Kritik

The Hummingbird Project

„The Hummingbird Project – Operation Kolibiri“ // Deutschland-Start: 20. Februar 2020 (DVD/Blu-ray)

Wer im Börsenhandel tätig ist, der muss schnell sein. Dort kommt es nicht nur auf jede Sekunde an, jede Millisekunde kann dabei entscheiden. Und so fassen die beiden Cousins Vincent (Jesse Eisenberg) und Anton Zaleski (Alexander Skarsgård) den Plan, eine gigantische Glasfaserleitung von der Börse in New York bis zu der in Kansas zu legen. Die Herausforderungen sind riesig: Es gilt Tunnel zu graben, Gebiete aufzukaufen und sich mit den Menschen zu arrangieren. Und dann wäre da auch noch Torres (Salma Hayek), Antons Ex-Chefin, die alles dafür tun würde, um das Projekt zu zerstören. Doch trotz der großen Hindernisse halten die beiden unbeirrt an dem Plan fest. Denn sollte der aufgehen, würden sie Millionen damit verdienen, ohne viel dafür tun zu müssen …

Alles egal, Hauptsache der Börse geht es gut! Diesen Ansatz verfolgen inzwischen doch so einige Vertreter aus der Politik oder der Wirtschaft, so lange die Anleger zufrieden sind, ist die Welt in Ordnung – selbst wenn sie es nicht ist. Damit einher geht das Gefühl von Entfremdung, davon dass ein paar wenige da oben über alles bestimmen können. Dass da auch Geldsummen hin und her geschoben werden, für die es keine Entsprechung in der Realität gibt. Die Geschäfte mit Aktien und anderen Formen von Anleihen sind so abstrakt geworden, dass eine breite Masse sich nicht mehr darin wiederfinden kann. Kein Wunder also, dass die Wall Street gerne als Feindbild instrumentalisiert wird, selbst von Leuten, die selbst von ihr profitieren.

Ein David, der keiner ist
Man kann dies aber auch in Form von Filmen instrumentalisieren, indem die Abgründe aufgelegt werden, gern auch satirisch überspitzt – siehe The Wolf of Wall Street. Zumindest zeitweise scheint The Hummingbird Project – Operation Kolibiri in eine ähnliche Richtung zu gehen, wirkt wie eine Mischung aus dem Film und The Big Short. Ein aalglatter Unternehmer und dessen nerdiger Bruder im Kampf um jede Millisekunde, im Kampf auch gegen die mächtige Ex-Chefin, welche mit jeden Mitteln die Konkurrenz ausschalten will. Ein Kampf von David gegen Goliath, so wird impliziert. Mehr noch, Vincent verwendet diesen Vergleich selbst, um die eigenen Handlungen zu glorifizieren.

Das geht normalerweise mit klar verteilten Sympathien her. Wer drückt in Filmen nicht dem Underdog die Daumen? Im Fall von The Hummingbird Project ist das schon schwieriger. Zum einen arbeiten die beiden Cousins selbst mit einem großen Investor zusammen. Und ob nun die einen Reichen oder die anderen am Ende gewinnen, was soll das schon groß ändern? Zumal die Zaleskis ihr Ziel nicht für die gute Sache verfolgen. Sie haben nicht einmal eine besondere Vision. Ihnen geht es ausschließlich darum Geld zu verdienen, wie an mehreren Stellen klar wird. Vor allem Vincent würde alles dafür tun, um Moral schert er sich ebenso wenig wie seine Gegnerin.

Die Suche nach dem Weg
Auch das kann natürlich spaßig sein. The Gentlemen zeigt beispielsweise, wie eine Reihe von Gangstern sich gegenseitig die Hölle heiß machen. The Hummingbird Project ist da deutlich zurückgenommener, um mehr Realismus bemüht. Tatsächlich ist das hier einer der Filme, bei denen man im Anschluss auf Wikipedia nachschaut, ob er nicht auf einer wahren Geschichte basiert. Spannend ist das jedoch nur zum Teil. Natürlich ist man schon neugierig, wer hier am Ende das Rennen macht, welche Technik sich durchsetzt, wer wie wen austrickst. Es entwickelt sich daraus aber nie das Gefühl einer Dringlichkeit. Als Thriller wird das Werk von Regisseur und Drehbuchautor Kim Nguyen (Eye on Juliet – Im Auge der Drohne) verkauft. So ganz passt diese Einteilung jedoch nicht, stattdessen schlingert der Film zwischen den Genres hin und her, ist Drama, teilweise auch Komödie, etwa bei den genüsslich übertriebenen Auftritten von Salma Hayek.

Ohnehin ist es das Ensemble, welches die besten Gründe liefert, sich The Hummingbird Project anschauen zu wollen. Vor allem Alexander Skarsgård ist interessant als kaum wiederzuerkennender Nerd mit Halbglatze. Eisenberg hat seine Rolle eh perfektioniert, wenn er erneut einen Jungunternehmer mit schneller Zunge und fragwürdiger Moral gibt – The Social Network lässt grüßen. Die Versuche, ihn menschlicher zu gestalten, sind jedoch zu zaghaft, so wie der Film, der beim Toronto International Film Festival 2018 Premiere hatte, allgemein zu unschlüssig ist. So werden beispielsweise immer mal wieder die Tätigkeiten der Cousins hinterfragt, die Themen anschließend aber zu schnell fallen gelassen. Das Ergebnis ist immer noch solide, mit einem zumindest ungewöhnlichen Szenario. Angesichts der Besetzung hätte man sich aber mehr erwarten können.

Credits

OT: „The Hummingbird Project“
Land: Belgien, Kanada
Jahr: 2018
Regie: Kim Nguyen
Drehbuch: Kim Nguyen
Musik: Yves Gourmeur
Kamera: Nicolas Bolduc
Besetzung: Jesse Eisenberg, Alexander Skarsgård, Salma Hayek, Michael Mando

Bilder

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The Hummingbird Project – Operation Kolibiri
3.65 (73%) 20 Artikel bewerten

The Hummingbird Project – Operation Kolibiri
„The Hummingbird Project – Operation Kolibiri“ erzählt von zwei Cousins, die gemeinsam an einer schnelleren Verbindung von Börsen arbeiten, um damit richtig viel Geld zu verdienen. Der Film hat durchaus interessante Aspekte, lockt auch durch die prominente Besetzung, ist aber nicht konsequent genug bei den Themen und den Genres, verkommt am Ende zu einer nur soliden Mixtur aus Porträt, Kapitalismuskritik, Thriller, Drama und ein bisschen Komödie.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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