Kritik

The Rhythm Section

„The Rhythm Section – Zeit der Rache“ // Deutschland-Start: 28. April 2020 (Video on Demand) // 3. Juli 2020 (DVD/Blu-ray)

Eigentlich hätte Stephanie Patrick (Blake Lively) ja selbst an Bord sein sollen, als ihre Familie in den Flieger stieg. Doch sie verpasste diesen und musste später mit Schrecken erfahren, dass alle bei einem Absturz ums Leben gekommen sind. Drei Jahre später ist sie noch immer von diesem Schicksalsschlag gezeichnet, ist alkoholkrank geworden, hält sich als Prostituierte nur mühsam über Wasser. Da erfährt sie, dass die Explosion kein Unfall war, sondern ein geplanter Anschlag, der seither vertuscht wird. Kurze Zeit später macht sie die Bekanntschaft des Ex-Agenten B (Jude Law), der sie zu einer Killerin ausbildet, damit sie Rache an den Schuldigen ausüben kann …

Die Erwartungen waren im Vorfeld groß. Die Romanvorlage von Mark Burnell, der auch das Drehbuch zu The Rhythm Section schrieb, war erfolgreich und zog mehrere Fortsetzungen nach sich. Produziert wurde der Agenten-Thriller von Eon Productions, jener Firma, die dank der James Bond Reihe Filmfans ein Begriff ist und ansonsten kaum einen Film veröffentlicht. Hinzu kommt ein prominentes Ensemble, angeführt von Blake Lively, die schon in The Shallows – Gefahr aus der Tiefe und Nur ein kleiner Gefallen Genre-Affinität und -Talent bewies. Das muss doch ein erfolgreiches Franchise werden! Aber nichts da. In den USA floppte der Film gnadenlos, stellte einen traurigen Minusrekord auf: Kein Titel, der in mehr als 3000 Kino startete, spielte derart wenig Geld ein. Zwei Wochen später nahmen ihn 2.955 Kinos aus dem Programm, auch das hat vorher noch keiner geschafft.

Das kann nicht euer Ernst sein!
Wenn einem Film ein solcher Ruf vorauseilt, wird man natürlich besonders neugierig. Wie grauenvoll muss das Werk sein, dass es derart durch die Bank abgelehnt wurde? Nun erscheint er tatsächlich in Deutschland, wohl in der Hoffnung, dass niemand vom US-Debakel mitbekommen hat, und enttäuscht in zweierlei Hinsicht. The Rhythm Section – Zeit der Rache ist nicht der große Agententhriller, den man sich im Vorfeld ausgemalt hat. Er ist aber auch nicht der groteske Komplettausfall, den das Einspielergebnis erwarten ließ. Einige Elemente sind nämlich durchaus gelungen. Es sind nur nicht genügend, um gegen die langweiligen, zuweilen auch lächerlichen Passagen anzukommen.

Schon dass Blake Lively, immerhin Anfang 30, in den Rückblenden als Teenagerin verkauft werden soll, diese Chuzpe muss man selbst in dem oft weltfremden Hollywood erst einmal aufbringen. Und das ist nur der Anfang einiger ausgesprochen verblüffenden Entscheidungen, die The Rhythm Section zu einem etwas anderen Genrevertreter machen. Ein paranoider Journalist, der eine drogen- und alkoholsüchtige Prostituierte für einen Artikel rund um ein Staatsgeheimnis sprechen will, das ergibt nicht wirklich viel Sinn, zumal die über das Thema nichts weiß. Dass dessen Informant sie später zur Killerin ausbildet, auch das muss man nicht verstehen. Aber es ist zumindest lustig, wenn Stephanie à la Karate Kid das Kämpfen lernen soll. Und spätestens wenn dann die ersten Feldeinsätze anstehen und die Aushilfskillerin so gut wie nichts auf die Reihe bekommt, meint man, eigentlich eine Parodie auf Agententhriller zu sehen.

Der Abstieg in die Nichtigkeit
Als solche hätte The Rhythm Section tatsächlich Spaß machen können. Statt geschniegelter Alleskönner ein heruntergekommenes Wrack, dem nicht viel gelingt? Das ist zumindest mal was anderes. Offensichtlich meinte Burnell das Ganze aber tatsächlich ernst. Die diversen Klischees, die von einem persönlichen Verfall handeln, der No-Nonsens-B, der sein Protegé gerne und oft demütigt. Oder die besagten Flashbacks, die der Geschichte emotionale Tiefe verleihen sollen – eine Aufgabe, an der sie scheitern. Tatsächlich gelingt es den ganzen Film über nicht, eine nennenswerte Verbindung zu Stephanie aufzubauen. So tragisch ihre Geschichte auch ist, so wenig real wirkt sie doch.

Dabei ist der Auftritt von Blake Lively durchaus eindrucksvoll, die sich tapfer durch den Film kämpft und auch viel Mut zur Hässlichkeit zeigt – an manchen Stellen erkennt man die US-Schauspielerin kaum noch wieder. Und auch die Bilder können sich sehen lassen. Regisseurin Reed Morano, die früher selbst hinter der Kamera stand, und ihr Kameramann Sean Bobbitt (12 Years a Slave) bilden ein gutes Team, wenn es darum geht, den Dreck und die Hoffnungslosigkeit dieser Welt auf den heimischen Bildschirm zu holen. Doch das fügt sich eben nicht zu einem düsteren Gesamtbild zusammen, sondern einem seltsamen Mix, der teils sicher Kultpotenzial hat, aber als herkömmlicher Film einfach nichts Halbes und nichts Ganzes ist.

Credits

OT: „The Rhythm Section“
Land: UK, USA
Jahr: 2020
Regie: Reed Morano
Drehbuch: Mark Burnell
Vorlage: Mark Burnell
Musik: Steve Mazzaro
Kamera: Sean Bobbitt
Besetzung: Blake Lively, Jude Law, Sterling K. Brown

Bilder

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The Rhythm Section – Zeit der Rache
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The Rhythm Section – Zeit der Rache
Eine junge Frau verliert ihre Familie, wird erst zur heruntergekommenen Prostituierten und anschließend zu einer Auftragsmörderin. Das ist ebenso verrückt wie die Mischung aus sehr konventionellen und total bescheuerten Momenten, die den Eindruck hinterlassen, „The Rhythm Section“ hätte eigentlich eine Parodie werden sollen. Mal kann man darüber lachen, manchmal langweilt man sich – und am Ende ist am einfach verblüfft.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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