„Unsane“, USA, 2018
Regie: Steven Soderbergh; Darsteller: Jonathan Bernstein, James Greer; Musik: Thomas Newman
Darsteller: Claire Foy, Joshua Leonard, Jay Pharoah, Juno Temple

Unsane

„Unsane – Ausgeliefert“ läuft ab 29. März 2018 im Kino

Eine neue Stadt, ein neuer Job, ein neues Leben. 450 Meilen ist Sawyer Valentini (Claire Foy) gereist, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Um vor allem ihren Stalker hinter sich zu lassen, der ihr Leben in der Heimat zur Hölle gemacht hat. Doch das klappt alles nicht so wie gedacht. Immer noch meint sie, ihren Verfolger überall zu sehen, in den unpassendsten Momenten. Eine Therapeutin soll ihr helfen, alles wieder in den Griff zu bekommen, so zumindest der Plan. Statt gemütlicher Sitzungen auf der Couch bedeutet das für sie jedoch die Einweisung in die Psychiatrie. Dass sie dort gar nicht hingehört, will ihr niemand glauben. Ebenso wenig, als sie meint, im Personal ausgerechnet ihren Stalker wiedererkannt zu haben, der sich unter einer falschen Identität in die Anstalt geschlichen hat.

Man soll ja niemals nie sagen. Oder auch Schluss. Nachdem Steven Soderbergh erst lautstark verkündet hatte, niemals wieder einen Film drehen zu wollen und dies später zumindest ein wenig abschwächte, ist er jetzt offensichtlich wieder voll dabei. Wenn auch auf eine ganz eigene Weise. Erst drehte er die Redneck-Räuberkomödie Logan Lucky ohne Beteiligung eines der großen Studios. Bei Unsane ging er jetzt noch einen Schritt weiter, will sich noch mehr von seinem Hollywooderbe distanzieren. Die Wahl der Waffe: ein iPhone. Denn hiermit hat er den kompletten Film gedreht.

Hautnah dabei … ein bisschen
Ganz so schön wie bei Tangerine L.A. ist das Bekenntnis zum Minimalismus nicht. An einigen Stellen unterstützt das ungewöhnliche Bildformat aber den Inhalt: Wenn Sawyer sich ständig verfolgt fühlt, wird das durch die Handperspektive noch weiter verstärkt. Denn hierdurch stellt sich das Gefühl sein, selbst der Stalker zu sein und mit einem Smartphone ausgerüstet der jungen Frau durch die Gänge zu folgen. Die Aufnahmen sind näher, weniger distanziert als bei einem „echten“ Kinofilm, gleichzeitig aber auch seltsam verfremdet.

Zumindest anfangs sieht es dann auch danach aus, als wäre Unsane ein typischer, wenn auch ungewöhnlich bebilderter Psychothriller. Bis der Plot mit der Psychiatrie beginnt, in der Menschen gegen ihren Willen eingesperrt werden. Das Thema ist interessant. Genauer ist es sogar der inhaltlich interessanteste Teil des Films. Wenn Leute für psychisch krank erklärt werden, dann kann dies eine sich selbst erfüllende Prophezeiung sein. Wer sich dem Urteil fügt, gilt als verrückt. Wer dagegen ankämpft, erst recht. Zusammen mit gesellschaftskritischen Elementen bzw. auch einer Kritik am Gesundheitswesen wird eine Geschichte daraus, von der man gern mehr erfahren würde.

Das sind ja zwei Dinge auf einmal!
Nur will Unsane gleichzeitig nach wie vor besagter Psychothriller bleiben. Das hörte sich in der Theorie vermutlich nach einem prima Plan an. Eine Frau, die selbst weiß, dass sie nicht ganz zurechnungsfähig ist. Eine Einrichtung, die das gnadenlos ausnutzt und jeden unter Generalverdacht stellt. Zudem bedeutet die Einweisung ja auch, dass sie eingesperrt ist. Sprich ausgeliefert. Sollte es diesen Stalker denn tatsächlich geben. In der Praxis funktioniert das aber sehr viel weniger gut. Der Film, der seine Weltpremiere auf der Berlinale 2018 feierte, ist irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes.

Manche Punkte werden viel zu früh aufgedeckt, andere gar nicht. Die Bemühungen, etwas über die Gesellschaft auszusagen, werden durch überzogene Figuren – nahe an der Karikatur – zunichtegemacht. Und je weiter der Film voranschreitet, umso weniger kauft man ihm die Geschichte allgemein ab. Over the top zu sein und sich gleichzeitig auf Klischees zu versteifen, das geht selten gut aus. Leider. Denn eigentlich ist Unsane ein durchaus spannender Film, ein ungewöhnlicher Film, dazu noch gut besetzt. Claire Foy als zähnefletschende, äußerst sarkastische Insassin wider Willen, Juno Temple als aggressiv-verstörte Zimmerfeindin, das macht schon eine Menge Spaß. Viele gute Zutaten also, für die man dann doch dankbar sein darf, dass Soderbergh wieder da ist. Gute Zutaten jedoch, die zusammen nicht zwangsweise einen tatsächlich guten Film ergeben.

Unsane – Ausgeliefert
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Unsane – Ausgeliefert
Eines muss man Steven Soderbergh ja lassen: Er hat mit „Unsane“ einen sehr ungewöhnlichen und auch interessanten Film gedreht. Er kreuzt Gesellschaftskritik mit Psychothriller, packt alles in einen iPhone-Rahmen, der das Geschehen teils unterstützt, und darf dann auch noch einen talentierten Cast durch die Psychiatriehölle schicken. Doch so gut die einzelnen Bestandteile auch sind, das Ergebnis ist es nicht. Vieles passt nicht zusammen, ist mal zu wenig, im nächsten Moment übertrieben.
6von 10

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