Kritik

Cronofobia

„Cronofobia“ // Deutschland-Start: 20. Februar 2020 (Kino)

Im Leben von Michael (Vincinio Marchioni) spielt die Zeit eine wesentliche Rolle, denn als Tester von Service und Qualität verschiedener Unternehmen dokumentiert und prüft er, wie schnell, wie gut und wie verlässlich er bedient wird. Dieser Arbeit definiert sein Leben, sodass er einen Lieferwagen so umgebaut hat, dass dieser zu seinem Zuhause wurde, verbringt er doch sonst seine Zeit in Raststätten, Fitnessstudios oder Bars, meist weniger zur Entspannung und eher zur Erfüllung eines Auftrags. Jedoch haben die Ergebnisse seiner Arbeit Folgen und nach einer besonders schlimmen Erfahrung hat er sich völlig von seiner Firma abgekapselt, will nur noch gelegentlich für diese arbeiten. Als er wieder einen Job abgeschlossen hat, verfolgt er Anna (Sabine Timoteo) bis zu deren Zuhause, wo er ihren Tagesablauf studiert und ihr folgt. In einer Nacht kommen sie sich näher, doch ist Anna befremdet von diesem Mann, der vor ihrem Haus so oft mit seinem Wagen steht und zudem noch tief getroffen von Verlust ihres Mannes. Mit der Zeit beginnen sich die beiden zu vertrauen, aber das Schweigen zwischen ihnen verbirgt ein Geheimnis, eine Verbindung zwischen ihnen, über die Michael sie lange im Unklaren lässt.

Angst vor der Zeit
Per Definition beschreibt Chronophobie die Angst vorm Vergehen der Zeit und das konsequente Vermeiden daran zu denken, dass diese vergeht. Auch wenn er nicht unter diesem Zustand leidet, kann sich Filmemacher Francesco Rizzi an Momente in seinem Leben erinnern, in denen er das Vergehen der Zeit stark wahrnahm, was, wie er einem Interview mit Cineuropa sagt, gepaart war mit einem Drang sich irgendwo niederzulassen. Andererseits verlangt gerade sein Beruf den konstanten Wechsel, das Einstellen auf Veränderung, was er ebenfalls als sehr positiv empfindet.

Beide Hauptfiguren in Rizzis Films sind von zwiespältigen Emotionen erfüllt, wenn sie an die Gegenwart denken. Während der von Vinicio Marchioni gespielte Michael ein Mann ohne Vergangenheit ist, ähnlich der Detektivfiguren aus den Hörbüchern, die bei seinen langen Autofahrten im Hintergrund laufen, ist Sabine Timoteos Figur ein Mensch im Stillstand, die wütend gegenüber allem ist, das sich bewegt, verändert und die Zeit definiert.

Interessant ist hierbei, wie Rizzi und sein Kameramann Simon Guy Fässler Räume gestalten. Vornehmlich sind dies temporäre Räume oder Zwischen-Räume, eben solche, denen wir im Allgemeinen keinerlei Bedeutung beimessen, nach denen sich Michael sehnt. Bezeichnend ist sein Wunsch, nunmehr nur noch Tankstellen auf ihren Service hin zu testen, sind dies doch gemeinhin Räume, die den Menschen einen minimalen Zeitaufwand abverlangen ohne das Zustandekommen irgendwelcher Beziehung, seien sie persönlicher oder räumlicher Art. Im Gegensatz dazu ist Annas Haus eine Art Mausoleum geworden, gewidmet ihrem verstorbenen Mann, dessen Anzüge und Zigaretten noch immer an ihrem Platz liegen umgeben vom Staub der Zeit. Fässler inszeniert dies in ruhigen, statischen Einstellungen, die respektvoll Abstand nehmen vor der Bedeutung, die den Figuren diesen mit gemeinsamer Zeit aufgeladenen Räumen und Dingen zugestehen.

Rätsel der Gegenwart
In seinem Essay Die versiegelte Zeit schreibt Andreij Tarkowskij davon, wie wir durch unsere Erinnerung der Gegenwart erst „materielles Gewicht“ geben. Da Zeit von Natur her eine subjektive Größe sei, könne sie niemals spurlos vorübergehen, wirkt sie doch in der Erinnerung nach. Das Medium Film zeichnet per Definition Zeit auf und damit Erinnerungen, sodass Fotos und Handyvideos vor allem für Anna die Vergangenheit immer wieder gegenwärtig machen. Michael verschließt sich dieser Erinnerung, moniert beispielsweise darüber, wie „persönlich“ eine Bar für ihn sei, sodass er sich insgeheim unwohl in ihr fühle.

Dennoch ist die Vergangenheit, die Überwältigung der Angst und der Nostalgie im Zentrum des Geheimnisses, was beide Figuren umgibt, welche Timoteo und Marchioni sehr sensibel spielen.

Credits

OT: „Cronofobia“
Land: Schweiz
Jahr: 2018
Regie: Francesco Rizzi
Drehbuch: Daniela Gambaro, Francesco Rizzi
Musik: Zeno Gabaglio
Kamera: Simon Guy Fässler
Darsteller: Vinicio Marchioni, Sabine Timoteo, Leonardo Nigro, Giorgia Salari

Bilder

Trailer

Interview

Interview mit Regisseur Francesco Rizzi



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Cronofobia
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Cronofobia
„Cronofobia“ ist ein stilles Drama über Verlust und das Empfinden von Zeit. Sensibel inszeniert und gespielt wird der Film zu einer Suche nach dieser Zeit, die man verloren meint, die einen aber auch in den Stillstand zwingt.
7von 10

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