Kritik

Persischstunden

„Persischstunden“ // Deutschland-Start: 24. September 2020 (Kino)

Eigentlich versuchte der junge jüdische Belgier Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) dem Grauen zu entkommen. Doch auf seiner Flucht wird er zusammen mit vielen anderen aufgegriffen und soll nun von der SS getötet werden. Als er in seiner Verzweiflung behauptet, in Wahrheit Perser zu sein, bedeutet das für ihn eine unerwartete Rettung in letzter Sekunde. Offizier Koch (Lars Eidinger), Leiter der Lagerküche, träumt nämlich davon, nach dem Krieg ein Restaurant im Iran zu eröffnen. Und Gilles soll ihm dafür die notwendigen Sprachkenntnisse beibringen. Einfach ist das nicht, spricht er doch in Wahrheit kein Wort Farsi und muss deshalb auf die Schnelle eine eigene Sprache erfinden. Hinzu kommt, dass der Soldat Beyer (Jonas Nay) von Anfang an misstrauisch ist und nur auf eine Gelegenheit wartet, den Gefangen wieder loszuwerden …

Not macht erfinderisch, heißt es ja. Und welche Not könnte größer sein als die, von Leuten umgeben zu sein, die dich jeden Moment umbringen können, wenn ihnen nur irgendwie danach ist? Wie grausam, wie unbarmherzig die Männer sind, von denen Gilles umzingelt ist, das macht Persischstunden schon in den ersten Minuten klar. Der Film beginnt mit einer kleinen Massenhinrichtung unterwegs, schnell und effektiv, schließlich müssen die Soldaten weiter und etwas Wichtigeres tun, als sich um jüdische Gefangene zu kümmern, die sie unterwegs aufgesammelt haben. Wer Letztere sind, das erfahren wir nicht, abgesehen von dem jungen Protagonisten bleibt nicht genug Zeit, um sie kennenzulernen und der Anonymität zu entreißen.

Kampf gegen das Vergessen
Der Kampf gegen eben diese Anonymität ist eines der zentralen Themen des Films. Je weiter die Geschichte voranschreitet, je stärker das Band zwischen Gilles und Koch ist, umso mehr versucht der falsche Perser seine Position zu nutzen, um anderen zu helfen. Der schönste Einfall des auf einer Kurzgeschichte von Wolfgang Kohlhaase (In Zeiten des abnehmenden Lichts) basierenden Dramas ist der, dass der junge Belgier auf der Suche nach sprachlichen Inspirationen für seine erfundenen Wörter die Namen der anderen Gefangenen verwendet. Ausgerechnet Koch, der mit den Juden nichts zu tun haben will, trägt durch sein vermeintliches Vokabellernen dazu bei, dass diese unsterblich werden. Dass etwas von ihnen überlebt, selbst nachdem sie misshandelt, benutzt und getötet wurden.

Doch Persischstunden gewährt ihnen nur manchmal ein wenig Aufmerksamkeit. Abgesehen von zwei italienischen Brüdern, die an einer späteren Stelle in die Handlung einbezogen werden, bleiben die Gefangenen eine unerkennbare Masse, die zusammengepfercht in Barracken hausen, wenn sie sich nicht gerade im Steinbruch zu Tode schuften müssten. Regisseur Vadim Perelman (Buy Me – Käufliche Liebe) zeigt diese Umstände, schlachtet sie aber nicht aus. Er hat keinen Film über das Leben in einem KZ gedreht, vergleichbar zu Son of Saul. Stattdessen stehen in erster Linie die beiden Männer im Mittelpunkt, die durch eine gemeinsame Sprache aneinandergekettet werden, die es überhaupt nicht gibt.

Das Leben mit der Angst
Das Szenario ist originell, hätte auch gut im Kontext einer Komödie funktioniert, wo solche absurden Lügenkonstrukte immer wieder Anlass sind für Erheiterung. Doch auch wenn es zwischendurch humorvoll gefärbte Momente gibt: Das Drama, welches auf der Berlinale 2020 seine Weltpremiere hatte, lässt nie einen Zweifel daran, wie ernst die Lage ist. Teilweise ist das gelungen, wenn Perelman immer wieder die prekäre Situation verdeutlicht. Sollte sich Gilles nur irgendwann vertun, etwa ein falsches Wort benutzen, dann bedeutet das sein sicheres Ende. Schon der Name ist ein Anlass zur Gefahr, da der Häftling sich den Namen Reza gegeben hat und nur auf diesen reagieren darf und muss. Dieser Druck wird zusätzlich von einem ungewohnt verabscheuungswürdig auftretenden Jonas Nay verstärkt, dessen Figur es sich zur Aufgabe gemacht hat, den unliebsamen Gefangenen loszuwerden.

Weniger geglückt sind andere Aspekte. So zieht sich Persischstunden beispielsweise merklich, da zu wenig in eine tatsächliche Entwicklung investiert wird. Mal tritt die Geschichte auf der Stelle, dann wiederum werden Zwischenschritte übersprungen. Wenn Gilles zu einem späteren Zeitpunkt wie selbstverständlich Koch duzt, dann ist das schon irritierend. Konstant – leider – ist dafür die aufdringliche Musik, die auch leisere Szenen zum Bersten dramatisch machen will, anstatt auch mal ein bisschen Luft zum Atmen zu lassen. Hinzu kommt, dass der Film an vielen Stellen nicht plausibel ist. Warum sich Gilles all diese einmal aufgesagten Fantasiewörter merken kann, ohne sie sich irgendwo zu notieren, das wird nicht nachvollziehbar erklärt. Sehenswert ist das Drama aber trotz dieser diversen Schönheitsfehler, auch wegen der Paarung Nahuel Pérez Biscayart (120 BPM) und Lars Eidinger (All My Loving), die mit großen Kontrasten auftreten, sich dabei aber doch langsam annähern, eine Form des menschlichen Miteinanders verkörpern in einem Umfeld, in dem sämtliche Menschlichkeit verloren gegangen ist.

Credits

OT: „Persian Lessons“
Land: Deutschland, Russland
Jahr: 2020
Regie: Vadim Perelman
Drehbuch: Ilya Zofin
Vorlage: Wolfgang Kohlhaase
Musik: Evgueni Galperine, Sacha Galperine
Kamera: Vladislav Opelyants
Besetzung: Nahuel Pérez Biscayart, Lars Eidinger, Jonas Nay, Leonie Benesch, Alexander Beyer, Luisa-Céline Gaffron, David Schütter

Bilder

Trailer

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Persischstunden
In „Persischstunden“ behauptet ein jüdischer Belgier Perser zu sein, um auf diese Weise der Ermordung durch die Nazis zu entkommen. Das Szenario ist originell, die Geschichte um einen Mann, der eine Sprache erfinden muss, um leben zu dürfen, zumindest teilweise auch spannend. Probleme in der Entwicklung des Stoffes und die aufdringliche Musik schmälern jedoch den Eindruck.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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