Kritik

Extro

„Extro“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Kozo Haginoya hat einen großen Traum: Er möchte einmal einen Feuerwehrmann im alten Japan spielen! Den ersten Schritt hat er geschafft, der 64-jährige Zahntechniker hat seinen Beruf aufgegeben und ist bei einer Agentur untergekommen, die Statisten an Filme vermittelt. Dafür gibt es dann zwar kein Geld. Aber so ein Traum, der ist eh unbezahlbar. Aber leider auch schwer umzusetzen, wie er bald feststellen muss. Erst haben sie etwas an seinem Bart auszusetzen, dann an seiner Weise, wie er spielt. Ob es nun die Regisseure sind oder auch die professionellen Schauspieler, immer wieder gibt es Ärger. Doch aufgeben kommt für Haginoya nicht in Frage, denn er weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er es endlich schafft …

Es gehört ein bisschen zur Natur der Dinge, dass bei einem Film nicht alle im Rampenlicht stehen können. Das Hauptaugenmerk liegt auf ein paar wenigen Schauspielern und Schauspielerinnen. Dann und wann schafft es auch jemand aus dem Bereich Regie oder Filmmusik in den Olymp, wird auch unabhängig von dem konkreten Werk eine Marke. Am anderen Ende der internen Hierarchie stehen die ganzen Statisten, die oftmals so unwichtig sind, dass sie nicht einmal im Abspann namentlich genannt werden. Dabei spielen sie durchaus eine wichtige Rolle, sind es doch die Figuren, die sich im Hintergrund aufhalten und dort unbeachtet von der Geschichte ihrem Leben nachgehen und damit der gezeigten Welt die nötige Echtheit verleihen.

Fast wie im echten Leben!
Mit Extro wirft Regisseur Naoki Murahashi nun einen Blick auf diesen oft übersehenen Teil eines Films. Dabei wählt er die Form einer Mockumentary, um sich dem Thema zu nähern, sprich eines Spielfilms, der sich als Dokumentarfilm tarnt. Dafür wechselt er kontinuierlich zwischen zwei verschiedenen Arten von Szenen. Die einen sind den Schauplätzen entnommen, an denen gerade Filme gedreht werden und diverse Laienschauspieler, darunter eben Haginoya, mitwirken. Die anderen sind vermeintliche Interviewaufnahmen mit eben diesen Laien, aber auch Leuten, die für die Agentur arbeiten – die aus „echten“ Dokus bekannten Talking Heads.

Das wird den einen oder anderen eventuell an Top Knot Detective erinnern, eine weitere japanische Mockumentary, damals erzählte man von einer fingierten TV-Serie und dem Schicksal der beteiligten Schauspieler. Die Filme, die in Extro gedreht werden sollen, spielen hingegen keine wirkliche Rolle. Man erfährt vielleicht mal einen Titel, gerade auch bei einem späteren Werk. Zudem ist klar, dass sie im alten Japan spielen, weil das Freiluftstudio, in dem die Mockumentary oft unterwegs ist, sich auf solche Kulissen spezialisiert hat. Murahashi und Drehbuchautor Hirohito Goto beachten sie jedoch kaum.

Die detailreiche Hintergrundgeschichte
Sehr viel wichtiger ist den beiden, ein wenig die Figuren vorzustellen, ihre Motivationen und Geschichten, und dabei gleichzeitig etwas über die Abläufe eines solchen Statistendasein zu berichten. Das ist teilweise so spannend, dass man sich fast wünschen würde, Extro wäre eine wirkliche Dokumentation und würde reale Einblicke geben, anstatt nur so zu tun. Andererseits ist der Beitrag der Nippon Connection 2020 dafür oft brüllend komisch. Ob nun die völlig unbegabten Amateure irgendwelchen Quatsch machen, weil sie keine Ahnung haben, wie sie sich zu verhalten haben, oder zu einem späteren Zeitpunkt eine Nebenhandlung um einen Undercover-Einsatz aufgemacht wird, zu lachen gibt es hier einiges.

Auf eine durchgängige Geschichte, einen roten Faden, muss man dabei jedoch verzichten. Extro ist eine Ansammlung von Einzelsequenzen, die chronologisch aufeinanderfolgen, ohne dabei eine tatsächliche Entwicklung zu zeigen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Film lieblos zusammengestückelt ist. Im Gegenteil: Es ist beeindruckend, wie viele Elemente Goto immer wieder in sein Skript packt, die er an späterer Stelle wieder aufgreift, zu einem Zeitpunkt, an dem man es als Zuschauer längst wieder vergessen hatte. Auf diese Weise gelingt es dem Team, eine eigene kleine Welt zu erschaffen, die skurril und doch glaubwürdig ist, bei der es Spaß macht, selbst ein bisschen herumzulaufen und sich die vielen Geschichten erzählen zu lassen, die das Leben so schreibt – oder eben der Film.

Credits

OT: „Extro“
Land: Japan
Jahr: 2019
Regie: Naoki Murahashi
Drehbuch: Hirohito Goto
Musik: Masamichi Torii
Kamera: Hirohisa Fujita
Besetzung: Kozo Haginoya, Koji Yamamoto, Yuki Saito, Yasufumi Terawaki, Nobuhiko Obayashi

Bilder

Trailer



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Extro
„Extro“ erzählt von einem 64-Jährigen, der unbedingt noch Schauspieler werden will, und deshalb bei einer Agentur für Statisten einsteigt. Die Mockumentary ist dabei eine Liebeserklärung an ein oft vergessenes, aber wichtiges Bestandteil von Filmen. Das schwankt zwischen skurril und authentisch, ergibt so das detailreiche Bild einer eigenen kleinen Welt, bei der es Spaß macht, ein Teil zu werden.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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