Kritik

Labyrinth of Cinema

„Labyrinth of Cinema“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Es ist ein schwarzer Tag für die Einwohner und Einwohnerinnen von Onomichi, zumindest für die Filmbegeisterten: Das letzte Kino in der Stadt, die im Südwesten Japans am Meer liegt, soll geschlossen werden. Doch bevor es so weit ist, beschließt der Manager einen besonderen Abend, der gefüllt ist mit japanischen Kriegsfilmen. Klar, dass Noriko (Rei Yoshida) mit von der Partie ist, die immer wieder beim Kino ausgeholfen hat. An Gästen mangelt es auch nicht, der Saal ist gut gefüllt. Dabei verläuft der Filmmarathon anders als gedacht, denn Noriko ist plötzlich Teil des Geschehens auf der Leinwand. Und auch drei junge Männer aus dem Publikum finden sich in den Geschichten wieder: der gutherzige Mario (Takuro Atsuki), der an Geschichte interessierte Hosuke (Takahito Hosoyamada) sowie Shigeru (Yosihiko Hosoda), der einmal Yakuza werden will …

Kult-Regisseure aus Japan gibt es bekanntlich so einige. Ob es der Vielfilmer Takashi Miike ist, der mit seinen schwarzhumorigen, blutroten Grotesken seine Fans erfreut, das Enfant Terrible Sion Sono mit seinen oft subversiven Werken oder auch Sabu, der nicht viel von Genregrenzen hält – das Land der aufgehenden Sonne hat schon eine Reihe bemerkenswerter Filmemacher hervorgebracht. Und dann gibt es natürlich noch Nobuhiko Ôbayashi, der in Sachen Exzentrik seinen Kollegen in nichts nachsteht. Am ehesten wird man ihn noch für sein Langfilmdebüt Hausu oder House kennen. Der experimentelle Film über ein Spukhaus, das nach und nach eine Gruppe von Schulmädchen verschlingt, wurde seinerzeit zwar nicht unbedingt wohlwollend von den Kritikern aufgenommen, erspielte sich im Laufe der Zeit aber eine treue Fangemeinde. Im Anschluss drehte Ôbayashi noch viele weitere, nicht minder ungewöhnliche Filme, die jedoch hierzulande allenfalls auf Festivals liefen.

Lasst und Grenzen einreißen!
Das gilt auch für Labyrinth of Cinema, das letzte Werk des Altmeisters, der im April 2020 seinem langjährigen Krebsleiden erlag. Für ein breites Publikum ist der Film definitiv nichts. Und selbst bei einem offeneren Arthouse-Klientel dürfte es der überbordende, dreistündige Ritt durch die japanische Geschichte schwer haben. Glücklicherweise gehört es aber zum Angebot der diesjährigen Online-Ausgabe der Nippon Connection. Der Kontrast eines virtuellen Kinos der Gegenwart mit dem traditionellen, welches wir im Film sehen, könnte natürlich nicht größer sein. Da trifft der Blick zurück aufs Historische mit den Bestimmungen der Gegenwart und den Ansprüchen der Zukunft zusammen. Und doch passt es sehr gut zu einem Werk, das kontinuierlich alle Grenzen aufhebt, sowohl räumliche wie auch zeitliche, einen Ausgleich sucht inmitten eines Wirbels aus Eindrücken und Geschichten.

Labyrinth of Cinema dürften den einen oder anderen an den Anime Millennium Actress erinnern. Dort war es ein Reporterteam, das im Rahmen eines Interviews mit einer ehemaligen Schauspieler zu Protagonisten der Filme wurde, über die sie sprachen. So wie Satoshi Kon vor bald zwanzig Jahren, nutzt Ôbayashi sein Werk als Liebeserklärung an das japanische Kino, das wir im Schnelldurchlauf noch einmal kennenlernen dürfen. Das kann in Form direkter Verweise sein, wenn etwa Regisseur Yasujiro Ozu thematisiert wird. Mal beschränkt er sich darauf, die verschiedenen Genres und Zeiten direkt zu zeigen, da wechseln sich schon mal Samurais und Soldaten des Zweiten Weltkriegs ab.

Verloren in einem irren Labyrinth
Im direkten Vergleich ist Labyrinth of Cinema jedoch deutlich weniger zugängig. Verband Millennium Actress diese Flashbacks und Grenzüberschreitungen mit einer emotionalen Hauptgeschichte über die Suche nach Liebe und Selbstverwirklichung, da verzichtet Ôbayashi auf jeglichen Überbau. Das macht gerade die erste Hälfte ausgesprochen anstrengend, wenn wild hin und her gesprungen wird, ohne dass es einen Rahmen gibt, der die willkürlichen Schnappschüsse zusammenhalten würde. Erst in der zweiten Hälfte, wenn der Film doch noch eine konkretere Geschichte um eine in Hiroshima getötete Theatertruppe verfolgt, werden Geschehen und Figuren greifbarer. Das gilt auch für die Antikriegsaussagen, die immer zu seinen Filmen gehörten – etwa im vorangegangenen Hanagatami, das von den Auswirkungen des Krieges auf junge Männer erzählt.

Es braucht daher schon Geduld, um sich durch die vielen Szenen, den Wust an Informationen und das Erratische zu kämpfen – umso mehr, da Ôbayashi auch bei der konkreten Ausgestaltung gewohnt eigene Wege geht. Da werden Farben verfremdet, Figuren und Objekte bewusst „falsch“ ins Bild montiert, nichts in dem Film sieht real aus. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die bewusst übertrieben auftretenden Schauspieler, die sich in Slapstick-Momenten austoben und damit die Ernsthaftigkeit der Themen und die Emotionalität weiter torpedieren. Doch das gehört zum Konzept: Labyrinth of Cinema will einerseits die Grausamkeiten des Krieges aufzeigen, gleichzeitig Hoffnung für die Zukunft geben und versteht das Kino als Ort, das Aufklärung und Zusammenhalt fördern kann. Das letzte Werk des Regisseurs ist damit auch so etwas wie sein Magnum Opus, eine Zusammenfassung von all dem, was ihn und seine Arbeit auszeichnete: schillernd und verwirrend, unterhaltsam und erschreckend, abstrakt und doch auch menschlich.

Credits

OT: „Umibe no eigakan – Kinema no tamatebako“
Land: Japan
Jahr: 2019
Regie: Nobuhiko Ôbayashi
Drehbuch: Nobuhiko Ôbayashi
Musik: Yamashita Kosuke
Kamera: Sanbongi Hisaki
Besetzung: Takuro Atsuki, Yoshihiko Hosoda, Takahito Hosoyamada, Rei Yoshida

Bilder

Trailer

Filmfeste

Tokyo International Film Festival 2019
International Film Festival Rotterdam 2020
Nippon Connection 2020

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Labyrinth of Cinema
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Labyrinth of Cinema
In seinem letzten Film „Labyrinth of Cinema“ drehte Kult-Regisseur Nobuhiko Ôbayashi eine Art Best of seines Schaffens sowie des japanischen Kinos, wenn er quer durch die Film- und Kriegsgeschichte seines Landes reist. Das ist überbordend und gerade zu Beginn wenig zugänglich, wenn die experimentellen Sprünge mehr Verweis als Geschichte sind. Doch im weiteren Verlauf beruhigt sich das Geschehen, wird emotionaler und endet als einer der schönsten und zugleich eigensinnigsten Antikriegsfilme.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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