Kritik

To the North Kita no hou e

„To the North“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Seit Kindertagen sind Ken (Yuya Fujita) und Sho (Ibuki Shimizu) Freunde und unzertrennlich. Während Ken seinen Comic- und Bierkonsum mit Gelegenheitsjobs als Kassierer und Verkäufer finanziert, macht sich Sho gar nicht erst die Mühe, nach einem Job zu suchen, gilt er doch in den Augen seiner Eltern ohnehin als Versager. Wenn die beiden sich treffen, träumen sie davon, wie es wäre auszubrechen, Abenteuer zu erleben oder einfach mal Tokio für ein paar Tage zu verlassen. Durch Zufall ergibt sich für sie beide die Gelegenheit, ihren Traum wahr werden zu lassen, denn durch einen Bekannten erhalten sie den Auftrag, ein Auto in den Norden zu transportieren. Da die beiden Jugendlichen keinen Führerschein haben, nehmen sie den wortkargen Hünen Toshiyaki (Masateru Otogi) mit, der sich als Fahrer anbietet und ebenfalls etwas Wichtiges im Norden Japans zu erledigen hat. Ziel ihrer Reise ist die Stadt Aizu, in dem jährlich das Kamakura Festival stattfindet und Ken einst das Mädchen seiner Träume gesehen hat. Auch wenn sich das Auto als pinkfarbener Van mit Tiara und Wimpern an den Scheinwerfern herausstellt, lassen sich Sho und Ken nicht entmutigen. Während der Fahrt trinken sie Bier und erzählen sich Geschichten aus Kindertagen oder wie sie angeblich Frauen abgeschleppt haben, bis dann mit der Anhalterin Miki (Misao) eine Veränderung in ihrer Routine eintritt. Die ist nämlich auf der Flucht vor ihrem eifersüchtigen Ehemann und will nichts wie weg von diesem.

Straße in ein anderes Leben
Für sein Spielfilmdebüt geht der in Hollywood bekannte Produzent Bruce Nachbar (Free State of Jones) einen eher ungewohnten Weg. Mit nur wenig Geld und der Hilfe einer Kickstarter-Kampagne finanzierte er einen Film in Japan mit japanischen Darstellern, da er sich und anderen beweisen wollte, dass man einen qualitativ hochwertigen Film machen kann, mit guten Darstellern und dabei das Budget einer Independent-Produktion nicht überschreiten muss. Entstanden ist dabei To the North, der nun unter anderem beim Japan-Filmfest Hamburg läuft, eine recht solide Mischung aus Coming-of-Age Drama und Roadmovie, wie sie für den japanischen Independentfilm üblich ist.

Nicht nur in Japan, sondern in den Independent-Produktionen vieler Länder hat sich die Straße als Metapher für Erwachsenwerden und Erfahrung bewährt. Alleine in Deutschland wird man bei der Sichtung von Bruce Nachbars To the North wohl unwillkürlich in Produktionen wie Fatih Akins Tschick denken, deren Grundsituation zumindest gewisse Parallelen aufweist. Gerade eine Fahrt von der Hauptstadt aus in den Norden Japans ist eine Reise in ein ganz anderes Japan, von der Landschaft her sowie den Wetterbedingungen, was die Idee des Abenteuers, nach welchem Sho und Ken suchen, betont, ist diese Welt doch tatsächlich eine andere als die gewohnte. Jedoch ist es für sie auch eine spirituelle oder emotionale Veränderung, die sie sich versprechen, welche zunächst geprägt ist von jugendlich-naiven Vorstellungen über das andere Geschlecht und Sexualität, sich aber im Handlungsverlauf naturgemäß verändert. Die Veränderung der Umwelt, eingefangen durch Hans Bobanovits’ teils sehr schöne Aufnahmen der Landschaft, geht somit einher mit dem spirituellen Wachstum der beiden Jungen.

Freundschaft und Liebe
Während To the North erzählerisch auf bekannten Pfaden tritt, sind es vor allem die Darsteller, welche die Geschichte über den Durchschnitt erheben. Yuya Fujita und Ibuki Shimizu spielen glaubhaft zwei Freunde, die sich schon seit langem kennen, über die Macken des anderen Bescheid wissen und gelernt haben, gewissen Übertreibungen oder Eigenschaften zu akzeptieren. Gerade Fujita, dessen Veränderung oft im Fokus der Handlung steht, stellt überzeugend einen jungen Erwachsenen dar, der sich in seiner Komfortzone sichtlich wohlfühlt und Angst vor einen Ausbruch aus dieser hat.

Darüber hinaus ist es Misaos Auftritt als Miki, welcher dem Film deutlich an Schwung gibt und die eben jene Veränderung des Weltbildes der beiden Jungen gibt.

Credits

OT: „Kita No Hou E“
Land: Japan
Jahr: 2019
Regie: Bruce Nachbar
Drehbuch: Bruce Nachbar
Musik: Masateru Otogi
Kamera: Hans Bobanovits
Besetzung: Yuya Fujita, Ibuki Shimizu, Misao, Masateru Otogi, Taro Yabe, Midori Kikuchi

Trailer

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To the North
Bruce Nachbars "To the North" ist ein vor allem schauspielerisch sehr solider Beitrag zum Genre des Roadmovies. Erzählerisch und inszenatorisch gut umgesetzt, weiß die Geschichte zu unterhalten und liefert die richtige Balance zwischen Komödie und Drama.
6von 10

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