Kritik

Semper Fi

„Semper Fi“ // Deutschland-Start: 9. Juli 2020 (Kino)

Seit dem Tod ihrer Mutter haben die beiden Halbbrüder Cal (Jai Courtney) und Oyster (Nat Wolff) nur noch einander. Sie teilen eine Wohnung, sind im selben Freundeskreis, sie bereiten sich auch beim Marine Corps auf einen Einsatz im Irak vor. Doch während der ältere Cal inzwischen sein Leben im Griff hat und als Polizist für Recht und Ordnung sorgt, da strauchelt der sorgenfreie Oyster immer wieder. Einen großen Traum hat er, er möchte Koch werden. Aber dabei steht er sich regelmäßig selbst im Weg, geriet schon mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. Als eines Nachts der nächste Vorfall ansteht, droht dies, die beiden für immer zu entzweien …

Es ist schon eine Weile her, dass man einen Film von Henry Alex Rubin hat sehen dürfen. Zuletzt erschienen eine Reihe von Kurzfilmen des US-amerikanischen Regisseurs. Sein letzter Langfilm war 2012 das Drama Disconnect, in dem er sich mit den verschiedenen Fallstricken eines Lebens im Internet befasste. Ganz so universell wie seinerzeit sind die Themen in Semper Fi sicher nicht. Die Befürchtung, Rubin könne nach dem 2018 ausgestrahlten US Marine Corps: A Nation’s Call nun einen weiteren Werbefilm für das US-Militär gedreht haben – Semper Fi, kurz für Semper fidelis, ist immerhin das Motto des Marine Corps –, bestätigt sich aber auch nicht.

Für wen kämpfen wir?
Das lateinische Motto, auf Deutsch „immer loyal“, steht dabei durchaus im Mittelpunkt der Geschichte. Rubin, der zusammen mit Sean Mullin das Drehbuch geschrieben hat, stellt darin eine potenziell durchaus essenzielle Frage: Wem sollte meine Loyalität gelten? Bin ich den Menschen verpflichtet, gerade solchen, die mir nahestehen? Oder stehen Regeln und Gesetz über allem, selbst wenn diese auf groteske Weise missbraucht werden? Semper Fi macht es sich an der Stelle relativ leicht, indem sich der Film später sehr eindeutig festlegt. Er erwartet zudem vom Publikum, dass es ihm folgt, auch unter Zuhilfenahme von diversen Klischees, die sich mit der Korruption des US-amerikanischen Justizsystems befassen. Das ist in Zeiten von Black Lives Matter und Protesten gegen willkürliche Polizeigewalt durchaus angebracht, reicht aber für eine wirkliche Diskussion nicht aus.

Verwirrend ist dabei jedoch nicht, dass das Drama seine eigenen Fragen sofort wieder beantwortet, unter etwas fragwürdigen Umständen. Vielmehr braucht Semper Fi sehr lange, bis es mal auf den Punkt kommt und diese Fragen verfolgt. Genauer hat der Film drei deutlich zu unterscheidende Teile, die chronologisch aufeinanderfolgen und sich auch inhaltlich auseinander ergeben. Sie passen nur nicht zusammen. Der erste Teil befasst sich mit der Clique, zeigt sie in ihrem Alltag und welche Verbindungen sie untereinander haben. Das ist auch der beste Part des Films. Rubin zeigt die fünf Jungs als eine Art Schicksalsgemeinschaft, die nicht unbedingt immer sympathisch ist, mit ihren Ecken und Fehlern aber durchaus authentisch daherkommt.

Überall Gewalt
Der zweite Part befasst sich mit dem Wahnsinn des Krieges, vor allem den Mängeln des US-Justizsystems. Das ist zwar ein wichtiges Thema, bleibt hier jedoch zu grob dargestellt. Dass die Rechtsprechung nicht immer etwas mit Gerechtigkeit zu tun hat, das ist nun wirklich kein Geheimnis. Auch, dass man in den USA weniger Wert auf Wiedereingliederung legt, sondern ein Bestrafungsgedanke hinter allem steckt, der bei manchen an die sadistischen niederen Instinkte appelliert, ist bekannt. Da hätte es schon mehr gebraucht. Ganz abstrus wird es aber zum Schluss. Nicht, dass es verkehrt ist, über Selbstjustiz nachzudenken und wie man für eben diese fehlende Gerechtigkeit sorgen kann, wenn das System diese nicht zulässt. Nur fehlt eben diese wirkliche Auseinandersetzung, stattdessen verkommt das Drama da zu einem eher billigen Action-Reißer.

Das ist auch deshalb schade, weil das Ensemble gute Arbeit liefert. Im Mittelpunkt steht natürlich das Zusammenspiel von Jai Courtney (Suicide Squad) und Nat Wolff (The Kill Team), deren Figuren ein inniges, gleichzeitig schwieriges Verhältnis haben. Der Rest der Clique überzeugt ebenfalls, gibt den grölenden Kerlen Nuancen, zeigt tragische Gestalten, die für einen Platz in dieser Welt kämpfen. Es wäre interessant gewesen, noch mehr Zeit mit ihnen zu verbringen, sie besser kennenzulernen, einige der Themen der zu vertiefen, die sie unbewusst antreiben. Doch Semper Fi lässt nicht viel zu, zeigt lieber Grausamkeiten des Krieges und andere Misshandlungen, als sich damit auseinanderzusetzen, klopft sich am Ende auf absurde Weise selbst auf die Schulter, wenn der einzige Ausweg die Flucht zu sein scheint.

Credits

OT: „Semper Fi“
Land: UK, USA
Jahr: 2019
Regie: Henry Alex Rubin
Drehbuch: Henry Alex Rubin, Sean Mullin
Musik: Hanan Townshend
Kamera: David Devlin
Besetzung: Jai Courtney, Nat Wolff, Finn Wittrock, Beau Knapp, Arturo Castro, Leighton Meester

Bilder

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Semper Fi
4.05 (81.05%) 19 Artikel bewerten

Semper Fi
„Semper Fi“ erzählt von zwei Halbbrüdern, die ein inniges, wenn auch schwieriges Verhältnis haben und durch einen Vorfall für immer entzweit zu werden drohen. Das Drama spricht eine Reihe durchaus interessanter Themen an, vertieft diese aber kaum und nutzt auch das gute Ensemble zu wenig. Stattdessen gibt es einen grotesken dritten Akt, der inhaltlich fragwürdig ist und nicht so recht zu allem passt.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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