Kritik

Judy

„Judy“ // Deutschland-Start: 2. Januar 2020 (Kino)

Die Sängerin und Schauspielerin Judy Garland, den meisten vor allem durch den Film Der Zauberer von Oz bekannt, für den sie 1939 mit 16 Jahren in die Rolle der Dorothy schlüpfte, ist inzwischen 46 Jahre alt und hat ihre besten Zeiten hinter sich. Nachdem sie 1950 in Folge diverser drogenverwandter Skandale ihren Vertrag mit Metro-Goldwyn-Mayer verliert, findet sich Garland (Renée Zellweger) in einer zerbrochenen Familie wieder. Völlig pleite und daher unfähig ihren Kindern ein vernünftiges Leben zu bieten, nimmt sie das Angebot des Londoner Nachtclubbesitzers Bernard Delfont (Michael Gambon) an und tritt über mehrere Wochen regelmäßig im Club Talk of the Town auf. Doch durch Garlands früh angewöhnte Tablettensucht und gesundheitliche Probleme bedeuten diese auftrittsreichen Wochen alles andere als leicht verdientes Geld …

Zeit für mehr Musik im Film
Ein weiterer Musikfilm, der nach den modernen Trendsettern wie La La Land (2016), Bohemian Rhapsody (2018) und Rocketman (2019) in den deutschen Kinos angeschwemmt wird. Diese emotionalen Geschichten über das zweischneidige Schwert des Erfolges lockten zwar schon immer viele Besucher in die Kinos, doch nie zuvor war die Fülle an musikorientierten Blockbustern so groß. Dass auch Judy Garlands Geschichte irgendwann einmal erzählt werden würde, war vorhersehbar. Dass Renée Zellweger in die Rolle der Schauspiel- und Gesangslegende schlüpfen würde, mag den einen oder anderen Bridget Jones Fan in ein ästhetisches Stutzen bringen, doch das Oscar-prämierte Multitalent zeigt sich auch hier als äußerst wandelbar. Man möchte sogar meinen, sie wurde für diese Rolle geboren – nur entsprechend altern musste sie eben noch.

„You won’t forget me, will you? Promise you won’t.”
Dieser Spielfilm behandelt die letzten Monate des Megastars vor ihrem Tod 1969. Gekonnt setzt man hier die von der Filmindustrie gespaltene Persönlichkeit Judy in Szene. Mit Rückblenden zu den jungen Anfängen ihrer explosiven Schauspielkarriere gibt man dem Zuschauer den nötigen Einstieg in das filmindustriell gelenkte Leben eines jungen, hoffnungsvollen Mädchens, welches aufgrund der hohen Erwartungshaltung ihrer Arbeitgeber und Manager schon früh in den Tablettenkonsum gedrängt wurde.

Die verblühte, vom Ruhm ruinierte und inzwischen nahezu mittellose Judy ist gezwungen einen Job in London anzunehmen, wo man noch nach ihrem Gesangstalent verlangt. Doch dazu muss sie ihre Kinder in den Staaten bei ihrem Ex-Mann zurücklassen. Zellweger beweist sich hier als sehr tiefgründige Darstellerin, zeigt sie doch mit jedem Augenaufschlag eine tragische Mischung aus altgewohnter Professionalität und ängstlicher Unsicherheit. Die Auftritte laufen erwarteter Weise nach anfänglicher Stabilität zunehmend aus dem Ruder – Judy kommt zu spät oder bricht auf der Bühne unter erwartungsvollen Buhrufen zusammen. Die angelernte Fassade bröckelt und offenbart die verletzliche, menschliche Seite zu einer großen Künstlerin, die das Publikum einfach nicht kennen möchte; zu sehr erkennt man sich selbst in solchen Momenten der Ehrlichkeit.

„I just want what everybody wants. I just seem to have a harder time getting it.“
Garlands Assistentin Rosalyn, gespielt von der wunderbaren Jessie Buckley (Wild Rose), gibt ihr Bestes, die Ikone in Schuss zu halten und sie in den kommenden Wochen weiterhin auf die Bühne zu schicken, doch alles droht auseinanderzubrechen. Hier driftet der Film gemeinsam mit Judy von der eigentlichen Handlung ab und zeigt in haarsträubenden Details die innere Gebrochenheit der Protagonistin, die einfach nur eine Mutter und Familienfrau werden möchte, um ihren Kindern das geben zu können, was sie verdienen – eine liebendes und fürsorgliches Vorbild, welches nie von ihrer Seite weicht.

Man ist dem Film aber nicht nur aufgrund der tieffühlenden Hintergrundinformationen über den komplexen Charakter der Judy Garland dankbar für den Ausflug weg von der Haupthandlung. Man freut sich auch, endlich einmal weg von den diversen On-Stage-Aufnahmen zu sein, auf welchen Zellweger zwar höchst überzeugend ihr Herz mit Playback ausschüttet, aber leider auch einen Drummer auf ihrer Schulter sitzen hat, der im Hintergrund sein ganz persönliches Comeback als Zentrum einer arrhythmischen Noiserock-Band feiert. Selbstverständlich wird während eines solch schwierigen Drehs einer Liveperformance mit Playback etc. gearbeitet, aber man hätte zumindest den auffällig zufällig und vor allem unpassend auf Trommeln und Becken schlagenden Wahnsinnigen nicht in jeden Schuss mit einbauen müssen. Für mehr Perspektive für Musikliebhaber: Sein musikalisches Timing erinnerte an die männliche Version der Schlagzeugerin von The Shaggs.

Credits

OT: „Judy“
Land: UK
Jahr: 2019
Regie: Rupert Gold
Drehbuch: Tom Edge
Vorlage: Peter Quilter
Musik: Gabriel Yared
Kamera: Ole Bratt Birkeland
Besetzung: Renée Zellweger, Jessie Buckley, Finn Wittrock, Rufus Sewell, Michael Gambon

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
AACTA Awards 2020 Beste internationale Darstellerin Renée Zellweger Nominierung
Academy Awards 2020 Beste Hauptdarstellerin Renée Zellweger Sieg
Bestes Make-up und Haare Nominierung
BAFTA Awards 2020 Beste Hauptdarstellerin Renée Zellweger Sieg
Beste Kostüme Nominierung
Bestes Make-up und Haare Nominierung
Golden Globe Awards 2020 Beste Hauptdarstellerin – Drama Renée Zellweger Sieg
Film Independent Spirit Awards 2020 Beste Hauptdarstellerin Renée Zellweger Sieg



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Judy
4.11 (82.22%) 18 Artikel bewerten

Judy
"Judy" ist ein aufschlussreiches Stück Kino, das sehr von der Hauptdarstellerin profitiert, welche den Film nicht nur zusammenhält, sondern ihm auch ein gewisses Eigenstellungsmerkmal verschafft. Liebevoll wird hier im Finale des beeindruckenden Lebens einer Ikone der Popkultur ein Denkmal errichtet; eines, das ihrer schnellgelebten Existenz würdig ist. Und wer bei der wunderschönen Version von „Over The Rainbow“ keine Tränen in den Augen hat, sollte sein Gefühlsleben noch einmal überdenken.
7von 10

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