Kritik

Hugo Cabret

„Hugo Cabret“ // Deutschland-Start: 9. Februar 2012 (Kino) // 16. August 2012 (DVD/Blu-ray)

Der 12-jährige Hugo (Asa Butterfield) liebte es, mit seinem Vater an einem mysteriösen Roboter zu basteln und die Erfahrungen in seinem Notizbuch festzuhalten. Als sein Vater bei einem Feuer ums Leben kommt, tut der Waisenjunge deshalb alles dafür, das Projekt fertigzustellen, im festen Glauben, dass die Maschine eine geheime Nachricht enthält, die der Verstorbene für ihn hinterlassen hat. Doch dafür braucht er Ersatzteile, welche er in einem Spielzeugladen stiehlt. Dummerweise wird er dabei von dessen Besitzer Georges (Ben Kingsley) erwischt, der daraufhin droht, das Buch zu verbrennen. Nur dank dessen Patenkind Isabelle (Chloe Grace Moretz) kann dieses Unglück noch verhindert werden. Während Hugo nun in dem Laden arbeitet, um seine Schulden abzuzahlen, forschen er und Isabelle weiter an dem Roboter – und machen eine unglaubliche Entdeckung …

Kein Zweifel: Martin Scorsese gehört zu den größten Regisseuren der Filmgeschichte, hat zahlreiche Klassiker gedreht, war bislang neun Mal für einen Oscar für die beste Regie nominiert – nur William Wyler war häufiger im Rennen. Doch wenn es um die thematische Bandbreite ging, war die bei dem Filmemacher eher eng gehalten. Viele seiner Werke handelten von Verbrechen, mal in organisierter Form (GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia), mal als Ausdruck einer verkommenen Gesellschaft (Taxi Driver). Ein weiteres wichtiges Thema behandelte die Religion, die dem ursprünglich angehenden Priester trotz seiner Differenzen immer wichtig war. Zuletzt ging er diesem in seinem Missionarsdrama Silence nach.

Ein unerwartetes Abenteuer
Hugo Cabret passt da auf den ersten Blick irgendwie so gar nicht ins Konzept. Ein bunter, schwelgerischer Film, gedreht in der damals noch neuen 3D-Technik, dazu noch eine Vorlage, die sich an ein jüngeres Publikum richtet – das war nun wirklich nicht das, was man von Scorsese erwarten durfte oder auch wollte. Erst spät enthüllt sich, was genau es war, das den Regisseur so angesprochen hat. Die Geschichte, die auf einem Buch von Brian Selznick basiert, beginnt als verschrobenes Jugendabenteuer, mit leichten Steampunkanleihen versetzt. Später verwandelt sie sich jedoch in eine Liebeserklärung an den Film, an das Wundern und Staunen sowie den Zauber, den Geschichtenerzähler mit uns teilen – was dem eingefleischten Filmliebhaber Scorsese natürlich aus der Seele spricht.

Auch wenn Hugo Cabret ursprünglich als solcher verkauft wurde, ein reiner Kinderfilm ist das hier nicht. Er ist sicherlich kompatibel mit jungen Zuschauern und Zuschauerinnen. Die dürfen sich beispielsweise über diverse Slapstick-Szenen amüsieren, wenn etwa Sacha Baron Cohen als etwas tollpatschiger Bahnhofsinspektor versucht, den umherflitzenden Hugo zu schnappen. Ein weiterer Running Gag ist eine Annäherung zweier Passanten, die immer wieder von einem vorlauten Hund unterbunden wird. Ohnehin, nahezu alle Figuren hier sind ein bisschen skurril, was zusammen mit dem unwirklich-verspielten Pariser Bahnhof der 1930er eine märchenhafte Atmosphäre erschafft, die an Die fabelhafte Welt der Amélie erinnert.

Die Magie des Alltags
So wie der berühmte französische Kollege will auch Hugo Cabret wieder den Glauben an die Magie des Alltags wecken. Romantische Gefühle gibt es hier zwar weniger. Dafür lässt Scorsese die Welt als solche wieder zu einem Abenteuerspielplatz werden, auf dem es unentwegt etwas Neues zu entdecken gibt. Ein Ort, der überquillt von Details und Geheimnissen, von verborgenen Pfaden und Schätzen, für die unser Auge blind geworden ist. Das ist nostalgisch, das ist sentimental: Man muss schon die nötige Empfänglichkeit mitbringen, um Hugo und den anderen folgen und die Reise ins Unbekannte antreten zu können, wo fremde Welten, lustige Gestalten und farbenfrohe Abenteuer warten. Und gerade zum Schluss hin bekommt auch das Herz etwas zu tun.

Die Geschichte ist dafür eher etwas dünn gehalten. Scorsese ist in die Bilder verliebt und die Möglichkeiten, welche diese mit sich bringen. Wer diese Liebe nicht teilt, der wird inmitten des munteren Getümmels, der eher einem Jahrmarkt als einem Bahnhof gleicht, ein wenig die Handlung vermissen. Obwohl der Film über zwei Stunden lang ist, so richtig viel geschieht eigentlich nicht, zumal es zu besagten Wiederholungen mancher Gags kommt. Dass der Film an den Kinokassen zu einem enormen Verlustgeschäft wurde, das ist bei allen Qualitäten nicht wirklich verwunderlich: Obwohl als Familienabenteuer verkauft, ist er doch zu speziell, um als Blockbuster durchzugehen. Umso schöner ist es, dass es Hugo Cabret dennoch gibt: Scorsese lässt uns hier wieder wie Kinder fühlen, wenn wir mit großen Augen durch eine berauschende Welt laufen, kunstvoll und doch voller Liebe, auf der Suche nach Schätzen und uns selbst.

Credits

OT: „Hugo“
Land: USA
Jahr: 2011
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: John Logan
Vorlage: Brian Selznick
Musik: Howard Shore
Kamera: Robert Richardson
Besetzung: Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz, Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen, Helen McCrory, Emily Mortimer

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2012 Bester Film Nominierung
Beste Regie Martin Scorsese Nominierung
Bestes adaptiertes Drehbuch John Logan Nominierung
Beste Musik Howard Shore Nominierung
Beste Kamera Robert Richardson Sieg
Bestes Szenenbild Dante Ferretti, Francesca Lo Schiavo Sieg
Beste Kostüme Sandy Powell Nominierung
Beste Spezialeffekte Robert Legato, Joss Williams, Ben Grossmann, Alex Henning Sieg
Bester Schnitt Thelma Schoonmaker Nominierung
Bester Tonschnitt Philip Stockton, Eugene Gearty Sieg
Bester Ton Tom Fleischman, John Midgley Sieg
BAFTA Awards 2012 Beste Regie Martin Scorsese Nominierung
Beste Musik Howard Shore Nominierung
Beste Kamera Robert Richardson Nominierung
Bestes Szenenbild Dante Ferretti, Francesca Lo Schiavo Sieg
Beste Kostüme Sandy Powell Nominierung
Bestes Make-up und Haare Morag Ross, Jan Archibald Nominierung
Bester Schnitt Thelma Schoonmaker Nominierung
Bester Ton Philip Stockton, Eugene Gearty, Tom Fleischman, John Midgley Sieg
Golden Globe Awards 2012 Bester Film – Drama Nominierung
Beste Regie Martin Scorsese Sieg
Beste Musik Howard Shore Nominierung

Filmfeste

International Film Festival Rotterdam 2012
Locarno 2016

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Hugo Cabret
4 (80%) 4 Artikel bewerten

Hugo Cabret
Mit „Hugo Cabret“ bewies Martin Scorsese, dass er auch ganz andere Filme drehen kann. Die Buchadaption ist einerseits farbenfrohes Familienabenteuer, gleichzeitig aber eine nostalgische Liebeserklärung an die Welt des Films und die Kunst des Staunens. Wer für diese Form der Sentimentalität empfänglich ist, darf eintauchen in ein detailverliebtes, warmherziges Wunderland. Sonderlich viel Handlung sollte man von der skurrilen Schatzsuche aber nicht erwarten.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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