Kritik

Family Romance LLC

„Family Romance, LLC“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Schon seit vielen Jahren ist Yuichi Ishii mit seinem Unternehmen „Family Romance, LLC“ im Geschäft. Den Service, den er und seine Mitarbeiter anbieten ist, dass sie sich als Verwandte, Freunde und manchmal auch als Sündenböcke für eine Tat, die jemand anders verbrochen hat, engagieren lassen. Auch Ishii ist einer dieser Schauspieler und für einen neuen Klienten soll er den lange verschollenen Vater der 12-jährigen Mahiro (Mahiro Tanimoto) mimen, die davon natürlich nichts wissen darf. Bevor er sie das erste Mal trifft, bereitet er sich mit seiner Klientin, Mahiros Mutter, auf die Aufgabe vor, doch dies ist noch lange nicht der einzige Einsatz des vielbeschäftigen Mannes. Später übernimmt er die Vertragsverhandlungen mit einer neuen Klientin, deren Tochter dringend einen Vater für die bevorstehende Hochzeit benötigt, denn ihr eigentlicher Vater ist Alkoholiker, was der Familie sehr peinlich ist. Dann wieder übernimmt Ishii, im Auftrag eines neuen Klienten, die Verantwortung für einen Unfall an einem Bahnhof, ein Versehen, bei dem zwar niemand verletzt wurde, was aber dennoch den Mitarbeiter den Job gekostet hätte. Doch seine Arbeit geht nicht spurlos an Ishii vorüber. Einem alten Freund vertraut er seine Sorgen an, vor allem die, das er nicht mehr weiß, wer um ihm herum eigentlich noch echt ist und wer nur ein Schauspieler. Dazu kommt noch, dass bei einem Treffen Mahiro anfängt ihn „Papa“ zu nennen und ihm die emotionale Nähe zu ihr immer unangenehmer wird.

Die Rollen, die wir spielen
Für seinen neuesten Film Family Romance, LLC, der bei den letztjährigen Festspielen in Cannes Premiere feierte und nun Teil des Programms der diesjährigen Nippon Connection ist, reiste der deutsche Regisseur Werner Herzog nach Japan. Inspiriert von einem Zeitungsartikel über die tatsächlich existierende Firma und deren Manager Yuichi Ishii beschloss er, diese in Zentrum seines Filmes zu setzen. Entstanden ist dabei eine Melange aus Dokumentation und Spielfilm, die Themen wie Beziehungen und die Angst vor Alleinsein in der heutigen Zeit behandelt.

Bereits nach wenigen Minuten wird der Zuschauer unsanft aus einer perfekt inszenierten Illusion geworfen. Das rührende Treffen einer Tochter mit ihrem Vater entpuppt sich in dem darauf folgenden Gespräch mit der Mutter als ein Schauspiel, eine Show, nicht unähnlich der Pantomime, die Ishii in seiner Rolle als ihr Vater zur Unterhaltung Mahiros bei einem Treffen engagiert. Alles ist hier gekonntes Schauspiel, ein Geschäft, bei dem klare Regeln herrschen, wie das Prinzip, dass man keine emotionale Nähe zulassen soll und selbst, wie Ishii es sagt, keinesfalls sich verlieben sollte. Dennoch besteht die Gefahr durchaus, ist ein ständiger Begleiter und hat auch den erfahrenen Ishii nicht unberührt gelassen.

Gekauftes Glück
Als Zuschauer mag man sich dabei ertappen, wie man Ishii und seine Klienten für die Grausamkeit, die das schlussendliche Aufdecken der Illusion nach sich zieht, verurteilt. Jedoch legt es Herzogs Kamera zu keiner Zeit darauf an, sondern versucht in einem Wechselspiel der Nähe und Distanz einem Phänomen auf die Spur zu kommen, nämlich, warum Ishiis Klienten überhaupt diese Illusion brauchen und er so erfolgreich ist. Wenn eine Klientin ihn und sein Team beauftragt, ihr einfach mal eine Freude zu machen und sie zu überraschen, deckt dies vor allem auf, wie einsam sich viele Menschen in der modernen Welt fühlen, in der zwar alle vernetzt sind, aber doch irgendwie jeder in seiner eigenen Blase lebt.

Interessant und irgendwie erschreckend ist besonders eine seltene Szene, in der Ishii einmal keine Rolle spielt, sondern ganz er selbst ist. Zu Recherchezwecken interviewt er den Inhaber eines Roboterhotels, in dem das gesamte Personal sowie die Fische im Aquarium durch Roboter ersetzt wurden. Auch Family Romance, LLC möchte mit der Zeit gehen und er fragt sich, inwiefern nicht auch bald schon Roboter die vielen Rollen spielen könnten. Auf die Frage, ob Roboter auch träumen könnten, antwortet der Hotelier, es werde wohl nicht mehr lange dauern, bis dies möglich wäre.

Credits

OT: „Family Romance, LLC“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Werner Herzog
Drehbuch: Werner Herzog
Musik: Ernst Reijseger
Kamera: Werner Herzog
Besetzung: Yuchi Ishii, Mahiro Tanimoto

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Family Romance, LLC
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Family Romance, LLC
„Family Romance, LLC“ ist ein Film über Beziehungen und die Furcht vor dem Alleinsein in der Moderne. Werner Herzogs Kamera wirft einen provokanten Blick darauf, wie weit Menschen gehen, um Glück, Liebe und Geborgenheit zu spüren, auch wenn es sich dabei nur um eine Illusion handeln mag.
8von 10

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