Kritik

Die Familienfeier

„Die Familienfeier“ // Deutschland-Start: 21. August 2020 (DVD)

Es hätte ein richtig schönes Fest zum Geburtstag von Andréa (Catherine Deneuve) werden sollen. Ihre beiden Söhne Vincent (Cédric Kahn) und Romain (Vincent Macaigne) sind da, zusammen mit ihren Partnerinnen und Kindern. Ihr Mann Jean (Alain Artur) werkelt in der Küche, auch die anderen haben schon etwas vorbereitet. Worauf jedoch keiner vorbereitet war: Plötzlich steht auch Claire (Emmanuelle Bercot) vor der Tür, ihre Tochter aus erster Ehe, die vor einiger Zeit in die USA ausgewandert ist. Es dauert dann auch nicht lange, bis erste Spannungen in der Luft sind. Nicht allein, dass Claires Tochter Emma (Luàna Bajrami) überhaupt keine Lust auf ein Wiedersehen hat, wurde sie doch einfach bei der Verwandtschaft zurückgelassen. Auch Claire selbst hadert mit ihrer Vergangenheit und fordert endlich ihr Recht ein …

Sie können einer der schönsten Höhepunkte des Jahres sein – oder aber der absolute Albtraum. Wenn Familien zusammenkommen für größere Feiern, seien es nun Geburtstage, Weihnachten oder andere Anlässe, dann wird das schnell zu einem Wechselbad der Gefühle. Schließlich bedeutet das, dass man sich für eine Weile wieder ganz eng auf der Pelle hockt, wodurch bald schon die Nerven etwas blank liegen können und auf einmal Sachen aus einem heraussprudeln, die man vielleicht gar nicht so sagen wollte. An diese Erfahrungen, wie sie wohl jeder macht, knüpft Cédric Kahn in seinem Film Die Familienfeier geschickt an, wenn ein freudiges Ereignis immer mal wieder eskaliert, nur um dann doch noch mal in die Spur zu finden.

Ein schlechtes Omen
Dabei lässt der Regisseur und Co-Autor keinen Zweifel daran, dass dieser Tag alles anders als beständig sein wird. Schon das Wetter schlägt Kapriolen, wechselt in Sekundenschnelle von Sonne zu Regen und symbolisiert auf diese Weise, was einen bei Die Familienfeier erwartet. Das wird anfangs noch mit lockeren Sprüchen abgetan, mit kleinen Bemerkungen. Doch auch wenn meteorologisch der große Sturm ausbleibt, zwischenmenschlich kracht es dafür umso mehr. Gründe dafür gibt es mehr als genug, sie werden jedoch erst nach und nach klar. Schließlich wird auch bei der Familie um die Matriarchin über vieles nicht gesprochen, was irgendwie unangenehm sein könnte. Stattdessen kümmert man sich lieber um das Dekor, um Girlanden und Schriftzüge. Man will es schön haben.

Doch so wie das Wetter diese hübsche Fassade zunichte machen kann, passiert auch anderweitig beim Umgang miteinander immer irgendwas, das die Harmonie mindestens gefährdet, wenn nicht gleich ganz in Fetzen reißt. Dabei gibt es in Die Familienfeier gleich mehrere Unruheherde. Anfangs meint man noch, dass Claire die Wurzel des Bösen ist. Eine Frau, die ihre Tochter zurückgelassen hat, sich auch anderweitig selbstsüchtig zeigt und keinen Respekt hat – das ist doch mal eine ideale Antagonistin. Aber so anstrengend sie auch ist, die Wahrheit ist komplexer. Denn so etwas wie „die“ Wahrheit, die gibt es in dem Film gar nicht. Die regelmäßigen Perspektivwechsel und sich ändernde Allianzen sorgen dafür, dass sich einem mit der Zeit Details offenbaren, die anfangs noch verborgen waren.

Ausgewogene Charaktere
Negative Eigenschaften haben die Figuren dann alle, ohne dass daraus eindeutige Positionen würden. Während man in solchen Filmen oft Partei für jemanden ergreifen mag und auch soll, ist das hier nahezu unmöglich – dafür ist da zu viel Bewegung drin. Das wird ein Publikum eventuell frustrieren, dass sich von derartigen Geschichten immer ein Happy End oder zumindest eine Art Abschluss erhofft. In Die Familienfeier geht das Leben einfach weiter, von Regen zu Sonne und wieder zurück. Die eine oder andere Erkenntnis kommt hier zwar schon, sowohl für die Charaktere wie auch die Zuschauer und Zuschauerinnen daheim. Man hat jedoch nicht das Gefühl, dass dabei wirklich etwas geklärt wurde, die große Katharsis bleibt aus.

Obwohl der Film im Vergleich zu anderen französischen Familienfest-Filmen wie Familientreffen mit Hindernissen oder Ende eines Sommers dann und wann natürlich schon genüsslich übertreibt, im Sinne einer humorvollen Unterhaltung: Die Familienfeier überzeugt als realistische Darstellungen von Dynamiken innerhalb einer Familie. Wobei das zu einem Großteil ein Verdienst des hervorragenden Ensembles ist. Angeführt von der Grande Dame Deneuve fallen hier reihenweise talentierter Schauspieler und Schauspielerinnen übereinander her, von denen besonders Emmanuelle Bercot (Mein Ein, mein Alles) als labile Aussteigerin und Vincent Macaigne (Zwischen den Zeilen) als wenig ernst genommener Künstler in Erinnerung bleiben. Und so ist man am Ende froh, bei dieser Feier dabei gewesen zu sein dürfen – aber auch darüber, dass dies nur aus der Distanz heraus geschah.

Credits

OT: „Fête de famille“
IT: „Happy Birthday“
Land: Frankreich
Jahr: 2019
Regie: Cédric Kahn
Drehbuch: Cédric Kahn, Fanny Burdino, Samuel Doux
Kamera: Yves Cape
Besetzung: Catherine Deneuve, Emmanuelle Bercot, Vincent Macaigne, Cédric Kahn, Laetitia Colombani, Luàna Bajrami, Alain Artur, Isabel Aimé Gonzalez-Sola, Joshua Rosinet

Bilder

Trailer

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Die Familienfeier
In „Die Familienfeier“ kommt eine Familie zusammen, um den Geburtstag der Mutter zu feiern, und verzettelt sich bald in diversen Kleinkriegen. Das ist trotz der gelegentlichen Übertreibungen überzeugend, vor allem aufgrund des herausragenden Ensembles und der Figurenzeichnung, die klare Schuldzuweisungen vermeidet und immer wieder neue Perspektiven ermöglicht.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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