Ein ganzes Leben
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Ein ganzes Leben

Ein ganzes Leben
„Ein ganzes Leben“ // Deutschland-Start: 9. November 2023 (Kino)

Inhalt / Kritik

Osttirol, um 1900: Eng und dunkel ist das Tal, durch das die Pferdekutsche den Waisenjungen Andreas Egger (Stefan Gorski, jung: Ivan Gustafik, alt: August Zirner) bergab transportiert. Hier soll er bei seinem Onkel Hubert Kranzstöcker (Andreas Lust) unterkommen, einem schwierigen, ebenso verbitterten wie herrschsüchtigen Charakter. Und hier wird er beinahe sein ganzes Leben verbringen. Er wird seine große Liebe Marie (Julia Franz Richter) finden, vom Dorfwirt (Robert Stadlober) eine Almhütte pachten, beim Bau der ersten Seilbahn mitarbeiten und dort seinen Freund Thomas Mattl (Thomas Schubert) kennenlernen. Und er wird als alter Mann Briefe an die verstorbene Marie schreiben und auf ein Schicksal zurückblicken, mit dem er zufrieden ist, auch wenn es aus heutiger Sicht unbarmherzig und brutal erscheint.

Sadistischer Peiniger

Riesig und leer ist der Scheunenboden, auf dem der Ziehvater seine grausamen Züchtigungen inszeniert. Der junge Andreas muss sich über eine Stange beugen und die Hose herunterziehen. Kopfüber hängt er fast auf dem Boden, wenn die Peitsche auf seinen bloßen Hintern knallt. Andreas wimmert ein bisschen, aber er schreit nicht. Das macht den sadistischen Peiniger völlig verrückt. Härter und härter schlägt er zu, um Gottes Vergebung bittend, aber zugleich wie von Sinnen. Offenbar will er den Charakter des Jungen brechen, immer wieder wiederholt er den Versuch, verhängt Strafen für erfundene oder nichtige Vergehen. Irgendwann bricht er dem Kind gar den Oberschenkel, aber insgeheim ist Andreas stärker als er: weil er staunend und stumm durch die Welt geht und sich in alles fügt, was ihm passiert. „Das wächst sich aus“, kommentiert die alte Ahnl (Marianne Sägebrecht), Andreas‘ fürsorgliche Vertraute, den gebrochenen Oberschenkel. „Wie alles im Leben“.

Die Szene beschreibt an einem Beispiel den Kern dessen, weshalb Romanautor Robert Seethaler (Der Trafikant) sich die kurze, nur 185 Seiten füllende Bestseller-Geschichte ausgedacht hat. Er wollte wissen, was ein erfülltes Leben letztlich ausmacht: dass man durch schreckliche Erlebnisse wie Krankheit oder Verluste hindurchgeht und ohne Bitterkeit weitermacht, zufrieden mit dem, was einem bleibt. In ihrer weitgehend werkgetreuen Verfilmung finden Regisseur Hans Steinbichler (Winterreise, 2006) und Drehbuchautor Ulrich Limmer zarte und eindringliche Momente, die das Publikum schon von der ersten Minute für Andreas Egger, diesen duldsamen und dabei innerlich starken Menschen einnehmen. Etwa wenn er ohne Murren am Katzentisch seinen Teller leert, weil der Stiefvater „den Bastard“ nicht im Familienkreis duldet. Oder wie er stoisch im engen Dreierbett liegenbleibt, aus dem ihn die Stiefgeschwister mit den Füßen herausbugsieren wollen.

Orchestrale Musik

Die kleine, feine Geschichte von der Faszination der Berge und den Einsiedlern auf den Almen erinnert in ihren besten Momenten an Märzengrund von Adrian Goiginger. Aber Hans Steinbichler will es zugleich groß, wuchtig und emotional, und hier fangen die Probleme an. Vor allem die orchestrale Musik von Matthias Weber trumpft mit großer Geste auf und steigert Gefühle ins Dramatische, wo eher leise Töne gefragt wären – oder gar keine. Das passt schlecht zu einem so bescheidenen und stillen Charakter wie Andreas Egger und hört sich eher nach Hollywood an als nach europäischem Arthouse. Dadurch schrammt gerade die Liebesgeschichte oft an der Kitschgrenze entlang und durchbricht sie hin und wieder. Das mag dem Budget von über acht Millionen Euro geschuldet sein, die für eine deutsche Produktion viel Geld sind. Aber es schadet der Glaubwürdigkeit.

Zu den Pluspunkten zählen hingegen der gesellschaftskritische Blick und der große historische Bogen. Ein ganzes Leben zeichnet nach, wie die erste Seilbahn auf dem Rücken der Arbeiter gebaut wurde, von denen einige ihr Leben oder ihre Gesundheit einbüßten. Der Film schildert die Kontraste zwischen der unberührten Schönheit der Alpen und der aufkommenden Freizeitindustrie mit ihren gigantischen Ski-Schaukeln. Andreas Egger registriert auch das staunend, er ist kein Rebell oder Revolutionär. Aber die historische und gesellschaftliche Einbettung macht den Film anschlussfähig an eigene Erlebnisse des Publikums und hebt ihn über eine bloße Charakterstudie hinaus.

Credits

OT: „Ein ganzes Leben“
Land: Deutschland, Österreich, Italien
Regie: Hans Steinbichler
Drehbuch: Ulrich Limmer
Vorlage: Robert Seethaler
Musik: Matthias Weber
Kamera: Armin Franzen
Besetzung: Stefan Gorski, August Zirner, Julia Franz Richter, Andreas Lust, Robert Stadlober, Matthias Saffert, Ivan Gustafik, Lukas Walcher, Robert Reinagl, Marianne Sägebrecht

Bilder

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Ein ganzes Leben
fazit
„Ein ganzes Leben“ erzählt vom schweren Schicksal und von der inneren Stärke eines einfachen Tagelöhners und Arbeiters, der sich weder durch eine erbärmliche Kindheit noch durch spätere Unglücke davon abbringen lässt, dass das Leben lebenswert sei. Die Romanverfilmung wirkt aber stellenweise überfrachtet von einem Hollywood-artigen Soundtrack und dem Schielen auf ein großes Publikum.
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