Kritik

Lorelei

„Lorelei“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

15 Jahre saß Wayland (Pablo Schreiber) im Gefängnis, die Folge eines bewaffneten Überfalls, der nicht gut ausging. Jetzt ist er draußen, darf sein neues Leben beginnen. Einfach ist das nicht, denn ein Ex-Sträfling mit der Vorgeschichte, wer will dem schon eine Chance geben? Doch davon lässt er sich nicht unterkriegen, rackert sich ab, ist fest entschlossen, seinem Leben noch einmal eine neue Richtung zu geben. Bis er ihr gegenübersteht: Dolores (Jena Malone), seiner großen Jugendliebe. Seither ist viel geschehen: Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Kindern Periwinkle (Amelia Borgerding), Denim (Parker Pascoe-Sheppard) und Dodger (Chancellor Perry), kommt nur mit Mühe und Not über die Runden. Und doch ist es so, als wäre es gestern gewesen. Schnell sind wieder die Gefühle von einst da, auch wenn keiner von ihnen genau sagen kann, wie es denn in Zukunft weitergehen soll …

Nein, die Vorzeichen sind nicht gut, wenn wir Wayland kennenlernen. Wenn ein Mensch einen guten Teil seines Lebens im Knast verbracht hat, nie die Gelegenheit hatte, sich eine normale Existenz aufzubauen oder wenigstens etwas zu lernen, dann besteht immer die Gefahr, dass er über kurz oder lang wieder hinter Gittern landet. Wenn dann sein Umfeld, das ihn wieder mit offenen Armen aufnimmt, selbst so seine Probleme mit dem Gesetz hat, dann macht das ebenfalls nicht viel Mut darauf, dass es der Ex-Sträfling lange aushält. Und dann noch der Titel Lorelei, der ohnehin nur Unglück erwarten lässt, in Anlehnung an die Figur aus dem gleichnamigen Gedicht, die mit ihrem Gesang die Männer ins Verderben stürzt.

Ein Leben am Abgrund
Tatsächlich zeigt Regisseurin und Drehbuchautorin Sabrina Doyle, die mit Lorelei nach mehreren Kurzfilmen ihr Langfilmdebüt gibt, eine ganze Reihe von Menschen, die in prekären Verhältnissen leben. Arbeit ist knapp in der dargestellten ländlichen Gegend, fast jeder hat irgendwie mit Geldproblemen zu kämpfen. Umso größer ist die Sehnsucht, alles hinter sich zu lassen, irgendwo anders etwas Neues und Gutes aufbauen zu können. Wenn in dem Drama so viele Leute mit einem Bein im Knast stehen, dann nicht weil es sich per se um schlechte Menschen handelt, die von Gier und krimineller Energie getrieben sind. Vielmehr sehen sie in den Verbrechen wie eben dem Überfall die Möglichkeit, der Sackgasse zu entkommen, in der sie alle mehr oder weniger feststecken. Ein schneller und verführerischer Ausweg aus der Perspektivlosigkeit.

Lorelei ist die Geschichte eines Kampfes, ein Aufbäumen gegen den Fatalismus und die Vorverurteilung. Immer wieder droht der Absturz, hören wir den verführerischen Singsang, vor allem wenn drumherum mal wieder alles in die Brüche geht. Spannend wird es gerade durch die Begegnung von Wayland und Dolores, die eine gemeinsame Vergangenheit haben, sich immer wieder in alte Erinnerungen retten, um die Gegenwart auszublenden. Doch Letztere kehrt zurück, jedes Mal, mit neuen Aufgaben, neuen Prüfungen, neuen Hindernissen, die aus dem Weg geräumt werden müssen. Einerseits geben die zwei sich Halt. Aber es wird kein Liebesfilm draus über eine Frau mit goldenem Herzen, die den gebrochenen Krieger aufrichtet. Keine Heldengeschichte um einen starken Kerl, der die Frau aus ihrem Verlies rettet. Vielmehr steht lange im Raum, wer denn nun für wen da ist und ob das tatsächlich eine so gute Idee ist, zwei so strauchelnde Menschen zusammenstecken.

Kinder als Zentrum des Geschehens
Zumal da auch noch die Kinder sind. Die werden oft in solchen Filmen zum Hausstand reduziert, zu Objekten, die bei passender Gelegenheit abgestaubt und ausgestellt werden. In dem Beitrag des Filmfestivals Mannheim-Heidelberg 2020 sind sie hingegen das Zentrum des Geschehens. Sie stellen Fesseln für Dolores dar, die viel zu früh Mutter wurde, dann noch mal und noch mal, nie die Gelegenheit hatte, ihr eigenes Leben in Angriff zu nehmen. Wayland hingegen findet durch sie eine Aufgabe im Leben, auch wenn er sich zunächst sehr gegen seine Vaterrolle sträubt und von allem überfordert ist. Doch die drei sind eben auch Individuen, die mit eigenen Rollen zu kämpfen, damit anders auszusehen, keine ganze Familie zu sein, kein Geld zu haben. Wenn dann noch Pubertät und eine Ablehnung von Geschlechteridentität hinzukommt, wird das fragile Gebilde der Patchworkfamilie endgültig zu einem Pulverfass, bei dem es ordentlich knallen darf.

Das hört sich nach ein bisschen viel Stoff und reichlich Melodram an. Tatsächlich gelingt es Doyle aber über weite Strecken, eine Balance zu halten aus Abgründen und Hoffnung, erzählt leise und unaufgeregt von einem Spiel aus Distanz und Nähe, bei dem niemand so recht weiß, was getan werden muss. Die gelegentlichen Stellen, an denen Lorelei etwas aufgesetzt wirkt, sind zu verkraften, vor allem dank des Schauspielpaares. Der oft auf grobe Rollen wie in Criminal Squad festgeschriebene Pablo Schreiber gefällt durch seine nuancierte Darstellung eines Mannes auf der Suche, Jena Malone (Antebellum) als vom Leben gezeichnete Dreifachmutter, der langsam alles zu entgleiten droht. Es gelingt den beiden, ihre Figuren nahe am Alltag darzustellen, mit ihren Schwächen, aber auch so viel Zärtlichkeit, dass man ihnen die Daumen drücken muss, selbst wenn die Aussichten auf Erfolg noch so gering sind.

Credits

OT: „Lorelei“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Sabrina Doyle
Drehbuch: Sabrina Doyle
Musik: Jeff Russo
Kamera: Stephen Paar
Besetzung: Pablo Schreiber, Jena Malone, Amelia Borgerding, Parker Pascoe-Sheppard, Chancellor Perry, Trish Egan

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Lorelei
In „Lorelei“ versucht sich ein frisch aus dem Gefängnis entlassener Ex-Sträfling an einem neuen Leben, begegnet dann aber seiner Jugendliebe wieder. Das leise erzählte Drama ist einerseits das Porträt eines ländlichen Amerikas ohne Perspektive, erzählt gleichzeitig aber auch von zwei Menschen, die versuchen, dem vermeintlich vorgeschriebenen Schicksal zu entkommen und einen Platz für sich in dieser Welt zu finden.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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