Kritik

Ma seour bien-aimée My Dearest Sister

„My Dearest Sister“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Mit einem neuen Beginn in einem anderen Land verbindet sich bisweilen die Idee einer neuen Identität und eines neuen Lebens. Für manche Menschen ist dies, sofern sie nicht vielleicht durch äußere Umstände zu einem Verlassen ihrer alten Heimat gezwungen werden, gerade der Reiz, der einem solchen Neubeginn liegt, fällt er doch zusammen mit einem Abschied von einem Lebensabschnitt, den man hinter sich lassen möchte und macht einen frei von der bisherigen Geschichte, die über einen geschrieben wurde. Jedoch hat die Vergangenheit oder etwas, das wir noch nicht abgeschlossen haben, nicht selten den Drang, zurück in unser Leben zu kommen, in welchem sich nun die Identitäten, die Heimatkonzepte und die Narrative des eigenen Lebens vermischen.

Im Falle von Kyoka Tsukamoto, die 1998 von Japan nach Kanada emigrierte, stellt eine solche Wiederbegegnung mit der Vergangenheit das Fundament dar für ihr Projekt My Dearest Sister, welches im Programm des diesjährigen Filmfests Braunschweig vertreten war. Ausgelöst durch die Nuklearkatastrophe in Fukushima und der damit verbundenen Flucht ihrer Schwester sowie deren Familie aus dem Gebiet um den Atomreaktor, verfolgt dieser filmische Essay Tsukamotos Wiederbegegnung mit der eigenen Vergangenheit und die Absicht der Aussöhnung mit der eigenen Schwester. Mit der Absicht das Leben der japanischen Herrscherin Himiko zu recherchieren, reist Tsukamoto zurück nach Japan, nimmt Kontakt auf mit ihren alten Professoren und ihrer Verwandtschaft und versucht zusammen mit ihrer Schwester ein lange gehütetes und totgeschwiegenes Familiengeheimnis auszuarbeiten.

Die Trümmer in meiner Seele
Die Bilder eines Zuges, der abfährt, aufgenommen von der Kamera Tsukamotos, stellen so etwas wie die Rahmung ihres Filmes dar, der in seinen etwas über 70 Minuten Laufzeit eine wahre Fülle an Themen anspricht, immer begleitet von dem Konzept des Aufbruchs wie auch der Ankunft. In den Augen der Filmemacherin wird die Begegnung mit Japan eine Verbindung zu einer Version ihrer Geschichte, die sie dachte, hinter sich gelassen zu haben, welche aber noch lange nicht abgeschlossen hat mit ihr, wie sich schnell herausstellt. Statt einer Fülle von Antworten und einem Moment der Klarheit, werden nur noch mehr Fragen aufgeworfen, werden auch immer deutlichere Klagen erhoben, vor allem von ihrer Schwester wie auch ihrer Mutter, doch die Vergangenheit ruhen zu lassen, zu schweigen und sich nicht einzumischen, wo man es doch über so viele Jahre schon tat.

Generell stellen die Bilder des verwüsteten Fukushimas wie auch die Spiegel Himikos so etwas wie Facetten des Films dar oder Momente, in denen sich die Filmemacherin selbst erkennt. Bei der Besichtigung einer archäologischen Ausgrabungsstätte sieht sie eine Kollektion antiker Spiegel, welche wohl einst als Geschenk des chinesischen Kaisers an Himiko überreicht wurden, Überbleibsel einer Vergangenheit, deren Spuren für die Regisseurin bis in die heutige Zeit zurückreichen. Die Trümmer ihrer Heimat, die alten Spiegel verweisen auf sie selbst zurück, auf Verbindungen, die sie vielleicht schon lange unterdrückt hatte, welche aber nun, durch die Wiederbegegnung mit der alten Heimat, dem alten Ich, mit aller Macht zurückkommen.

Die Bilder des Films, das Voice-Over sowie die Begegnung mit ihrer Schwester sind definiert von einer Ehrlichkeit, aber auch von einem Finden der Worte, einem Suchen nach dem richtigen Ausdruck, der eine Annäherung und eine Verarbeitung möglich macht. Das Poetische in diesem Ansatz ist ebenso präsent wie die ständige Gefahr des Scheiterns, was My Dearest Sister eine unglaubliche Kraft, eine Tragik und eine gewisse Schönheit verleiht.

Credits

OT: „Ma seour bien-aimée“
Land: Kanada, Japan
Jahr: 2018
Regie: Kyoka Tsukamoto
Drehbuch: Kyoka Tsukamoto
Musik: Kyoka Tsukamoto, Sarah Pagé
Kamera: Pierre Tisseur, Claude Lafrance, Alex Margineanu, Kyoka Tsukamoto

Trailer

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My Dearest Sister
„My Dearest Sister“ ist ein filmischer Essay über die Wiederbegegnung mit einem alten Leben und über einen Versuch der Verarbeitung eines sensiblen Ereignisses. Intelligent und einfühlsam erzählt Kyoka Tsukamoto über einen Prozess, der nicht nur lehrreich, sondern auch immer wieder schmerzhaft und unangenehm war, was vor allem sehr mutig ist.
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