Bacurau
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Bacurau

Bacurau
„Bacurau“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Die Lage ist idyllisch, keine Frage. Soweit sich das Auge erstreckt, nichts als Bäume und eine blühende Natur. Doch der Eindruck trügt, zumindest die Bewohner des Dorfes Bucarau haben gerade ziemlich zu kämpfen. So setzt ihnen beispielsweise die Wasserknappheit sehr zu. Auch Medizin könnten sie dringend gebrauchen. Oder eine Form von Unterstützung. Politiker lassen sich hier aber nur vor einer Wahl blicken, ansonsten ist sich jeder selbst überlassen. Vor allem auf der Straße könnte mal jemand aufräumen, die vielen Särge, die dort herumstehen, stören schon ein wenig den Verkehr. Was die Leute in Bucarau nicht ahnen: Sie werden bald einen Verwendungszweck für diese Särge haben.

Wenn es Lateinamerika in die hiesigen News schafft, dann ist der Anlass oft bitterer Natur. Ob es Venezuela ist, das sich seit einigen Jahren im freien Fall befindet, oder die Drogenkriege in Mexiko, da ist man doch recht froh, weit weg zu sein und nicht an diesem Unglück teilhaben zu müssen. Vor allem aber die Situation in Brasilien, das stark nach rechts gerückt ist, bereitet Sorgen. Die mühsam errungenen Fortschritte im Klimaschutz sollen wieder rückgängig gemacht werden, auch gesellschaftlich gibt es beunruhigende Tendenzen – Minderheiten geraten zunehmend ins Visier hasserfüllter Hetzer.

Der Finger in der Wunde
Dem kann Kleber Mendonça Filho bekanntermaßen nicht tatenlos zusehen. Als ehemaliger Journalist fühlt sich der Brasilianer seit jeher dazu verpflichtet, auf Missstände hinzuweisen. Nur dass er dies seit einigen Jahren in Filmform tut. Schon seit letztes Werk Aquarius sorgte daheim für jede Menge Kontroverse, weil es kaum versteckt die Vorgänge in dem südamerikanischen Land anprangerte. Dem steht Bacurau nicht nach, das bei den Filmfestspielen von Cannes 2019 Weltpremiere feierte und dort auch den Preis der Jury erhielt: Der Film ist eine ebenso explizite wie surreale Abrechnung mit seiner Heimat.

Dabei lassen es Filho und Juliano Dornelles, mit dem er sich dieses Mal Regiestuhl und Drehbuch teilte, sehr ruhig angehen. Kleinere Hinweise gibt es natürlich darauf, dass sich da etwas Unheimliches anbahnt. Wenn ein Film damit beginnt, dass ein Wagen mehrere Särge zerschmettert, die jemand auf der Straße zurückgelassen hat, dann hat das durchaus eine gewisse Symbolkraft. Wer aber nicht die Spoiler anderer Filmkritiken gelesen oder aus der Besetzungsliste seine Schlüsse gezogen hat, der wird kaum voraussehen können, in welche Richtung sich das hier alles bewegen wird. Nur so viel: Nach einer sehr gemächlichen ersten Hälfte zieht Bucarau noch einmal kräftig an.

Gemeinsam stark
Dabei hat auch die Vorbereitung ihre Reize: Filho und Dornelles entwerfen hier das stimmige Bild eines kleinen Dorfes, schaffen mit dem fiktiven Bacurau einen Mikrokosmos, in dem alles irgendwie zusammenhängt. Eindeutige Identifikationsfiguren fehlen jedoch. Das ist durchaus eine mutige Entscheidung: Wo einen andere Filme mit einem Protagonisten oder einer Protagonistin durch die Abgründe begleiten, da lässt einen Bacurau alleine. Der ständige Wechsel von Figuren kann verwirren, wird bei einigen im Publikum vielleicht auch für Irritationen sorgen, sobald sich die Geschichte erst überschlägt.

Aber auch sonst ist das Werk äußerst eigenwillig. Da werden Genregrenzen ausgehoben, wenn der Film zwischen Drama, Thriller und Western umherwandert, mit komischen Einschüben versetzt. Bacurau ist gleichzeitig sprödes Arthouse und grelles Guilty Pleasure. Ja, selbst die Bilder sind nicht ganz von dieser Welt mit ihren gelegentlichen Spielereien. Die Laufzeit ist mit mehr als zwei Stunden etwas üppig angesetzt, der wilde Mix ringt zuweilen auch um eine eigene Identität: Was im einen Moment noch Bestand hat, wird im nächsten blutig zusammengeschlagen. Schade ist auch, dass auf der Gegenseite nur Platz für die üblichen Klischees bleibt, man nie das Gefühl hat, es mit Menschen zu tun zu haben. Aber auch wenn hier vieles – bewusst – nicht zusammenpasst, ist der Film eine faszinierende Wundertüte, die mal unterhält, mal auch ziemlich verstört.



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Sprödes Arthouse-Drama und greller Thriller, eine Unzahl an Figuren, ohne echte Identifikationsfiguren – „Bacurau“ ist eine ebenso eigenwillige wie scharfe Auseinandersetzung mit den beunruhigenden Tendenzen in Brasilien. Das erfordert Geduld und auch die Bereitschaft, sich auf einen wilden Mix einzulassen, belohnt dafür mit ebenso unterhaltsamen wie verstörenden Momenten.
7
von 10