Kritik

Alkohol Der globale Rausch

„Alkohol – Der globale Rausch“ // Deutschland-Start: 9. Januar 2020 (Kino)

Die Feiertage sind immer der Anlass schlechthin, um sich ein Gläschen zu gönnen. Wie wäre es mit einem schönen Aperitif, während man mit der Familie zusammen sitzt? Darf es ein kleiner Schnaps zur Verdauung sein, nachdem wir wieder viel zu viel gegessen haben? Ach, und mit Sekt anstoßen müssen wir natürlich auch noch! Dass Ende des Jahres ein gewisser Ausnahmezustand herrscht und man viel mehr durchgehen lässt, das ist Konsens. Ist doch was Besonderes. Oder vielleicht auch nicht: Alkohol gehört zumindest in den westlichen Ländern so sehr zu unserer Kultur, dass wir zuweilen gar nicht mehr merken, wie viel wir zu uns nehmen und wie selbstverständlich dieser flüssige Begleiter geworden ist.

Alkohol – Der globale Rausch führt uns das wieder vor Augen. Das kommt nicht ganz unerwartet, steckt doch Andreas Pichler dahinter. Und der hatte uns schon in seinem letzten Dokumentarfilm Das System Milch einen etwas erschreckenden Blick auf ein Konsumgut gewährt, dem wir nicht genug Beachtung schenken. Im Fall von Alkohol ist es jedoch nur zum Teil die Industrie, die sich schuldig macht an etwaigen Verfehlungen. Die gibt es natürlich schon. Wenn kaum ein Industrie-Vertreter bereit war, hierfür vor die Kamera zu treten, dann kommt das nicht von ungefähr. Bevor man sich selbst in kompromittierende Situationen bringt, kann man gleich ganz wegbleiben.

Warum lassen wir das zu?
Während diese Aspekte zu erwarten sind, kaum einer wird bei großen Unternehmen so etwas wie ein soziales Gewissen einfordern, ist es vor allem die gesellschaftliche bzw. politische Dimension, die einen verstört. Wenn jemand aus rein wirtschaftlichem Interesse das Leben anderer zerstört, dann ist das moralisch sicherlich nicht besser, doch aber irgendwo nachzuvollziehen. Doch weshalb verhalten sich auch die anderen so verantwortungslos? Dass Alkohol schädlich ist oder es zumindest sein kann, das ist nicht wirklich ein Geheimnis. Während aber beispielsweise beim Rauchen mit der Zeit eine öffentliche Ächtung stattfand, ist der Konsum von Alkohol weitestgehend verschont geblieben. Werbung, die überall sichtbar ist, vielleicht noch in Verbindung mit Stereotypen oder Sexismus? Klar, warum nicht!

Pichler geht auch diesen Fragen nach, wenn er durch die Welt reist, verschiedene Formen und Auswüchse des Konsums betrachtet, zudem die jeweiligen gesellschaftlichen Situationen. Mut macht in der Hinsicht das Beispiel Island, das im Rahmen einer parteiübergreifenden Aktion den starken Alkoholismus unter Jugendlichen eindämmen wollte. Das bedeutet im Klartext mehr Beschäftigung mit den jungen Menschen, mehr allgemeine Aufmerksamkeit, mehr Zusammenhalt auch. Die Idee: Wenn wir das allgemeine Szenario gemeinsam ändern, dann werden weniger zur Flasche greifen – ohne das Mittel des Verbots anwenden zu müssen. Besser ist es, die Einstellung anzugehen.

Das gehört so …
In anderen Ländern ist man nicht so weit, auch weil die Politik davon profitiert, wenn fleißig Alkohol konsumiert wird. Und so lange es kein entsprechendes Stigma dafür gibt Alkohol zu trinken, man sich im Gegenteil teils dafür rechtfertigen muss, es nicht zu tun – siehe Oktoberfest oder die ärgerliche Aussage eines Herren, der Kreativität und alkoholische Enthemmung miteinander verknüpft –, wird sich daran nichts ändern. Pichler selbst hält sich mit den Aussagen weitestgehend zurück, gibt am Anfang kleinere private Einblicke, verrät zum Schluss eine erschreckende Statistik. Ansonsten lebt Alkohol – Der globale Rausch von der Vielzahl von Stimmen und Meinungen, die mal einen professionellen Hintergrund haben, mal ganz persönlich sind.

Einiges neigt manchmal etwas zur Redundanz. Wenn eine Interviewpartnerin von ihren früheren Rauschzuständen erzählt und wie sehr sie vom Alkohol bestimmt war, dann hat man das schon recht früh verinnerlicht. Die späteren Szenen hätte es da gar nicht mehr gebraucht, zu wenig fügen sie dem Ganzen hinzu. Ohnehin ist dieser persönliche Teil vergleichsweise dünn mit lediglich zwei Beispielen, ein bisschen willkürlich auch. Dennoch, Alkohol – Der globale Rausch ist ein sehenswerter Beitrag zu einem Thema, das uns viel mehr angeht und beschäftigen sollte, als wir vielleicht ahnen, und gerade durch das Fehlen eindeutiger Antworten fordert, selbst irgendwo Stellung zu beziehen.

Credits

OT: „Alkohol – Der globale Rausch“
Land: Deutschland, Italien
Jahr: 2019
Regie: Andreas Pichler
Musik: Gary Marlowe
Kamera: Martin Rattini

Bilder

Trailer

Homepage

www.alkohol-derfilm.com



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Alkohol – Der globale Rausch
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Alkohol – Der globale Rausch
Alkohol ist nicht schlimm, den trinkt doch jeder! „Alkohol – Der globale Rausch“ zeigt auf, wie selbstverständlich der Konsum für uns ist, obwohl diverse Risiken damit einhergehen. Aufgrund der Weite des Themas geht nicht alles in die Tiefe, als Einblick von verschiedenen Seiten aus ist der Dokumentarfilm jedoch lohnenswert.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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