Kritik

The Hunt

„The Hunt“ // Deutschland-Start: 14. Mai 2020 (Video on Demand) // 3. September 2020 (DVD/Blu-ray)

Wie sie dorthin gekommen ist, das kann sich Crystal (Betty Gilpin) auch nicht erklären, als sie bei einer abgelegenen Waldlichtung zu sich kommt. Und sie ist nicht die einzige. Insgesamt zwölf Männer und Frauen hat es erwischt, sie wurden entführt und geknebelt, anschließend irgendwo ausgesetzt. Aber von wem? Und weshalb? Während sie sich noch wundern und eifrig die Waffen aufsammeln, die jemand in einer Kiste für sie bereitgestellt hat, fällt bereits der erste Schuss. Bald dämmert ihnen, dass da draußen jemand sein muss, der Jagd auf sie macht und das Ganze bis ins Kleinste geplant hat. Doch so leicht lässt sich Crystal nicht unterkriegen …

Ein bisschen leid kann einem Craig Zobel (Compliance, Z for Zachariah) ja schon tun. Erst wurde sein neuester Film The Hunt verschoben, weil kurz zuvor in den USA ein erneuter Waffen-Amoklauf geschah – ein ungünstiger Zeitpunkt für einen Thriller, in dem sich Menschen unentwegt abknallen. Und als er dann Anfang März doch noch in die Kinos kam, wurde er selbst von der Corona-Pandemie vorzeitig gekillt. Also verlagerte man das Geschehen ins Internet und bot ihn als Video on Demand an. In Deutschland wiederum wollte man die Wiedereröffnung der Kinos nicht abwarten, sondern nahm gleich die Online-Variante. Ob dem Film das Umfeld geschadet hat, ist schwer zu sagen. An Aufmerksamkeit mangelte es ihm zumindest nicht.

Die Gejagten werden zu Jägern
Das lag jedoch weniger an den Begleitumständen als vielmehr der Geschichte, die mancherorts für Empörung sorgt. Nicht dass das Motiv der Menschenjagd in Filmen sonderlich selten wäre, zumindest im Horrorbereich gibt es da so einige Beispiele, etwa Carnage Park. Auch Bacurau verwendete letztes Jahr ein solches Szenario. The Hunt jedoch nimmt diese Jagd und steckt sie in einen politischen Kontext. Hier wird eben nicht wahllos auf jemanden geschossen, der sich dummerweise zur falschen Zeit am falschen Ort aufhielt. Stattdessen ist der Film ein Kommentar zu dem mittlerweile unüberwindbaren Graben zwischen dem liberalen Amerika und dem Amerika eines Donald Trumps.

Der mittlerweile schon überall verratene Clou ist jedoch, dass es entgegen der Erwartung nicht die waffenverliebten, bigotten Rednecks sind, die Jagd auf die anderen machen. Hier ist es umgekehrt und die als „Deplorables“ bekannten US-Amerikaner werden zur Zielscheibe – wortwörtlich. Das ist überraschend und klingt erst einmal absurd: Warum sollten Leute, die sich eben gegen solche menschenverachtenden Waffeneinsätze richten, selbst zu Pistolen, Gewehren und anderen Todbringern greifen? Geht das nicht gegen alle Grundsätze? Grundsätzlich ja. Doch The Hunt nutzt diese Umkehrung zu satirischen Zwecken, um auf diese Weise die Verlogenheit vieler angeblicher Liberalen aufzudecken – ohne dabei die Gegenseite in Schutz zu nehmen.

Morde zu jeder Minute
Der Film macht sich dann auch einen Spaß daraus, die Klischees beider Seiten durch den Kakao zu ziehen, was vor allem bei den jagenden Liberalen unterhaltsam ist, wenn der Wille zu politischer Korrektheit mit einem wenig politisch korrekten Willen zur Selbstjustiz einhergeht. Und auch sonst ist hier vieles ziemlich übertrieben, allen voran die vielfältigen Möglichkeiten, wie hier jemand ums Leben kommt. Das erinnert ein bisschen an Ready or Not – Auf die Plätze, fertig, tot aus dem letzten Jahr, das ebenfalls mit viel schwarzem Humor von dem Kampf einer jungen Frau gegen versnobte Mördereliten erzählte. Nur dass es hier deutlich mehr zur Sache geht, ständig irgendjemand ins Gras beißt. Das kann auch sehr plötzlich passieren, viele Figuren sind schon tot, noch bevor man ihren Namen gehört hat.

Da braucht es manchmal schon einen etwas robusteren Magen, wenn Zobel mal wieder eine Schlachtplatte auftischt. Inhaltlich halten sich die Zumutungen jedoch eher in Grenzen. Gerade auch weil hier so viel mit Klischees gearbeitet wurde und die Figuren ohne echten Hintergrund bleiben, wird das nie mehr als eine gut gelaunte Metzeleinlage, die viel durch den abgeklärten Auftritt von Gilpin gewinnt. Die Waffen sind eher grob als wirklich scharf, für einen echten Skandalfilm ist das letztendlich zu harmlos. Für den einen oder anderen Piekser reicht es aber. Vor allem ist The Hunt unterhaltsam, wenn man sich für den absurden, schwärzeren Humor erwärmen kann. Nur in punkto Spannung sollte man sich nicht zu viel erhoffen, auch weil man auf beiden Seiten schwer jemanden finden wird, den man wirklich reinen Herzens anfeuern möchte.

Credits

OT: „The Hunt“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Craig Zobel
Drehbuch: Nick Cuse, Damon Lindelof
Musik: Nathan Barr
Kamera: Darran Tiernan
Besetzung: Betty Gilpin, Hilary Swank

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The Hunt
Als Skandalfilm des Jahres verkauft, fällt „The Hunt“ in erster Linie dadurch auf, dass hier ausnahmsweise Liberale auf Rednecks Jagd machen – und beide Seiten ihr Fett abbekommen. Das ist durchaus spaßig, wenn man sich auf die absurde Situation einlassen kann und sich an dem schwarzen bis blutroten Humor erfreut. Für eine wirkliche Satire hätte das Ganze aber noch schärfer sein dürfen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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