Kritik

A Life Turned Upside Down My Dad's an Alcoholic You to bakemono ni naru chichi ga tsurai

„A Life Turned Upside Down: My Dad’s an Alcoholic“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Die Familie hat es echt nicht leicht mit Toshifumi Tadokoro (Kiyohiko Shibukawa). Sicher, er bringt Geld nach Hause und sorgt dafür, dass sie alle ein Dach über dem Kopf haben. Nur kommt er eben auch mit einem Vollrausch nach Hause, kaum ein Tag vergeht, an dem er nicht sturzbetrunken ins Haus torkelt und am liebsten schon im Flur einschläft. Während seine streng gläubige Frau Saeko (Rie Tomosaka) diese Exzesse stoisch erträgt, haben die beiden Töchter Saki (Honoka Matsumoto) und Fumi (Yui Imaizumi) sehr viel stärker darunter zu leiden, dass sie nie viel von ihrem Vater haben. Da hilft auch kein Flehen und kein Bitten. Erst als ein Unglück geschieht, scheint sich das Blatt zu wenden …

Während Regierungen auf der ganzen Welt gegen Drogen ankämpfen, auch der damit verbundenen Kriminalität wegen, da werden Genussmittel gerne ausgespart. Das hat sicherlich auch wirtschaftliche Gründe, spülen Zigaretten und Alkohol doch jede Menge Geld in die Kassen, von süchtig machenden Nahrungsmitteln ganz zu schweigen. Doch es hat auch mit kulturell verankerten Traditionen zu tun, dass wir bei manchen Drogen das eine oder andere Auge zudrücken. Gerade Alkohol wird gerne als eine Art gesellschaftliche Verpflichtung angesehen, wie der Dokumentarfilm Alkohol – Der globale Rausch vor Augen führte. Ein Bier hier, ein Gläschen Wein dort, das gehört einfach dazu.

Trinken als Arbeitsbedingung
Das gilt natürlich ebenso für andere Länder. A Life Turned Upside Down: My Dad’s an Alcoholic etwa nimmt uns mit nach Japan, wo ein typischer, nicht sehr auffälliger Angestellter kaum einen Tag mehr ohne Alkohol auskommt. Während man zunächst den Eindruck hat, Toshifumi würde das aus einem inneren Suchtverhalten tun, weil er einfach nicht von der Flasche kann, sind die Gründe komplexer – und vielfältiger. Einiges ist auf persönliche Ereignisse zurückzuführen, hat etwa mit dem Wunsch nach Vergessen zu tun oder auch mit Einsamkeit. Aber auch Gruppenzwang und Erwartungen spielen eine große Rolle. An mehreren Stellen wird hervorgehoben, dass das gemeinsame Feiern und Trinken mit Kollegen oder Kunden ein fester Teil der Arbeitskultur ist. Wer da nicht mitzieht, wird schnell zum Außenseiter und aufs Abstellgleis geschoben.

Aber auch bei Toshifumis Familie ist der Beitrag der Nippon Connection 2020 um Vielschichtigkeit bemüht. Gerade Saki, aus deren Sicht der Film erzählt wird, ringt immer wieder um ihre eigene Rolle in der Geschichte. Während anfangs das Verhältnis klar zu sein scheint – der Vater ist der Täter, die Familie das Opfer –, verschwimmen mit der Zeit die Grenzen. A Life Turned Upside Down: My Dad’s an Alcoholic hält dabei eine feine Balance, gerade auch im Hinblick auf die Verantwortung. Was können Angehörige tun, wenn jemand zum Alkoholiker wird? Was sollten sie tun? Einfache Antworten gibt es darauf nicht, je länger die Geschichte andauert, umso schwieriger wird die Suche danach.

Aus Spaß wird Ernst
Dabei ist der Ton anfangs ausgesprochen heiter, fast schon irritierend. Wenn der Vater mal wieder im Eingangsbereich zusammensackt und die Mädchen ihn mühsam richtig Schlafzimmer schieben, dann ist das schon ein komischer Anblick. Später wird A Life Turned Upside Down: My Dad’s an Alcoholic zwar zunehmend ernster, zeigt ähnlich zu Beautiful Boy die Vergeblichkeit eines solches Kampfes, behält sich aber eine verspielte Natur bei. Wiederkehrende Denkblasen, in denen Sakis Überlegungen visualisiert werden, verweisen auf die Vorlage, einen Manga von Mariko Kikuchi. Das passt einerseits zum Wunsch der Tochter, später selbst eine Comic-Laufbahn einzuschlagen. Es ist aber auch Ausdruck eines zutiefst unsicheren Menschen, der lange braucht, um sich aus der Rolle als Tochter eines Säufers zu lösen und eine eigene Rolle aufzubauen.

Die jüngere Schwester Fumi kommt dabei leider ziemlich kurz. Zwar taucht sie regelmäßig auf, muss mitanpacken, wenn mal wieder der Vater nichts auf die Reihe bekommt. Sie bleibt aber eine Fremde für Saki wie auch fürs Publikum, da wäre ein stärkerer Austausch interessant gewesen, gerade auch um die Perspektive etwas zu erweitern. Auch das relativ kurze Intermezzo der Protagonistin mit Satoshi (Shogou Hama), ihrer einen Chance, der Familienwohnung zu entkommen, bleibt schematisch. Insgesamt ist A Life Turned Upside Down: My Dad’s an Alcoholic aber ein sehr sehenswerter Beitrag zu einem Thema, das ebenso alltäglich wie schwierig ist und die Zuschauer und Zuschauerinnen immer wieder dazu zwingt, selbst über alles nachzudenken.

Credits

OT: „You to bakemono ni naru chichi ga tsurai“
Land: Japan
Jahr: 2019
Regie: Kenji Katagiri
Drehbuch: Kenji Katagiri, Ayumu Kyûma
Vorlage: Mariko Kikuchi
Musik: Soma Genda
Kamera: Yusuke Ichitsubo
Besetzung: Honoka Matsumoto, Kiyohiko Shibukawa, Yui Imaizumi, Rie Tomosaka, Yuri Tsunematsu, Shogou Hama

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A Life Turned Upside Down: My Dad’s an Alcoholic
„A Life Turned Upside Down: My Dad’s an Alcoholic“ erzählt aus der Perspektive der Tochter, wie es ist, mit einem alkoholkranken Vater zusammenleben zu müssen. Das fängt eher lustig an, wird später jedoch immer tragischer. Der Film wird aber auch vielschichtiger: Während einige Punkte und Figuren etwas kurz kommen, zeigt er gerade bei den beiden Hauptcharakteren, dass es in einer solchen Situation keine einfachen Antworten gibt.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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