(„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ directed by Matti Geschonneck, 2017)

In Zeiten des abnehmenden Lichts

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ läuft ab 2. Juni 2017 im Kino

90 Jahre, das ist doch mal ein stolzes Alter. Und wenn derjenige sich so sehr um die DDR verdient gemacht hat wie Wilhelm Powileit (Bruno Ganz), dann ist klar, dass neben Verwandten und Freunden auch die Parteiriege antanzt, um dem alten Mann zu gratulieren. Wirklich zum Feiern zumute ist ihm aber nicht. Viel zu viele Leute sind da, auch welche, die er überhaupt nicht kennt. Während seine Frau Charlotte (Hildegard Schmahl) alles dafür tut, dass das Fest trotz Wilhelms Eigensinn ein voller Erfolg wird, droht die absolute Katastrophe: Ausgerechnet ihr Enkel Sascha (Alexander Fehling) hat sich in den Westen abgesetzt – was aber niemand erfahren darf, um einen Skandal zu vermeiden.

Wenn es in Filmen etwas groß zu feiern gibt – seien es Hochzeiten, Geburtstage oder Todesfälle –, dann ist immer die Zeit der Abrechnung gekommen. Alte Konflikte werden ausgepackt, Lebenssichten und Egos prallen aufeinander, die Figuren sind auf engem Raum aneinander gekettet und haben nicht mehr die Möglichkeit, sich und ihre Ansichten zu verstecken. Bei In Zeiten des abnehmenden Lichts ist das nicht groß anders. Da wären die täglichen Reibereien zwischen Wilhelm und Charlotte beispielsweise anlässlich der aufdringlichen Angestellten Lisbeth (Gabriela Maria Schmeide). Da wäre Sohn Kurt (Sylvester Groth), der schon gar nicht mehr seine Affäre zu verheimlichen versucht, während seine russische Frau Irina (Evgenia Dodina) ständig betrunken ist. Und auch Melitta (Natalia Beliski), die Frau von Sascha, die sich nun allein um das Kind kümmern muss, hatte es schon mal leichter in der Familie.

Die Familie als Spiegel einer Nation
Sprengstoff gibt es mehr als genug. Und doch ist der Film eben keine reine Aufarbeitung einer Familie im Clinch. Stattdessen nutzte Eugen Ruge in seinem vielbeachteten, gleichnamigen Roman die Familie Powileit, um damit auch den Zerfall der DDR zu veranschaulichen. Nur kurze Zeit wird der sozialistische Staat zum Zeitpunkt der Feier noch existieren – In Zeiten des abnehmenden Lichts spielt im Herbst 1989 –, trotz aller Beteuerungen, dass im Land alles ganz wunderbar ist, die vielen Risse und Auflösungserscheinungen sind kaum zu übersehen.

Das spiegelt sich schon in der wundervoll gestalteten Einrichtung des Hauses wieder: Überall finden sich kleine Details eines langen Lebens, das schon damals überholt war. Es ist ein stickiges Haus, zugestopft und knarzend, voller Persönlichkeit, voller Eigensinn, voller Erinnerungen an eine frühere Zeit. Ein Haus, das aber auch bedrückend ist, muffig, geradezu klaustrophobisch, keinen Blick nach draußen gewährt. Dass In Zeiten des abnehmenden Lichts anders als diverse frühere DDR-Filme – beispielsweise Sonnenallee – nicht unbedingt nostalgisch an die damalige Zeit zurückdenkt, das wird aber auch an den absurden Dialogen deutlich, wo Selbstüberzeugung und politische wie gesellschaftliche Realität auseinanderklaffen. Da wird von dem Glanz des Kommunismus geträumt, während bereits alles drumherum auseinanderbricht, immer mehr Menschen eiligst das Land verlassen.

Der respektvolle Umgang mit dem Scheitern
Trotz dieser kritischen, teils satirischen Passagen: Der Film hat es sich nicht zur Aufgabe gemacht, alles und jeden zu verdammen, der Teil der DDR war. So wenig er ein Blatt vor den Mund nimmt, so sehr begegnet er seinen Figuren doch auch mit Respekt. Das Experiment des Kommunismus mag gescheitert sein, an dessen Erfolg geglaubt zu haben, war deshalb noch nicht unbedingt ein Fehler. Und so mischen sich in In Zeiten des abnehmenden Lichts dann auch die skurrilen und die nachdenklichen Momente. Szenen, die einen zum Lachen bringen treffen auf Szenen, die bitter sind, von verpfuschten Leben erzählen, von Entbehrungen, Enttäuschungen und Verlusten.

Das prasselt umso konzentrierter auf einen herein, weil die Tragikomödie sich kaum von der Stelle bewegt: Fast der gesamte Film spielt im Haus von Wilhelm und Charlotte, was ihn oft wie ein Theaterstück wirken lässt und für viel Spannung sorgt. Dass das immerhin 500 Seiten starke Buch so sehr zusammengestaucht wurde, hat aber nicht nur positive Effekte. Sehr verwirrend ist es, wie viele Personen hier auftauchen, von denen man im Einzelnen gar nicht sagen kann, wer sie sind und in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Beispielsweise treffen wir Charlotte in einer Szene, wie sie sich im Wintergarten mit Stine (Angela Winkler) unterhält. Wer diese Frau sein soll, wird jedoch nicht verraten, sie ist stattdessen auf einmal da. So wie Wilhelm von den vielen Leuten in seinem Haus überfordert ist, so sehr ergeht es einem auch als Zuschauer. Nein, Erklärungen sollte man von In Zeiten des abnehmenden Lichts besser nicht erwarten. Nicht darüber, was hier genau vor sich geht, nicht darüber, warum die DDR gescheitert ist. Stattdessen nimmt uns der Film mit zurück ins Dämmerlicht, wo wir in Begleitung einer hervorragenden Besetzung – Ganz als charmantes Ekel ist eine Wucht – noch einmal zurückdenken dürfen, uns erinnern an das, was war. An das, was hätte sein sollen.

In Zeiten des abnehmenden Lichts
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In Zeiten des abnehmenden Lichts
„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ nimmt uns mit in die letzten Wochen der DDR und zeigt anhand einer auseinanderfallenden Familie den Zusammenbruch des Staates. Viel erklärt wird dabei nicht, der Film interessiert sich mehr für das „was“ anstatt das „warum“. Das ist oft lustig, oft aber auch tragisch, bei aller Absurdität gleichzeitig kritisch und doch respektvoll den Figuren gegenüber.
8von 10

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