Kritik

Contagion

„Contagion“ // Deutschland-Start: 20. Oktober 2011 (Kino) // 24. Februar 2012 (DVD/Blu-ray)

Der Schock ist groß bei Mitch Emhoff (Matt Damon): Eben noch ging es seiner Frau Beth (Gwyneth Paltrow) gut. Doch plötzlich hatte sie ganz eigenartige Zuckungen, war nicht mehr ansprechbar. Und obwohl Mitch sie so schnell es ging ins Krankenhaus gebracht hat, kam jede Hilfe zu spät. Als wenig später auch sein Stiefsohn der mysteriösen Krankheit erliegt, ist klar, dass da etwas vor sich geht. Tatsächlich sterben zeitgleich weltweit unzählige Menschen, ein neuartiges Virus hat um sich gegriffen. Während auf der ganzen Welt Wissenschaftler nach einem Heilmittel forschen, darunter Dr. Ellis Cheever (Laurence Fishburne), Dr. Erin Mears (Kate Winslet) und Dr. Ally Hextall (Jennifer Ehle), breitet sich zunehmend Panik aus. Andere wiederum wissen die neue Situation für sich zu nutzen, etwa der Blogger Alan Krumwiede (Jude Law), der mit seinen Theorien bald ein Millionenpublikum erreicht …

Normalerweise sind Filme entweder dazu da, um uns den Alltag zu zeigen oder uns von diesem abzulenken. Bei Contagion trifft irgendwie beides zu. Als der Thriller um einen gefährlichen Virus, der in kürzester Zeit die ganze Welt bedrohte, in die Kinos kam, waren die Kritiken gut, die Einspielergebnisse solide. Danach geriet er aber relativ schnell wieder in Vergessenheit. Doch dann, mehr als acht Jahre später, war er plötzlich wieder gefragt, sogar einer der gefragtesten Titel überhaupt. Schließlich weist das in dem Film beschriebene Szenario frappierende Ähnlichkeiten zu der aktuellen Situation auf, in der das alltägliche Leben und die Nachrichten tatsächlich von einem Virus bestimmt werden.

Beiläufige Schilderung ohne große Höhepunkte
Bemerkenswert ist dabei, dass Contagion – anders als etwa Outbreak damals – auf das große Drama oder Sensationalismus verzichtet. Tatsächlich wurde der Film seinerzeit sogar ausdrücklich dafür gelobt, nicht zum Zwecke der Unterhaltung oder der Spannung zu übertreiben, er stattdessen realistisch aufzeigt, wie eine solche Pandemie entstehen kann. Wobei sich das Publikum dabei in Geduld üben muss. Parallel zu den Wissenschaftlern, die wie in einem Krimi zu rekonstruieren versuchen, was genau da vorgegangen ist, muss es bis zum Schluss warten, um Tag 1 der Katastrophe zu sehen. Ein ganz gewöhnlicher Tag voller gewöhnliche Ereignisse, die in Kombination dann aber die Pandemie auslösen.

Das ist auch das Erschreckende an dem Film: Er führt uns vor Augen, wie schnell eine solche Situation eskalieren kann. Wie wenig Macht und Kontrolle wir in einem derartigen Fall haben. Zwar arbeitet das von Scott Z. Burns (The Report) verfasste Drehbuch mit Klassenunterschieden, auch solchen zwischen reichen und armen Ländern. Wer Geld hat oder die richtigen Leute kennt, der genießt auch in einem Ausnahmezustand Vorteile. Letzten Endes sind dem Virus Unterschiede aber egal: Er tötet sie alle, Alte und Junge, Männer und Frauen, Weiße und Schwarze. Man muss nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sein. Und das kann überall der Fall sein.

Ein Schicksal für alle
Um das zu verdeutlichen, verzichtet Contagion auf eindeutige Hauptfiguren. Zwar konnte Regisseur Steven Soderbergh (Unsane – Ausgeliefert) eine Reihe von Stars für sein Projekt gewinnen. Doch die bekommen nicht alle wirklich etwas zu tun. Für manche, darunter die französische Oscar-Gewinnerin Marion Cotillard, gilt offensichtlich: dabei sein ist alles. Wenn sie auf dem Plakat seinerzeit an der ersten Stelle genannt wurde, dann steht das in keiner Relation zu der Bedeutung ihrer Figur, die offensichtlich von allen irgendwann vergessen wird. Aber das passt eben auch zur Aussage des Films, die für Individuen keinen Platz lässt. Hier gibt es so viele parallel erzählte Einzelstränge, dass keiner hervorsticht, sie alle sind Teil des erschreckendes Gesamtbilds einer kollabierenden Gesellschaft, wenn sich jeder selbst der Nächste ist.

Ob das nun 2020 ähnlich kommen wird, ist noch offen. Ob es Leute gibt wie den von Jude Law wunderbar schmierig verkörperten Blogger, der sich an seinem Einfluss berauscht. Banden, welche Supermärkte und Privathäuser überfallen, auf der Suche nach der letzten Nahrung. Auf jeden Fall hinterlässt sie ein Gefühl der Beklemmung, die nüchterne Wiedergabe von Ereignissen, die alle nachvollziehbar aufeinander aufbauen und doch in ihrer Konsequenz schockieren. Ein Gefühl der Hilflosigkeit angesichts einer nicht zu greifenden Bedrohung, gekoppelt jedoch an das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen. Das hat bewegende Momente, erschreckende Momente, ist mal außergewöhnlich, dann wieder komplett beiläufig. Contagion verzichtet dabei auf eine reguläre Spannungskurve, belohnt das Publikum zudem nicht mit Heldentaten und erlösendem Durchbruch – und ist vielleicht gerade deshalb so sehenswert.

Credits

OT: „Contagion“
Land: USA
Jahr: 2011
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Scott Z. Burns
Musik: Cliff Martinez
Kamera: Peter Andrews
Besetzung: Marion Cotillard, Matt Damon, Laurence Fishburne, Jude Law, Gwyneth Paltrow, Kate Winslet, Jennifer Ehle, Armin Rohde

Bilder

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Contagion
4.44 (88.89%) 9 Artikel bewerten

Contagion
„Contagion“ zeigt ohne großes Spektakel, dafür mit wissenschaftlicher Nähe, wie eine Pandemie entstehen kann und welche Auswirkungen diese auf das alltägliche Leben hat. Obwohl der Thriller auf eine Spannungskurve und tatsächliche Hauptfiguren verzichtet, ist das Ergebnis packend, hat nicht nur über die Krankheit, sondern auch die Menschen einiges zu erzählen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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