Ein Ausflug in die schottischen Highlands, was kann da schon groß passieren? Jede Menge! In seinem Spielfilmdebüt Get Duked! erzählt Ninian Doff von vier Jugendlichen, die sich allein durch die Natur schlagen müssen und dabei bald von einem Einheimischen gejagt werden. Nachdem die schwarze Komödie schon auf mehreren internationalen Festivals lief, ist sie seit dem 28. August 2020 auch auf Amazon Prime Video verfügbar. Das haben wir zum Anlass genommen, um uns mit dem schottischen Regisseur und Drehbuchautor über Inspirationen, tödliche Generationenkonflikte und sein eigenes Verhältnis zur Natur zu unterhalten.

Wie bist du auf die Idee für den Film gekommen?
Ich hatte schon eine Reihe von Kurzfilmen und Musikvideos gedreht und wollte nun endlich auch mal einen Spielfilm drehen. Dafür hatte ich mehrere Ideen, mit denen ich gespielt habe. Klar war, dass es etwas einfacheres, geradliniges sein sollte, das man relativ problemlos drehen kann. Ursprünglich sollte es wirklich nur um die vier Jungs gehen, die alleine die Highlands durchqueren müssen, um den Duke of Edinburgh Award zu bekommen. Den gibt es ja tatsächlich. Das bedeutet normalerweise, dass man zwei Tage im Freien campen muss. Nur dass sie hier von dem Duke verfolgt werden. Der zweite Punkt war, dass ich ein wenig die politische Lage abbilden wollte: Das Establishment zerstört die Zukunft der Teenager und kümmert sich nicht darum, was es hinterlässt. Ich hatte dann die Idee, eine Art Rachegeschichte daraus zu machen für die junge Generation, die sich das nicht länger gefallen lässt. In Horrorfilmen ist es normalerweise so, dass die Jungen nur um ihr Leben rennen. Das wollte ich nun umdrehen.

Du hättest trotz dieses Wechsels aber nach wie vor einen Horrorfilm aus dem Stoff machen können. Warum wurde es am Ende eine Komödie?
Ich komme nun mal aus dem Komödienfach. Das ist der Bereich, in dem ich zu Hause bin und für den mein Herz schlägt. Ich sehe mir schon gern Horrorfilme an und bewundere sie. Deswegen hat es mir auch viel Spaß gemacht, mit diesem Genre zu spielen. Aber ich kann mir momentan nicht vorstellen, etwas zu schreiben, das durchweg ernst ist.

Du hast bereits den derzeitigen Generationenkonflikt angesprochen. Solche hat es aber eigentlich schon immer gegeben. Was macht den von heute so besonders? Wie würdest du ihn beschreiben?
Du hast natürlich recht, dass es die immer schon gegeben hat. Aber es fühlt sich jetzt noch frustrierender und arroganter an, gerade im Hinblick auf die Klimaveränderung. Denn es geht jetzt nicht nur um die Frage, was Jugendliche in Zukunft tun dürfen und wer sie sein dürfen, sondern ob es überhaupt noch eine Zukunft für sie gibt. Als jemand, der im Vereinigten Königreich lebt, bin ich auch alles andere als ein Fan des Brexits. Die Auswirkungen für Leute, die studieren, reisen oder im Ausland arbeiten wollen, werden massiv sein. Und irgendwie sieht es überall düster aus, es regieren immer mehr Leute, die nur mit sich selbst beschäftigt sind, vielleicht auch Narzissten sind, und deren einziges Ziel es ist, Macht und Reichtum anzuhäufen. Welche Welt die Teenager von heute erben werden und was mit der Natur geschieht, das ist denen egal. Der Frust über diese Situation war ein entscheidender Antrieb für den verrückten Humor im Film.

Aber gibt es nicht auch diesen Konflikt innerhalb der Generation? In Get Duked! sind drei der vier jungen Protagonisten eigentlich an nichts interessiert und müssen von dem vierten angetrieben werden. Und wenn du dir die Welt da draußen ansiehst, hast du einerseits Leute wie Greta Thunberg, die zu einer Ikone des Protests wurde, aber gleichzeitig viele, denen das völlig egal ist.
Absolut. Diesen Konflikt hast du auch immer in Filmen, die sich mit Jugendlichen und der Frage der Identität und Selbstfindung beschäftigen. Duncan zum Beispiel wird von der Welt als dumm eingeordnet. Dabei ist er derjenige der vier, der am Ende so etwas wie das nächste Google erfinden könnte. Dean will die ganze Zeit nur kiffen und sieht erst gar nicht die Möglichkeit, etwas anderes aus sich und seinem Leben zu machen. Der Film ist für diese Jungs aber auch eine Art Erwachen, wenn sie sich ihrer selbst und der Welt bewusst werden, der Situation, in der sie sich befinden, und eben der Frustration.

Du hast vorhin erwähnt, dass vielen Politikern die Natur egal ist, weil sie mehr mit persönlichem Reichtum beschäftigt sind. Aber auch die vier Jungs wissen nicht, was mit ihr anzufangen ist, als sie in ihr unterwegs sind. Haben wir also nicht insgesamt den Bezug zur Natur verloren, unabhängig vom Alter?
Gute Frage. Ich schätze mal, das hängt auch davon ab, wo du lebst. In dem Film ist die Natur für sie fremd, das stimmt. Eine wunderbare Zeile in Trainspotting ist, als sie in der Natur sind und es heißt: „Es ist nicht natürlich, hier draußen zu sein“. Das hat mich immer zum Lachen gebracht. Du hast also schon recht, dass unser Bezug mehr und mehr verloren geht. Wahrscheinlich höre ich mich jetzt wie ein absoluter Hippie an, aber wenn wir mehr Zeit in der Natur verbringen würden und sie für uns weniger abstrakt wäre, würden wir vielleicht besser mit ihr umgehen, als wir es jetzt tun.

Wärest du selbst denn in der Lage, draußen in der Wildnis zu überleben?
Ich liebe ja die Vorstellung davon, komplett unabhängig draußen unterwegs zu sein, abseits der Zivilisation. Aber um ehrlich zu sein, bringe ich dafür dann wohl doch nicht die notwendigen Fertigkeiten mit. Wahrscheinlich würde ich nicht sehr lange in der Natur überleben, vielleicht nicht mal so lange wie die Jungs. Ich verbringe mehr Zeit damit mir vorzustellen, wie es wäre, da draußen zu sein, als mich tatsächlich auf eine solche Situation vorzubereiten und zu lernen, was man dafür wissen müsste.

Die Jungs müssen nicht nur in der Natur an sich überleben, sondern auch im Kampf gegen den Duke, und nehmen dafür als Waffe, was auch immer sie finden – mit teils groteskem Ergebnis. Was wäre die Waffe deiner Wahl?
Das stimmt, das Material der Jungs ist doch recht dürftig (lacht). Wenn ich in derselben Situation wie sie wäre, mich also in den Highlands verteidigen müsste, und ich völlig frei Wahl hätte, würde ich einen abgerichteten Steinadler nehmen, der von oben meine Verfolger angreifen kann. Die Steinadler gibt es tatsächlich in den Highland, sehr, sehr schöne Tiere. Sie sind nur sehr selten.

Um auf ein weniger martialisches Thema zu kommen: Ich mochte die Idee der Checkliste, auf der Ian ständig etwas abhakt und dann doch wieder wegstreicht, um am Ende würdig für den Preis zu sein. Wenn du selbst jetzt so eine Checkliste erstellen müsstest mit Punkten, die zu erfüllen sind, um ein guter Mensch zu sein, was wäre da drauf?
Wow, da muss ich erst einmal drüber nachdenken. Vermutlich würde sie sich um Punkte wie Freundlichkeit und Einfühlungsvermögen drehen, Rücksicht auf andere. Auch auf die Gefahr hin, schon wieder wie ein Hippie zu klingen: Wenn wir alle die Leute um uns herum gut behandeln würden, wäre die Welt ein besserer Ort.

Letzte Frage: Was sind deine nächsten Projekte?
Ich habe schon das nächste Filmdrehbuch geschrieben und hoffe, das umsetzen zu können. Außerdem schreibe ich an einem Drehbuch fürs Fernsehen und will auch weiterhin an kürzeren Projekten wie Musikvideos arbeiten. Aber ja, ich hoffe, auch weiterhin verrücktere und komische Filme drehen zu dürfen.

Photographed by Colin Ross

Zur Person
Ninian Doff  (38) wurde in Edinbugh, Schottland geboren, wo er auch aufwuchs, und lebt nun in London. Er drehte eine Reihe von Musikvideos, unter anderem für Run the Jewels, JJ Doom und Miike Snow, sowie mehrere Kurzfilme. Sein Komödienkurzfilm short Cool Unicorn Bruv lief auf mehr als 50 Festivals weltweit. 2019 feierte sein erster Langfilm Get Duked! Premiere auf dem South by Southwest Festival, damals noch unter dem Titel Boyz in the Wood. Anschließend lief die Komödie auf mehreren anderen internationalen Festivals, etwa in Sitges und Rotterdam.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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