Kritik

Puzzle

„Puzzle“ // Deutschland-Start: 7. März 2019 (DVD)

Aufregend ist das Leben von Agnes (Kelly Macdonald) sicher nicht. Eigentlich besteht es nur aus den üblichen Aufgaben einer Hausfrau: Kochen, Waschen, Putzen. Darüber hinaus weiß sie nicht viel mit sich anzufangen. Das ändert sich, als sie zu ihrem Geburtstag ein Puzzle erhält. Das ist relativ einfach und deshalb bald fertig, macht ihr aber so viel Spaß, dass es ihr nach mehr verlangt. Als sie nach New York fährt, um komplexere Spiele zu finden, stolpert sie über eine Anzeige von Robert (Irrfan Khan), der für eine Puzzle-Meisterschaft noch einen Partner sucht. Trotz großer Unterschiede wollen es beide miteinander versuchen und verbringen in der Vorbereitung viel Zeit miteinander – zum Ärger von Agnes’ Mann Louie (David Denman), der keine Ahnung von der geheimen Tätigkeit seiner Frau hat …

Puzzlen, das bedeutet stundenlang, manchmal sogar tagelang, um ein Motiv herumsitzen und kleine Teile abgleichen, die irgendwie alle gleich aussehen, in der Hoffnung, dass aus den Fragmenten später ein Bild wird. Ist dieses hellblaue Stück nun der Himmel links oben oder doch der auf der rechten Seite? Das kann man nun wunderbar entspannend finden oder alternativ sterbenslangweilig. So oder so: Als Inhalt eines Filmes ist das eher weniger naheliegend. Die Vorstellung, dass es tatsächlich Wettbewerbe geben soll, in denen man als erster ein solches Puzzle fertig stellt, dürfte zudem für viele neu sein, vielleicht sogar komisch. Schließlich sind Spannung und Zeitdruck nichts, was man mit dieser Tätigkeit normalerweise in Verbindung bringt.

Ausbruch aus der Eintönigkeit
Puzzle kostet das skurrile Ambiente rund um Puzzlebegeisterte dann schon auch aus, nicht zuletzt durch Robert, der dank einer Erfindung zu Geld gekommen ist, aber nichts mit seinem Leben anzufangen weiß. Der Film macht sich jedoch weder über ihn noch die anderen Puzzlecracks lustig. Es geht auch gar nicht um sie. Stattdessen ist das Remake eines argentinischen Films ein typisches Selbstfindungsdrama eines Menschen, der in einer Sackgasse gelandet ist, ohne es zu merken. Die ersten Minuten konzentriert sich Regisseur Marc Turtletaub dann auch auf die Eintönigkeit im Leben von Agnes. Beschäftigt ist sie, mehr als genug. Irgendwas ist schließlich immer im Haushalt zu machen. Sie hat zwei Söhne, die gerade ihre Flügel ausbreiten. Außerdem ist da noch die christliche Gemeinde, in der sie sich engagiert. Eine echte brave Mutti eben.

Dass ausgerechnet ein Puzzlespiel diese Eintönigkeit durchbricht, ihren makellosen Eifer ausbremst – Agnes vergisst zunehmend ihre Hausarbeit – und ihr neue Perspektiven aufzeigt, ist dabei sicher ein kurioser Einfall. Der Ablauf der Geschichte ist dafür umso klassischer. Mit jedem Stück, das sie legt, entdeckt sie neue Details, sowohl in sich wie auch in ihrer Umgebung. Sie wird stärker, mutiger, selbständiger, darf eine eigene Rolle einnehmen, die nicht an die der Mutter und Ehefrau geknüpft ist. Zwar geschieht das auch mithilfe eines Mannes, besagtem Robert, dem sie sich annähert. Es führt jedoch nicht dazu, dass sie einfach nur den Herren austauscht. Vielmehr ist es ihre unprofessionelle, unorthodoxe Herangehensweise beim Puzzlen, die sie für den Experten interessant macht.

Mitgefühl für eine Gestrandete
Sowohl das Puzzlen wie auch Robert sind dabei nur ein Mittel zum Zweck, eine symbolische Starthilfe für eine überfällige Selbstsuche. Dass es überhaupt zu einer romantischen Annäherung kommt, wäre so nicht notwendig gewesen. Der Film schafft es auch so, Gefühle für die Protagonistin zu erzeugen. Man drückt Agnes die Daumen, dass es ihr gelingt, einem Leben zu entkommen, das sicher nicht ganz schlecht ist, aber doch monoton und undankbar. Wie undankbar wird gleich zu Beginn deutlich, wenn sie ihre eigene Geburtstagsfeier organisiert, alles herrichtet, das Essen zubereitet, später aufräumt und putzt – ohne dass einer der drei Herren im Haushalt einen Finger krümmen würde.

Puzzle, das 2018 auf dem Sundance Film Festival Premiere hatte und später noch auf mehreren anderen Festivals lief, ist daher durchaus ein Crowdpleaser. Nicht nur Frauen, die in glücklosen Familiensackgassen gelandet sind, dürfen sich in Agnes wiederfinden. Vielmehr wird sie zu einer Identifikationsfigur für alle, die sich danach sehnen, dass diese Welt doch noch ein bisschen mehr zu bieten hat. Dass in einem selbst noch mehr steckt als das, was wir Tag für Tag abrufen, um unsere Rolle zu erfüllen. Auf diese Weise wird aus dem schrulligen Drama ein echter Wohlfühlfilm, der implizit jeden dazu ermuntert, einmal innezuhalten, sich das genau anzuschauen, was vor einem liegt und vielleicht doch mal etwas anders anzuordnen. Es könnte schließlich ein ganz neues Bild daraus werden.

Credits

OT: „Puzzle“
Land: USA
Jahr: 2018
Regie: Marc Turtletaub
Drehbuch: Oren Moverman, Polly Mann
Musik: Dustin O’Halloran
Kamera: Chris Norr
Besetzung: Kelly Macdonald, Irrfan Khan, David Denman, Bubba Weiler, Austin Abrams, Liv Hewson

Bilder

Trailer

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Puzzle
In „Puzzle“ fängt eine Hausfrau mit einem Puzzlespiel an, was für sie zum Ausgangspunkt wird, ihr monotones Leben zu überdenken und etwas Neues auszuprobieren. Das Szenario rund um eine Puzzle-Meisterschaft ist schon etwas schrullig. Eigentlich handelt es sich aber um ein recht universelles Wohlfühl-Selbstfindungsdrama, das dazu aufmuntert, eigene Wege zu suchen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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