Kritik

Schwarze Milch

„Schwarze Milch“ // Deutschland-Start: 23. Juli 2020 (Kino)

Nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Freund kehrt Wessi (Uisenma Borchu) in ihre Heimat, die Mongolei zurück. Dort trifft sie ihre Familie wieder, vor allem ihre Schwester Ossi (Gunsmaa Tsogzol), die zusammen mit ihrem Ehemann ein einfaches Leben als Viehhüterin mitten in der mongolischen Steppe lebt. Während ihre Familie eine Feier ihr zu Ehren veranstaltet, stellt sich bald schon heraus, welche emotionale Distanz zwischen den beiden Schwestern herrscht, denn die sehr traditionsbewusste Lebensweise Ossis wird schon bald von Wessi auf eine harte Probe gestellt. Doch es sind nicht nur die Traditionen und der Lebensstil, der für Streit sorgt, sondern auch, dass sich Wessi für den zurückgezogen lebenden Terbish (Terbish Demberel) interessiert. Als Wessi ihrer Schwester offen eingesteht, welche Anziehung der Mann auf sie hat, stellt sie sich gegen die Familie und die Bräuche, welche die Rollen von Mann und Frau ganz klar definieren.

„Ich gehöre zu dir.“
In ihrem zweiten Spielfilm nach Schau mich nicht so an, für den sie den Bayrischen Filmpreis erhielt, erzählt die deutsch-mongolische Regisseurin Uisenma Borchu abermals von Charakteren, die zwischen zwei Kulturen leben. Doch es geht ihr, wie sie in einem Interview mit der taz sagt, vor allem um die Kraft der Frau, die sich in der mongolischen Kultur nicht zuletzt durch den symbolischen Charakter der Milch ausdrückt, die sowohl für etwas Nährendes stehen kann wie auch für etwas Dunkles, Verborgenes. Schwarze Milch ist deswegen eine Geschichte über die Begegnung zweier Weltbilder, die Zuneigung zweier Schwestern und schließlich darüber, was es heißt, wirklich frei zu sein.

Nachdem ihr Freund, gespielt von Franz Rogowski, unmissverständlich klargemacht hat, sie würde zu ihm gehören, nimmt Wessi seine Aussage auf, probt sie gegenüber ihrem Spiegelbild und sagt den Satz selbst ein paar Mal, bevor ein Schnitt erfolgt und sie dann auf dem Weg in ihre Heimat ist. Zwar wird diese Aussage nur am Anfang des Films getätigt, dennoch stellt sie so etwas wie ein Motto für den von Borchu gespielten Charakter dar, der eine gewisse Ambivalenz ausdrückt. Wirkt er auf der einen Seite noch sehr selbstsicher, fast schon als Trotzreaktion auf das emotionale Besitzdenken des Mannes, wirkt es dann andererseits wieder wie eine Frage, deren Antwort sie sich nicht sicher zu sein scheint. In gewisser Weise könnte die Frage auch an ihre Schwester oder ihre Heimat gerichtet sein, deren Antwort sie nun näher kommen will.

Generell verhandelt Borchus Drehbuch diese und ähnliche Aspekte, konzentriert sich dabei insbesondere auf die Beziehung der beiden Schwestern, die, wenn man alleine schon auf ihre Namen verweist, erhebliche kulturelle Gegensätze darstellen. Auch in ihrer Beziehung herrscht jene Ambivalenz zwischen großer Nähe und Liebe füreinander, aber dann auch wieder jene unüberwindbaren Gegensätze, die nicht alleine nur kulturell bedingt sind, sondern auch mit jenen Geschlechterrollen zu tun haben, in die man sich hineinpresst oder hineinpressen lässt.

Meine Erde, deine Erde
Dieses Thema findet sich zudem aus ästhetischer Ebene wieder, speziell in der Inszenierung der Handlungsorte. Besonders eindrucksvoll, wie schon in ihrem Vorgängerfilm, zeigen Borchu und Kameramann Sven Zeller die Weite der Wüste Gobi, jenes unendlich wirkende flache Land, die Dünen und das Rauschen des Windes. Es ist eine trügerische Freiheit, die sich in diesen Bildern zeigt, konterkariert von der Enge der Behausungen, zum Beispiel während der Familienfeste, die, ähnlich wie das Bild der schwarzen Milch, ein Geheimnis beinhaltet, was vielleicht eher wie eine Beschränkung des Raumes wirkt und weniger als ein endloser, freier Raum.

Besonders gelungen sind die beiden Frauenfiguren, die zwar Gegensätze darstellen, welche aber nie aus einer rein wertenden Perspektive gezeigt werden. Ganz im Gegenteil wird selbst die traditionsbewusste Ossi als eine Figur gesehen und gespielt, die sich über diese Bräuche ihre Rolle als Frau aufgebaut hat, nun als etwas gilt innerhalb der Gemeinschaft, wie sie ihrer Schwester erzählt, gerade nun, da sie ihr erstes Kind zur Welt bringt.

Credits

OT: „Schwarze Milch“
Land: Deutschland, Mongolei
Jahr: 2020
Regie: Uisenma Borchu
Drehbuch: Uisenma Borchu
Musik: Daniel Murena
Kamera: Sven Zeller
Besetzung: Uisenma Borchu, Gunsmaa Tsogzol, Terbish Demberel, Franz Rogowski, Borchu Bawaa

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Schwarze Milch
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Schwarze Milch
„Schwarze Milch“ ist ein starkes, sehr gut gespieltes Drama über Geschlechterbilder, Tradition und Freiheit. Über ihre Geschichte verhandelt Regisseurin Uisenma Borchu abermals Themen, die sie schon in ihrem ersten Spielfilm behandelte, denkt diese weiter und verlagert sie in die Weite der mongolischen Wüste, einen Ort, an welchem sich jene Sehnsucht nach Freiheit und der enge Gürtel der Tradition begegnen.
8von 10

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