Kritik

Schlaf

„Schlaf“ // Deutschland-Start: 29. Oktober 2020 (Kino)

Immer wieder wird Marlene (Sandra Hüller) nachts von seltsamen Albträumen heimgesucht, die von Mal zu Mal schlimmer, grausamer, brutaler werden. Als sie in der Zeitungsannonce eines Hotels den Ort ihrer nächtlichen Visionen wiederzuerkennen glaubt, beschließt sie, diesem einen Besuch abzustatten, um vielleicht auf diese Weise herauszufinden, was es mit dem Ganzen auf sich hat. Als sie jedoch schon kurze Zeit später einen Schock erleidet und in einem komatösen Schlaf fällt, reist ihr ihre Tochter Mona (Gro Swantje Kohlhof) hinterher. Zum einen will sie ihrer Mutter beistehen, für sie da sein, während sie regungslos im Bett liegt. Gleichzeitig ist sie von einer Neugierde getrieben, was genau sich in der Nacht in dem Hotel zugetragen hat …

Abgelegene Häuser sollten eigentlich grundsätzlich immer gemieden werden. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man sich viele Filme anschaut: Wann immer Protagonisten und Protagonistinnen ein solches aufsuchen, droht irgendwie Ärger. Besonders ausgeprägt ist dies natürlich im Horrorgenre, das die Einsamkeit des Ortes und die Entfernung zu einer rettenden Zivilisation gerne nutzt, um auf diese Weise Spannung zu erzeugen. Schließlich bedeutet es zum einen, etwas oder jemandem ausgeliefert zu sein. Es bedeutet aber auch, sich etwas stellen zu müssen, das lange unbeachtet vor sich hin wucherte, dunklen Geheimnissen etwa, vielleicht auch dem Bösen. Normalerweise wählen Geschichtenerzähler dafür alte Familienhäuser oder Feriendomizile, Orte, bei denen aus gutem Grund sonst kein Mensch ist.

Wo sind wir denn hier gelandet?
In Schlaf ist es nun ein Hotel, das zur Begegnung mit dem Unheimlichen einlädt. Da fordert zwangsläufig Vergleiche zu Shining heraus, das ebenfalls ein solches Setting verwendet. Und es gibt auch weitere Gemeinsamkeiten, darunter ein sich langsam verstärkender Wahnsinn und das Thema der Vergangenheit, die verdrängt wird, sich aber immer wieder ihren Weg bahnt. Lange Gänge, eine verwinkelte Architektur, dazu rätselhafte Bilder – da finden sich schon einige Gemeinsamkeiten. Anders aber als beim Klassiker nach Stephen King, wo das luxuriöse Anwesen durchaus als Reiseziel plausibel ist, wirkt das Hotel hier irgendwie fehl am Platz. Ein unfertiger Fremdkörper, bei dem man nicht sagen kann, ob er die Ruine einer Vergangenheit oder der Traum einer Zukunft ist, bei dem nie ganz sicher ist, dass es sie wirklich gibt.

In dem deutschen Mysteryfilm verschwimmen aber nicht nur zeitliche Grenzen. Wie der Titel Schlaf bereits ankündigt, geht es hier viel um Wachzustände und Träume, sowie die Schwierigkeit, beides auseinander zu halten. Mit den Albträumen von Marlene geht es los. Später wird sich das noch steigern, wenn die Ausflüge ins Unterbewusstsein keine kurzen Einschübe mehr sind, sondern gleichberechtigte Parallelhandlungen, sie sich durchaus auch gegenseitig bedingen dürfen. Michael Venus, der hie Regie führte und auch das Drehbuch mitschrieb, folgt dann in seiner Geschichte keiner Rationalität, sondern einer eigenen Traumlogik, in der die Wahrheit nie eine absolute ist. Jede Handlung, jede Begegnung, jeder Vorfall mit Symbolen beschmückt, bis man sich nicht mehr sicher ist, ob da überhaupt noch etwas dahinter ist.

Das Spiel mit den Rätseln
Das ist dann ein Fest für ein Publikum, das eben solche traumartigen Filme schätzt und sich in visuellen Schnitzeljagden verlieren möchte. Wenn Co-Autor Thomas Friedrich in seinem Statement zum Film Lost Highway von David Lynch und Kafka zitiert, dann ist die Fahrtrichtung bereits vorgegeben. Venus wiederum erwähnt unter anderem alte Volksmärchen. Der feuerrote Mantel des Artworks erinnert dabei natürlich an Rotkäppchen. Inhaltlich wird es einen Verweis auf Frau Trude geben. Doch der Blick ist nicht allein auf früher gerichtet, auf Rudimente und blasse Erinnerungen. Vielmehr ist Schlaf ein Film darüber, wie die Vergangenheit fortlebt, eine Rebellion gegen das Vergessen und Verdrängen, gegen das Verschweigen von dem, was nicht sein darf. Ein wildes Aufbäumen, in dem alles niedergerissen wird, das idealisierte Heimatbild im Dreck vergraben, ein altes Kinderlied zum Kampfschrei wird – gegen Unterdrückung, das Patriarchat, Konventionen und zivilisatorische Fessel.

Für ein Publikum, das klar Antworten braucht, ist das nichts. Und auch wenn die surreale Mischung aus Mystery und Horror nach der Weltpremiere auf der Berlinale 2020 von einem Genrefestival zum nächsten wandert, es geht weniger um den blanken Schrecken. Dafür lockt Schlaf mit meist wunderbaren, ausdrucksstarken Bildern und einem starken Ensemble. Dabei steht Gro Swantje Kohlhof (Endzeit, Wir sind die Flut) natürlich besonders im Fokus, die sich mit ihrem Kampf gegen die Schatten wieder für Größeres empfiehlt. Aber auch der Rest – unter anderem August Schmölzer als undurchsichtiger Hotelbesitzer und Agata Buze in einer besonders rätselhaften Nebenrolle – tragen dazu bei, dass der Film trotz einer etwas überladenen zweiten Hälfte ein gelungener Beitrag für das deutsche Genrekino ist.

Credits

OT: „Schlaf“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Michael Venus
Drehbuch: Thomas Friedrich, Michael Venus
Musik: Johannes Lehniger, Sebastian Damerius
Kamera: Marius von Felbert
Besetzung: Gro Swantje Kohlhof, Sandra Hüller, August Schmölzer, Marion Kracht, Max Hubacher, Agata Buzek

Bilder

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Schlaf
In „Schlaf“ machen sich erst die Mutter, dann die Tochter auf die Suche nach Antworten in einem abgelegenen Hotel. Der Mysteryhorror ist auch wegen der ausdrucksstarken Bilder und des starken Ensembles ein Fest für ein Publikum, das rätselhaft-surreale Filme schätzt. Eindeutige Antworten gibt es jedoch nicht, wenn die kontinuierlichen Aufhebungen von Grenzen in ein traumartiges Labyrinth führen, aus dem man höchstens aus eigener Kraft wieder herausfindet.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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