authentisch. Besonders das Elternhaus kommt mir selbst bekannt vor, so sieht es sicherlich bei vielen Eltern aus. Und in dem idyllischen Städtchen kommt das Weihnachtsfeeling von allein.

    Alles in allem kann man sich die Miniserie durchaus angucken – aber man verpasst auch nicht den nächsten Indie-Hit, wenn man sie überspringt.

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