Kritik

Meine Familie und der Wolf Ma famille et let loup

„Meine Familie und der Wolf“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Nein, begeistert ist der 9-jährige Hugo (Enzo Ingignoli) so gar nicht, den Sommer bei der Familie verbringen zu müssen. Eigentlich kennt er niemanden dort, nicht mal sein Vater Arno (Pierre Rochefort) hat wirklich Lust darauf hinzufahren. Aber es hilft ja nichts, schließlich wird seine Mutter Sara (Carmen Maura) 80 Jahre alt und will das im Kreise ihrer diversen Kinder und Enkel feiern. Dabei dauert es nicht lange, bis der Haussegen schief hängt. Während Hugo von seinen Cousinen schikaniert wird, kämpft Arno mit den Brüdern darum, was eigentlich mit dem Haus geschehen soll. Und als wäre das nicht schon genug Aufregung, erzählt Sara eine sonderbare Geschichte über einen Wolf, dem sie vor Jahren ein Versprechen gegeben hat und der sie nun kommen holen soll …

Ach ja, die liebe Familie. Wenn da alle zusammenkommen, meist zu Weihnachten oder eben Geburtstagen, ist die Freude am Anfang groß, aber es dauert oft nicht lange, bis die ersten Meinungsverschiedenheiten entstehen, die auch schon mal in hässlichen bis peinlichen Streitigkeiten enden können. Es ist daher immer mit einem gewissen Vergnügen, Filme über solche Familienfeiern zu sehen, in denen ausgelassene und eskalierende Situationen sich abwechseln. Gerade aus Frankreich gibt es in der Hinsicht ein paar schöne Beispiele, etwa Familientreffen mit Hindernissen oder auch Die Familienfeier, welche die ganz besondere Atmosphäre solcher Ereignisse einfangen.

Erwachsenes Thema für ein junges Publikum
Meine Familie und der Wolf geht da prinzipiell in eine ähnliche Richtung, legt dann aber doch einen etwas anderen Schwerpunkt. Der eine große Unterschied ist, dass sich der Film an ein jüngeres Publikum richtet. Das bedeutet einerseits, dass die Kinder in der Geschichte einen größeren Raum einnehmen, als sie es sonst meistens tun. Regisseur Adrià Garcia erzählt ausführlich, wie Hugo sich anfangs schwer mit den Cousinen tut, sie sich später aber doch annähern und zunehmend Zeit miteinander verbringen. Tatsächlich ist der Junge eigentlich die Hauptfigur, auch wenn dessen Darsteller Enzo Ingignoli in den Credits erst ganz weit hinten auftaucht, nachdem alle Erwachsenen bedient wurden.

Die jüngere Zielgruppe zeigt sich aber auch in dem märchenhaften Umgang mit einem schwierigen Thema: der Tod. Wenn Großmutter Sara der Familie von dem bevorstehenden Wiedersehen mit einem Wolf erzählt, mit dem sie als junge Frau einen Pakt eingegangen hat, dann wissen ihre Söhne sehr wohl, dass dies auf ihren nahenden Tod bezogen ist. Für die Kinder jedoch ist die Geschichte noch ebenso wahr wie die der Zahnfee oder des Weihnachtsmannes, was Anlass einer bittersüßen Komik ist, wenn sie ihrerseits einen Pakt schließen, den Wolf zu jagen. Verbunden werden diese Erzählungen der Großmutter mit animierten Sequenzen. Das ist etwas unerwartet, aber doch stimmig, zumal Garcia vor vielen Jahren den Animationsfilm Nocturna inszeniert hat.

Zwischen Fantasie und Alltag
Insgesamt gelingt es dem Beitrag vom Filmfest Hamburg 2020 auch schön, diese Balance zu halten aus den poetisch-fantastischen Szenen und den realistischen. Wenn die Kinder einen Ausflug ans Meer wagen oder sich an einer Mutprobe versuchen, dann hat Meine Familie und der Wolf eine angenehm nostalgische Note. Die Erinnerung an einen Sommer, der gleichzeitig gewöhnlich und ganz besonders war. Hier sind auch nirgends Smartphones zu sehen, die ländliche Gegend wirkt wie aus einer anderen Zeit – was durch das zunehmend brüchige, rissige Haus noch weiter verdeutlicht wird. Wenn Arno und die anderen darüber streiten, was mit dem Haus geschehen soll nach dem Tod ihrer Mutter, dann ist das eben auch die allgemeine Frage, wie mit der Vergangenheit, wie mit Erinnerungen umzugehen ist.

Das ist charmant, süß, an manchen Stellen auch unterhaltsam. Allzu viel Tiefgang sollte man sich jedoch nicht erwarten, bedingt durch die Zielgruppe. Enttäuschend ist in erster Linie jedoch, dass so wenig in die Figurenzeichnung investiert wurde. Die wenigsten zeigen im Laufe der rund 85 Minuten irgendeine erkennbare Form von Persönlichkeit. Besonders auffällig ist das bei den Brüdern Arnos, die man bis zum Schluss allenfalls anhand des Aussehens auseinander halten kann. Besser getroffen hat es da das spanische Urgestein Carmen Maura (Leute kommen und gehen) als resolute Großmutter mit Witz, Fantasie und Herz. Von ihr, aber auch dem Rest der Filmfamilie, hätte man gerne noch mehr gesehen. Aber auch in dieser Form ist Meine Familie und der Wolf eine empfehlenswerte Tragikomödie, die sich auf eine ganz eigene Weise des Themas Sterblichkeit annimmt und auf behutsame Weise mit den Kindern teilt.

Credits

OT: „Ma famille et le loup“
IT: „My Family and the Wolf“
Land: Frankreich
Jahr: 2019
Regie: Adrià Garcia
Drehbuch: Victor Maldonado,  Alfredo Torres, Christine Ponzevera, Valérie Magis, Stéphane Malandrin
Musik: Stephen Warbeck
Kamera: Christophe Duchange
Besetzung: Enzo Ingignoli, Carmen Maura, Pierre Rochefort, Bruno Salomone, Franc Bruneau, Baptiste Sornin, Tatiana Gousseff, Veronica Novak, Wim Willaert, Charline Emane, Filip Junescu, Rose de Gouvello Grach, Ambre Hasaj

Bilder

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Meine Familie und der Wolf
In „Meine Familie und der Wolf“ verbringt ein 9-Jähriger den Sommer mit der Großfamilie, um gemeinsam den 80. Geburtstag der Oma zu feiern. Das ist charmant und unterhaltsam, nimmt sich zudem auf behutsame Weise des Themas Sterblichkeit ein. Bei der Figurenzeichnung hätte deutlich mehr gemacht werden dürfen, aber auch mit diesem Mangel ist die Tragikomödie eine schöne Mischung aus Alltag und Fantasie.
7von 10

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