In seinem 2018 entstandenen ersten Spielfilm Cronofobia (Kinostart: 20. Februar 2020) erzählt Francesco Rizzi die Geschichte zweier Menschen, gespielt von Vinicio Marchioni und Sabine Timoteo, welche beide nach einem großen Verlust die Zeit fürchten und ihr stetes Verstreichen. Beide finden zueinander und werden wichtige Begleiter für den jeweils anderen und zu einer Möglichkeit weiterzuleben. Im Interview unterhalten wir uns mit dem Regisseur über die Inspirationen für den Film, über die gesellschaftliche Relevanz des Films und seine Arbeit mit den Schauspielern.

Du hast in einem anderen Gespräch über den Film gesagt, dass Ihnen diese Angst davor, dass die Zeit verstreicht, nicht unbekannt ist. Was meinten Sie damit?
Das stimmt. Der Titel des Films hat für mich eine metaphorische Bedeutung, die auf den Inhalt und die Figuren verweist, denn Chronophobie kann ausgelöst werden durch ein Trauma und es tritt häufig auf bei Menschen, die sich über einen langen Zeitraum in beengten Räumlichkeiten befinden, beispielsweise bei Gefangenen. Die Figuren im Film sind in meinen Augen auch so was wie Gefangene. Während Michael vor sich selbst zu fliehen versucht, verbleibt Anna in einer Art Stillstand stecken. Für Anna ist diese Form der totalen Isolation ein Weg, der Realität um sie herum zu entkommen.

Als ich am Skript zum Film schrieb, dachte ich daran zurück, wie ich vor zehn Jahren gefühlt habe. Damals hatte ich sehr ambivalente Gefühle auf mein Leben bezogen, denn einerseits wollte ich für alles offen sein und Veränderung in meinem Leben zulassen, aber andererseits wollte ich auch Dinge schnell hinter mir lassen können und die Möglichkeiten, die sich mir boten, ausnutzen. Ich war so ständig in Bewegung, in einer endlosen Gegenwart, wenn man so will. Doch dann habe ich auch diese Nostalgie in mir gefühlt, den Drang mich irgendwo niederzulassen gepaart mit einem Gefühl der Reue für jeden verpassten Moment. Diese gegensätzlichen Gefühle haben die Geschichte des Films sowie die beiden Charaktere geprägt.

Entscheidend für mich waren auch Texte wie das Gedicht Nirvana von Charles Bukowski, welches mich immer sehr berührt hat und in meinen Augen eine wichtige Wahrheit über uns Menschen enthält. Es geht um das Finden eines Ortes, den wir paradiesisch finden und der uns vieles bieten kann, von dem wir uns aber wieder trennen müssen. Für mich ist das wie mit unserer Erinnerung, denn wem geht es nicht so, dass man sich an jene paradiesischen Momente erinnert, von denen man sich aber immer wieder trennen musste.

Abgesehen von der metaphorischen Ebene, die Sie ansprechen, hatte ich auch das Gefühl, dass der Film auf eine gesellschaftliche Ebene anspielt in seinem Umgang mit dem Konzept der Zeit. Inwiefern kommentiert Cronofobia unsere Gesellschaft?
Natürlich habe ich dieses Phänomen oder diese Phobie auch um mich herum wahrgenommen, als ich die Idee zu dem Film entwickelte. Die Gefühle, die ich eben erläuterte, sind niemandem fremd, wie ich erfuhr, sondern konnten von vielen meiner Freunde nachempfunden werden. Ich denke, diese Gefühle sind universell.

Daneben denke ich, der Film behandelt das Konzept der Simulation. Heutzutage leben wir, meiner Meinung nach, in einem goldenen Zeitalter der Simulation und der Idee des Rollenspiels. Viele Aspekte unserer Gegenwart definieren sich durch Illusion und Manipulation, was man beispielsweise an Begriffen wie „fake news“ sehen kann.

Dieses Phänomen sehe ich aber keinesfalls nur als negativ. Wir brauchen Simulation, um symbolisch das Leben zu meistern und in gewisser Weise Sinn zu finden, indem wir bestimmte Situation innerhalb eines fiktionalen Rahmens betrachten und ausspielen. Vielleicht brauchen wir diese Simulationen auch als eine Art Überlebensmechanismus, weil viele Elemente unseres Lebens sonst zu schmerzvoll sein würden. Diese Idee finden sich auch im Film wieder.

Der im Film von Vinicio Marchioni gespielte Charakter ist eine Figur, die schwer zu fassen ist für den Zuschauer. Wie nähert man sich einer solchen Figur als Drehbuchautor und dann auch in der Zusammenarbeit mit dem Schauspieler?
Der Ausgangspunkt für Michael war seine Arbeit und die Idee der „aufgeschobenen Identität“. Diese Figur ist nach wie vor interessant für mich, weil man sie nicht sofort versteht, sofern dies überhaupt möglich ist. Mich faszinieren Filme, die mit solchen Charakteren beginnen, die den Zuschauer erst einmal vor ein Rätsel stellen und einem nicht sofort alle Antworten geben.

Zusammen mit Vinicio habe ich vor allem weiter am Hintergrund dieser Figur gearbeitet. So haben wir uns gedacht, Michael könnte eine Art „Ersatzkind“ gewesen sein, der sich vielleicht noch heute so fühlt, als würde er den Platz von jemand anders einnehmen. Vielleicht hatte er einen Bruder, der gestorben ist und er hat dessen Namen bekommen bei der Geburt. Psychologisch gesehen entwickelt man mit der Zeit eine Art Schuldgefühl, wenn man in so einer Situation ist.

Für einen Menschen wie Michael ist es vielleicht ganz natürlich zu fühlen, man sei jemand anderes und sich in diesen Gedanken zu flüchten, weil es auch ein temporäres Entkommen von der Schuld ist. Nach diesem Muster hat er auch seinen Job ausgewählt, weil er ihm die Freiheit von sich selbst gewährt.

Daneben haben Vinicio und ich uns lange über Aspekte wie die unterschwellige Botschaft des Drehbuches unterhalten sowie über Michaels Art und Weise zu sprechen. Dieser Charakter redet nicht viel, teilt seiner Umwelt viel über seine Gestik und Mimik mit und Vinicio ist sehr gut darin, die Emotionen dieser Figur über das Schweigen zu kommunizieren. Darüber hinaus haben wir uns auch darüber unterhalten, welche Musik dieser Mensch hören könnte und ich habe Vinicio eine Playlist zusammengestellt.

War dieser Prozess ähnlich bei der Zusammenarbeit mit Sabine Timoteo?
Ja, kann man so sagen. Mit Sabine und Vinicio habe ich mich lange vor dem ersten Drehtag zum Abendessen getroffen und schlug beiden vor, dass ich von nun an mit beiden separat an ihren Rollen arbeiten werde, damit die Spannung zwischen ihren beiden Figuren erhalten bleibt. Am Set konnte man diese Anspannung spüren, was auch daran lag, dass sie beide sich nicht kannten oder länger miteinander gesprochen hatten.

Diese Atmosphäre zwischen den beiden passt zu der „intimen Distanz“, die zwischen Anna und Michael herrscht. Beide kommen sich paradoxerweise über die Distanz zueinander näher und dazu gehört, dass sie wenig miteinander reden und eigentlich ein Rätsel für den anderen darstellen.

Beide sind auch sehr verschieden in ihrer Arbeitsweise. Vinicio ist immer sehr präzise und vorbereitet und stellt viele Fragen. Dagegen ist Sabine sehr instinktiv, was ich sehr mag. Sie hat eine unglaubliche Energie und konnte uns mit Dingen überraschen in einer Szene, an die wir nie gedacht haben. Während wir eine Szene arrangiert haben, hat sie stets geprobt.

Mit Sabine wollte ich schon immer einmal arbeiten seit ich sie in Matthias Glasners Der freie Wille (2006) zum ersten Mal sah. Sie kann auf der einen Seite eine fast kindliche Unschuld zeigen, aber dann auch wieder diese sehr starke, fast schon einschüchternde Frau sein. Diese Ambivalenz wollte ich auch für die Figur der Anna haben.

Ein Großteil der Filme spielt sich an Orten wie Autobahnraststätten oder Tankstellen ab, also sehr alltäglichen und eher wenig attraktiven Plätzen. Wie inszenierten Sie solche Orte zusammen mit Kameramann Simon Guy Fässler?
Mit Simon habe ich mich lange darüber unterhalten, wie man über die Inszenierung der Orte etwas über die Figuren des Films aussagen kann. Mir war es wichtig, dass das Publikum eine Faszination verspürt für diese „Nicht-Orte“, die einem die Illusion einer Intimität geben während sie doch durch ihr Mobiliar und ihren Minimalismus sehr neutral wirken.

Diese Orte sind die Welt von Michael, er fühlt sich wohl in ihnen und flüchtet sich dorthin. Dort kann er sich wie ein Fremder fühlen, muss nichts über sich preisgeben. Dennoch sagen diese Orte sehr viel über ihn aus. Für Sabines Figur wollten wir dagegen Orte haben, die eine gewisse Persönlichkeit und Geschichte haben. In ihrem Haus sieht man viele Kontraste im Licht, während in Michaels Welt immer alles etwas gedimmt zu sein scheint. Daneben spielt die Idee des Gefangenseins eine Rolle bei der Inszenierung dieser Orte. In jeder Location spielt dieses Konzept eine Rolle.

Haben diese Konzepte auch die Zusammenarbeit mit Zeno Gabaglio, der die Musik zum Film machte, beeinflusst?
(lacht) Als ich anfing an dem Film zu arbeiten, wollte ich zunächst gar keine Musik haben und stattdessen mit der Stille und dem Schweigen der Figuren arbeiten. Dann habe ich aber verstanden, inwiefern die Musik die Geschichte und die Aussage einer Szene verstärken kann.

Michael entwickelt sich von einem Charakter, der sich in der Künstlichkeit wohlfühlt hin zu einem Menschen, der nach mehr Authentizität im Leben strebt. Visuell haben wir dies ausgedrückt mit dem Thema Wasser, beispielsweise durch das Bild des Pools am Anfang und nachher der Einstellung eines Flusses. Wenn er dann am Ende auf den See zugeht, ist dies das Ende dieser Entwicklung.

Diese Entwicklung haben wir versucht mit der Musik nachzuvollziehen, indem wir uns zunächst mit sehr elektronischer Musik beschäftigten und wir gegen Ende andere, akustischer Klänge hören.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Francesco Rizzi

© Imagofilm

Zur Person
Francesco Rizzi wurde 1978 in Medrisio in der Schweiz geboren. Nach einem Studium in Literatur und Kunstgeschichte an der Universität Freiburg konzentrierte er sich vor allem auf den Bereich Film und erhielt 2005 ein Diplom von der angesehenen Filmakademie in Rom. Nach seinem ersten Kurzfilm Rex Nemorensis (2005) folgte 2010 die Dokumentation La culla del Dio morente.



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Francesco Rizzi [Interview]
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