Kritik

Zombi Child

„Zombi Child“ // Deutschland-Start: 8. Oktober 2020 (Kino)

Die jugendliche Fanny (Louise Labeque) geht auf die Eliteschule Maison d’éducation de la légion d’honneur in der Nähe von Paris. Wenn sie nicht gerade am Lernen ist oder Zeit mit ihrem Freund verbringt, trifft sie sich gerne mit ein paar anderen Schülerinnen, um sich nachts mit ihnen über alle möglichen Themen auszutauschen. Seit Kurzem gehört auch Mélissa (Wislanda Louimat) zu dieser Clique, nachdem ihre Familie in Folge des verheerendes Erdbebens von Haiti nach Frankreich gezogen ist. Es sind vor allem ihre Geschichten über den in ihrer Familie praktizierten Voodoo-Zauber, der die Mädchen fasziniert. Als Fanny von ihrem Freund verlassen wird, will sie ihrem Liebeskummer ein Ende setzen – mit Hilfe eben dieses Zaubers …

An Zombie-Filmen mangelt es nun wirklich nicht, es gibt die unterschiedlichsten Interpretationen und Fassungen von Geschichten rund um die Untoten. Die meisten davon stammen aus einem reinen Horrorumfeld, wenn diese Untoten nun Jagd auf die Lebenden machen, diese durch einen Biss zu einem der ihren machen. Aber auch humorvollere Varianten und tragische Versionen sind möglich, wenn mit Klischees gespielt wird, gesellschaftskritische Szenarien aufgezeigt oder eine entmenschlichte Welt der Anlass wird, sich mit ganz elementaren, existenziellen Fragen zu beschäftigen. Die Möglichkeiten sind trotz gemeinsamen Sujets also nahezu endlos. Und irgendwie hat man das Gefühl, dass man auch alles Mögliche bereits gesehen hat.

Zurück zu den magischen Ursprüngen
Zombi Child zeigt, dass aber nach wie vor andere Zugänge möglich sind. Das fehlende „e“ in dem Titel ist dabei kein Schreibfehler, sondern zeigt bereits auf, in welche inhaltliche Richtung der Film sich bewegt. Hier geht es eben nicht um die blutrünstigen Bestien, welche das Genrekino seit Jahrzehnten schon heimsuchen und meist durch irgendeinen Virus oder ein fehlgeleitetes wissenschaftliches Experiment entstehen. Vielmehr wird hier auf die Ursprünge verwiesen und auf die in Haiti noch immer übliche Schreibweise: Zombies, das waren per Magie wiedererweckte Tote, eine Überzeugung, die eng mit der Voodoo-Religion assoziiert ist. Entsprechend ist der französische Film thematisch auch stärker auf Spiritualität und Riten ausgerichtet, als man es in diesem Umfeld gewohnt ist.

Wer angesichts des Titels erhofft, dass ein untotes Kind durch die Straßen von Paris mordet, der wird enttäuscht. Stattdessen ist Zombi Child eine interessante Mischung der unterschiedlichsten Themen. Einerseits handelt es sich bei dem Drama, welches 2019 in der Directors’ Fortnight von Cannes Weltpremiere hatte, um einen typischen Jugendfilm. Da geht es um Cliquen, um Freundschaften, um das Leid der ersten Liebe. Obwohl der Schauplatz eine Eliteschule ist und damit für die wenigsten Identifikationsmöglichkeiten anbietet, ist vieles von dem, was bei den Jugendlichen vor sich geht, doch sehr universell. Wenn Fanny vor Liebeskummer zergeht und voller Pathos verkündet, sterben zu wollen, dann dürfte das vielen aus der Seele sprechen, denen selbst in dem Alter das Herz gebrochen wurde und die darin mindestens den Weltuntergang sahen.

Assoziativer Themenpool
Regisseur und Drehbuchautor Bertrand Bonello verbindet dies jedoch mit dem Motiv der Folklore und einem Rückblick auf den französischen Kolonialismus. Während die Geschichte um die Mädchen den Hauptstrang des Films bilden, wird parallel von Clairvius Narcisse erzählt, einem Mann in den 1960ern, der durch Voodoo zu einem Zombie wurde und anschließend zu Sklavenarbeit gezwungen wurde. Tatsächlich hat Narcisse wirklich gelebt und von sich behauptet, ein Zombie zu sein. Um ein klassisches Biopic oder eine Beschäftigung mit der Plausibilität der Geschichte handelt es sich bei Zombi Child jedoch nicht. Vielmehr verwebt Bonello auf assoziative Weise die beiden Stränge, lässt Vergangenheit und Gegenwart ineinander übergehen, Alltag und Fantasie.

Für Genre-Fans wird das zu wenig sein, lediglich gegen Ende hin nähert sich der Film dem Horror an. Aber auch andere könnten etwas unbefriedigt oder zumindest verwundert aus Zombi Child wieder rausgehen. Vieles hier wird bewusst in der Schwebe gehalten oder nicht ausformuliert. Das Publikum darf eigene Antworten und Interpretationen finden, wenn es sich in diesen Strom aus Bildern, Orten und Themen begibt. Interessant ist dabei gerade, wie Querverbindungen zwischen dem damals und dem heute entstehen, wie sich Gedankengut früherer Kolonisierung noch heute findet, die Faszination der Exotik, welche stets an der Oberfläche bleibt. Wie universell der Umgang mit Gefühlen und dem Fremden ist, auch wenn wir das manchmal vergessen.

Credits

OT: „Zombi Child“
Land: Frankreich
Jahr: 2019
Regie: Bertrand Bonello
Drehbuch: Bertrand Bonello
Musik: Bertrand Bonello
Kamera: Yves Cape
Besetzung: Louise Labeque, Wislanda Louimat, Mackenson Bijou, Adilé David, Katiana Milfort, Ninon François

Bilder

Trailer

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Zombi Child
„Zombi Child“ ist einerseits die Geschichte einer Mädchenclique in einer Eliteschule, gleichzeitig eine Begegnung mit der Voodoo-Religion und dem Thema der Kolonisation. Die Verknüpfungen sind dabei oft eher angedeutet, werden manchen nicht konkret oder schlüssig genug sein. Doch das macht dieses etwas andere Jugenddrama auch so interessant, wenn gestern und heute in einem assoziativen Strom miteinander verschmelzen.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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