Kritik

Filme über den Tod gibt es natürlich einige. Meistens ist dieser aber eher ein Mittel zum Zweck, um eine ganz andere Geschichte erzählen zu können. Und das Sterben an sich wird ohnehin ungern gezeigt, sofern es sich nicht gerade im Thriller, Action- oder Horrorfilm um einen sehr spontanen Tod handelt, den man schnell abhaken kann. Allein deshalb schon ist I’m Here ein sehr ungewöhnliches Werk. Rund 14 Minuten dauert der Kurzfilm und zeigt fast ausschließlich eine ältere Frau, die im Sterben liegt. Da gibt es keine tränenreiche Abschiede oder das große Drama. Es gibt lediglich eine nahezu unveränderte Großaufnahme ihres Gesichts, während sie heftig atmet, manchmal auch stöhnt und alle darauf warten, dass es vorbei ist.

Andere Figuren gibt es dabei schon, allen voran ihr Ehemann und die Tochter. Sie wuseln um das Bett herum, pflegen sie, diskutieren, was zu tun ist. Tatsächlich zu sehen sind sie aber nicht, allenfalls im Hintergrund oder als Ausschnitt. Das ist eine interessante Abkehr von der Objektivierung von Kranken oder Sterbenden, die in Geschichten zwar thematisiert werden, dabei aber zu sehr in die dritte Person geschoben. Hier trifft das Banale auf das Essenzielle, wird die Hässlichkeit des Sterbens gezeigt, aber auch wie aufopferungsvoll ihr Mann sich noch immer um sie kümmert, obwohl er selbst gesundheitlich nicht mehr auf der Höhe ist.

Umgesetzt hat Julia Orlik dies in Form eines Stop-Motion-Films mit Puppen. Während das Drumherum realistisch gestaltet sind, ist die Puppe selbst stilisiert – und etwas unheimlich mit ihren rot unterlaufenen Augen und den verfärbten Händen. Der auf vielen Festivals gezeigte Kurzfilm scheut sich nicht davor zurück, den Tod in seiner unerbittlichen Grausamkeit zu zeigen, aber auch die Zärtlichkeit einer lebenslangen Liebe, die selbst diese Momente noch überstehen wird.

Credits

OT: „Jestem tutaj“
Land: Polen
Jahr: 2020
Regie: Julia Orlik
Drehbuch: Julia Orlik
Kamera: Julia Orlik
Animation: Julia Orlik

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I’m Here
„I’m Here“ ist ein sehr sehenswerter Stop-Motion-Kurzfilm über eine im Sterben liegende Frau. Formal interessant umgesetzt zeigt dieser den Tod in seiner Hässlichkeit, aber auch die Menschen, die bis zum Schluss bei ihr bleiben – und darüber hinaus.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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