Kritik

Antebellum

„Antebellum“ // Deutschland-Start: 18. Dezember 2020 (DVD/Blu-ray)

Wer erst einmal hier gelandet ist, der kommt nicht wieder heraus – zumindest nicht lebend. Während draußen der Amerikanische Bürgerkrieg tobt, werden die Sklaven auf der von der Konföderierten-Armee geführten Plantage in Louisiana mit harter Hand geführt. Rechte gibt es hier keine, nicht einmal das zum Sprechen. Wer es doch wagt, der muss mit gnadenloser Gewalt rechnen, der Fluchtversuch wird sogar mit dem Tod bestraft. Doch Eden (Janelle Monáe), eine der dort gehaltenen Sklavinnen, hält daran fest, dass es einen Ausweg aus dieser Hölle geben muss. Denn sie weiß genau, dass da draußen noch ein anderes Leben auf sie wartet …

Antebellum war sicher einer der am meisten erwarteten Horrorfilme. Und einer, der wie so viele der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen ist. Eigentlich als Kinotitel angekündigt, musste er der Realität weichen, wurde hin und her geschoben, bevor er zumindest hierzulande dann doch „nur“ für das Heimkino erscheint. Das ist natürlich immer bitter, besonders aber bei einem Film, der sich gegen das Vergessen der Vergangenheit richtet. Der dafür kämpft, dass die Ungehörten eine Stimme bekommen, eine eigene Person sein dürfen. Das ist immer aktuell, 2020 aber noch ein bisschen mehr, als in einem kollektiven, weltweiten Protest Polizeigewalt gegenüber Schwarzen und institutionalisierter Rassismus angeklagt wurden. Dafür reisen Gerard Bush und Christopher Renz aber erst einmal weit in die Vergangenheit, bis mitten in den Amerikanischen Bürgerkrieg, als unter anderem darum verbittert gekämpft wurde, wer denn nun Sklaven halten darf.

Der Blick dahinter
Tatsächlich ist Antebellum zunächst nicht sonderlich von den diversen anderen Filmen zu unterscheiden, die zu dem Thema gedreht wurden. Nach einer sehr kunstvollen mehrminütigen Plansequenz, welche die Schönheit der Plantage mit der unmenschlichen Behandlung der Sklaven und Sklavinnen verknüpft, gibt es zunächst das Übliche. Da wird geschlagen, da wird beschimpft und misshandelt, auch Vergewaltigungen gehen für die selbsternannten Herrscher in Ordnung. Das bringt die Hautfarbe nun einmal mit sich. Der Film ist während dieser Szenen durchaus eine Zumutung, aber doch auch irgendwie austauschbar, da weder bei den Tätern noch bei den Opfern viel Charakterisierung stattfindet. Lediglich eine Szene, in der einer der Soldaten hinter verschlossenen Türen ein ganz anderes Gesicht zeigt, fällt aufgrund des Überraschungsfaktors aus dem Rahmen.

Und es wird nicht die einzige Überraschung bleiben. Vielmehr dürfte der Film bei vielen gerade durch die diversen Wendungen in Erinnerungen bleiben, die das Duo in den rund 105 Minuten eingebaut hat. Die werden sicherlich nicht jedem gefallen, sind durchaus mit den berüchtigten Twists von M. Night Shyamalan (The Sixth Sense, The Village – Das Dorf) zu vergleichen. Anders als beim Kollegen, dessen inhaltliche Akrobatik des Öfteren reines Gimmick war, verfolgen die beiden hiermit aber durchaus eine tiefere Absicht. Genauer führen sie mit Antebellum vor Augen, wie sehr die Geschichte der Sklaverei und der Rassismus dunkelhäutigen Menschen gegenüber ein fester Bestandteil der Gesellschaft geworden ist.

Zwischen subtil und Haudrauf
Hinweise, dass da mehr dran ist an allem, die gibt es hier dabei durchaus schon vorher. In den ersten Szenen sind immer wieder einige kleinere Irritationen, deren Hintergründe einem zu dem Zeitpunkt aber noch nicht bewusst sind. Die finden sich auch im mittleren Teil, in dem die Geschichte bereits die erste unerwartete Wendung hinter sich hat und man noch kräftig am Spekulieren ist, was denn da überhaupt gespielt wird. Aber es sind nicht genügend dieser Irritationen, um tatsächlich durchwegs für Spannung zu sorgen. Gerade reine Genrefans, die sich eher weniger für den gesellschaftlichen Aspekt interessieren, werden deshalb mit Antebellum wenig anfangen können. Umgekehrt nimmt der Film gegen Ende schon Rape-and-Revenge-B-Movie-Züge absurden Ausmaßes an, was dem Arthouse-Publikum wenig gefallen wird.

Dass die Reaktionen auf ein solches Werk gemischt ausfallen, ist daher kein Wunder. Antebellum ist ein Film, der es irgendwie niemanden wirklich recht macht. Gleichzeitig ist es aber eben auch einer der interessanteren Genrebeiträge der letzten Zeit mit dem Versuch, im Stil von Get Out und Wir Horror mit Gesellschaftsanspruch zu verbinden. Eben mehr zu sein als bloße Unterhaltung. Das Ergebnis ist schon recht over the top, erschlägt einen geradezu mit der Message. Und doch legt das Duo hier den Finger in die Wunde und zeigt Rassismus als etwas, das zwar vor langer Zeit den Ursprung hatte, aber bis heute munter weiter lebt – nur in einer anderen Verkleidung.

Credits

OT: „Antebellum“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Gerard Bush, Christopher Renz
Drehbuch: Gerard Bush, Christopher Renz
Musik: Nate Wonder, Roman Gianarthur
Kamera: Pedro Luque
Besetzung: Janelle Monáe, Eric Lange, Jena Malone, Jack Huston, Kiersey Clemons, Gabourey Sidibe

Trailer

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Antebellum
„Antebellum“ beginnt mit einem schockierenden, aber eher gesichtslosen Ausflug in die Zeit der Sklaverei, bevor es sich in eine etwas unerwartete Richtung weiterentwickelt. Die Wendungen sind gleichzeitig over the top, aber auch passend, wenn der Horror des Rassismus eben kein Schauermärchen längst vergangener Tage ist, sondern eine Krankheit, die bis heute weiter wuchert.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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