In Freies Land (Kinostart: 9. Januar 2020) folgen wir den Ermittlern Patrick Stein (Trystan Pütter) und Markus Bach (Felix Kramer), die nach der Wende in dem entlegenen Dorf Löwitz auf die Jagd nach dem Mörder von zwei Jugendlichen gehen. Wir sprachen mit Regisseur und Co-Autor Christian Alvart über seine Philosophie beim Regieführen, seine Arbeit mit Schauspielern und den Bildern seines neuen Films.

Letztes Jahr war bekanntermaßen das 30-jährige Jubiläum des Mauerfalls und im Fernsehen und anderen Medien überschlug man sich mit entsprechender Berichterstattung, welche beispielsweise die bekannten Bilder von Menschen zeigen, die vom Osten in den Westen gehen. Was empfindest du, wenn du diese Bilder siehst?
Das, was da gezeigt wird, ist für mich ein schlaglichtartiger Moment, der für Deutschland sehr wichtig ist. Auf der anderen Seite finde ich die Verknappung dieses Moments auf diese Bilder sehr gefährlich, denn hierbei wird der Alltag vieler Menschen außen vor gelassen, die Angst hatten vor dieser radikalen Veränderung, die auf sie zukam. Dieses Gefühl ist, meiner Meinung nach, in der bisherigen Aufarbeitung im Kino und im Fernsehen sehr unterrepräsentiert. Daraus entstand die Idee, aus diesem Gefühl der Angst einen Thriller zu machen, da das Genre bekanntlich Angst als Fundament seiner Geschichten braucht. Als dann das Angebot der Produktionsfirma Telepool kam, auf Basis des spanischen Thrillers Mörderland – La Isla Mínima einen deutschen Film zu machen, kam dies wie gerufen. Wir hatten dann eine Geschichte oder einen Stoff, der diese Aspekte bebildert.

Wie du in deinem Regiestatement sagst, gibt es viele Sozialdramen und Komödie über die Wende. Wann war dir klar, dass du einen Thriller machen wirst?
Das war für mich von Anfang an klar, da Thriller generell eher Mangelware im deutschen Kino waren, besonders eben solche, die eine Thematik wie die Wende behandeln. Zudem liebe ich das Genre sehr, weil ich mich dort beheimatet fühle. Ich bin eben kein Wolfgang Becker, der aus dieser Thematik einen Film wie Good Bye Lenin! machen kann.

Dennoch ist diese Angst vor Veränderung, diese kargen Landstriche, aus denen die jungen  Qualifizierten wegziehen, und diese Abwicklung des Industrialismus Teil von Geschichten, die sich immer wiederholen, egal ob im Osten Deutschlands, im Süden der USA oder in der Ukraine, in der wir gedreht haben. Auf der einen Seite mag dies spezifisch sein und auf die Geburtsstunde des vereinigten Deutschlands verweisen, aber es ist auch ein universell verständliches Thema.

Meiner Meinung nach wird die Rolle der Angst bei menschlichen Handlungen nach wie vor vernachlässigt, außerhalb von philosophischen oder juristischen Debatten. Das Thema hat mich schon immer interessiert, egal ob es die Angst vorm Tod ist wie in Abgeschnitten oder die Angst vor dem Anderen wie in Dogs of Berlin. In Freies Land ist es eben die Angst vor der Umwälzung, dass das Land einfach verschwindet und alles, was man kennt, vergänglich ist.

Viele deiner Filme behandeln ja vor allem den Verlust von Kontrolle, wie beispielsweise Steig. Nicht. Aus!
Aber ist das nicht eine Form der Angst? Gerade das ist ja eine Form der Angst, die zumindest ich oft empfinde. Es gibt so viele Dinge, die ich nicht kontrollieren kann und vor denen ich Angst habe. Dinge, die ich kontrollieren kann, machen mir keine Angst.

In deinen Projekten nutzt du als Autor und Regisseur das, wie du sagst, „Prinzip der Überhöhung“. Kannst du das näher erklären, auch mit Bezug auf Freies Land?
Dieses Prinzip kommt in der Tat auch bei Freies Land zum Tragen, allerdings ist es, wie bei all meinen Projekten, dem jeweiligen Stoff angepasst. Was ich am Genrekino so liebe ist, das man in der Lage ist Realität zu verdichten, also, dass man nicht 1:1 die Realität abbilden muss, sondern deren Essenz einfangen will. Das ist ein anderer Ansatz als der dokumentarische, dem viele andere Filmemacher folgen.

Mit der Kamera bin ich der Erzähler, ich erzähle mit dem Blick auf einen Gegenstand oder eine Figur, genauso wie es Alfred Hitchcock, Steven Spielberg oder Luc Besson, Filmemacher, die mich besonders geprägt haben, immer machen oder gemacht haben.

Freies Land ist ein Film, der besonders durch seine Bilder und Figuren besticht. Was war eigentlich zuerst da: ein Bild oder eine Figur?
Im Falle von Freies Land war es tatsächlich ein Bild, was zuerst da war, vor allem, da die Ermittler, wenn auch verfremdet, auf dem spanischen Original basieren. Die Bilder waren aber tatsächlich noch vor dem Stoff da, denn ich bin damals, kurz nach der Wende, nach Berlin gefahren. Wenn ich dann auf der Autobahn in Städte wie Bitterfeld oder Weißenfels gekommen bin, sah ich eine für mich sehr faszinierende Welt, eine, in der ich gerne einmal eine Geschichte erzähle würden. Mit Freies Land bot sich diese Gelegenheit.

Weil der Film die Abwicklung des Industriezeitalters als ein Thema beinhaltet, wurde der Rost eines der zentralen visuellen Motive des Films, was sich sogar im Blut wiederfindet. Daraus entwickelte ich eine Bildsprache für den Film.

Anders als bei meinen anderen Filmen war meine Herangehensweise an die Filmmusik. Ich hatte die etwas abstrakte Idee, dass dem Film ein Blues gut passen würde, aber eher eine Art „Industrial Blues“. Christoph Schauer, ein Komponist, mit dem ich schon sehr lange zusammenarbeite, hat sehr schnell diese Musik gefunden, die ich dann auch mit in die Dreharbeiten nahm. Ich finde es nach wie vor so genial, dass er mit diesem Schlagwort, was ich ihm gegeben habe, so viel anfangen konnte und ein solches grandioses Ergebnis herauskam.

Trystan Pütter sagt, dass du eine „mystische Atmosphäre“ bei der Inszenierung der Orte erreichen wolltest. Wie erreicht man diese als Regisseur, Autor und auch Kameramann?
Das ist ein Zusammenspiel vieler Elemente, von Tongestaltung, Schnitt und Kamera. Man nähert sich dabei einer Traumlogik an, wie man sie beispielsweise in den Filmen eines David Lynchs findet, einer Logik, in der alles möglich zu sein scheint und die diesen Mystizismus beim Erzählen schafft. Ich glaube, dieser Mystizismus auf dem Lande ist dabei anders als jener, den man in einem urbanen Kontext erreicht. Durch die Weite und die Verlorenheit ist man dem Überirdischen einfach näher als in der Stadt.

Wie hast du die Drehorte ausgewählt oder wie hast du die gefunden?
Wir haben innerhalb Deutschlands lange nach geeigneten Locations gesucht und sind letztlich in Mecklenburg-Vorpommern fündig geworden, da es dort viele Sumpflandschaften gibt. Leider waren die Städte dort schon in einem Maße renoviert, dass man keine zusammenhängenden, alten Strukturen finden konnte. Schließlich erinnerten wir uns an unsere Erfahrungen von der Produktion zu Leanders letzte Reise, den wir in der Ukraine gedreht haben. Dort gab es solche Landschaften, wie wir sie für Freies Land haben wollten.

Nach einer langen Suche sind wir dann nach Lviv, einem Ort mit viel deutscher Architektur, gekommen, wo die Sumpflandschaften tatsächlich sehr wie in Mecklenburg-Vorpommern aussehen. Dort haben wir viele Motive gefunden, die wir im Film haben wollten.

Ich muss dazu sagen, dass ich schon immer gerne Kanu gefahren bin. Viele Nicht-Wassersportler merken gar nicht, wie anders die Welt aussieht, selbst bekannt Landstriche, wenn man mit dem Kanu durchfährt und man sie vom Wasser aussieht. Das eigene Land, die Heimat sieht auf einmal aus wie eine Touristenlandschaft.

Abgesehen von der spanischen Filmvorlage, was war deine Inspiration für die Gestaltung der beiden Ermittler?
Tatsächlich entstammen die Grundidee und die Figuren in ihrer Funktion für den Plot dem Film Mörderland. Aber der zeitliche Rahmen, die Atmosphäre oder die Außeninterpretation der Figuren sind schon sehr auf einen deutschen Kontext zugeschnitten, teilweise nur in Details, die aber sehr viel ausmachen. Da der Film das geteilte Deutschland thematisiert, habe ich auch die Ermittler erst einmal „geteilt“ und aufeinander prallen lassen, ein Aspekt, der in der Vorlage nicht vorkommt.

Die Figur, die Felix Kramer spielt, haben wir in langen Gesprächen entwickelt und sehr im Kontrast zu seinem Charakter in Dogs of Berlin angelegt. Ganz oberflächlich gesehen mögen sich da Parallelen ergeben, aber wir wollten seine Rolle in Freies Land grundverschieden anlegen. Natürlich sind sie beide Polizisten mit moralisch fragwürdigem Hintergrund, aber sie mussten sich unterscheiden, vor allem musste aber Felix‘ Figur in Freies Land ein starker Kontrast zu Tyrstans Figur sein. Dabei haben wir die Fleischeslust der Figur entwickelt, diese ständige Genusssucht und zudem uns gefragt, was die Gewissheit des eigenen Todes eigentlich mit einem Menschen macht, wieso man weiter macht und was man noch mitnehmen will.

Freies Land wurde in anderen Interviews als eine Art „buddy-action-movie“ gesehen wie man sie in den 80ern drehte. Ich würde gerne in eine andere Richtung gehen und fragen, ob der Film nicht vielmehr eine „anti-buddy-action-movie“ ist?
Auf jeden Fall. Das sage ich als jemand, der sonst diese Art Film liebt und auch schon gemacht hat. Freies Land ist in fast jedem Aspekt ein „anti-buddy-action“-Film, egal ob wir von der Ausstrahlung der Figuren ausgehen oder was die beiden erleben. Da werden keine lockeren Sprüche ausgetauscht, sondern da wird eher geschwiegen (lacht). Das hat großen Spaß gemacht beim Inszenieren.

Der Film bildet Vorlieben von mir ab, die ich so noch nicht in meiner Arbeit zeigen konnte, weil die Natur meiner bisherigen Projekte dies mir nicht ermöglichte. Es war schön, einmal andere Antworten auf szenische Fragen zu geben, Dinge anders in Szene zu setzen.

Jede Szene im Film führt zurück auf dieses Thema der Angst und des Kontrollverlustes, die Veränderung nach der Wende. Mir persönlich gefällt sehr die Szene, in der einer der Ermittler vor der Fotowand einer Frau steht, die ihm erklärt, wie ihre Kinder sie wegen Arbeit verlassen haben. Kannst du was zur Arbeit an dieser Szene sagen oder anderen, die dir besonders am Herzen liegen?
Man ist als Regisseur natürlich besonders stolz, wenn man einer Szene etwas Besonders abtrotzen konnte, auch wenn die Bedingungen der Entstehung dieses Moments im Film sehr schwierig waren. Davon bekommt der Zuschauer im Kino naturgemäß nichts mit und sieht nur, wie gut sie ist. Als Filmemacher ist man dann nicht nur auf das Ergebnis stolz, sondern auch auf den Prozess, der dahin führte.

Diese Szene ist toll, weil sie zeigt, dass diese großen Umwälzungen in der Gesellschaft sich immer wieder in einem kleinen Rahmen, hier der Familie, zeigen. Dennoch ist die Erfahrung, die dieser Moment thematisiert, ein kollektiver Moment ausgelöst von einem großen Ereignis. Als Zuschauer versteht man, was da vor sich geht, weil wir letztlich allen Veränderungen in unserem Leben ausgesetzt sind. Das gibt diesem Moment auch etwas Tröstliches, denn man merkt, dass diese Leid der Veränderung von vielen geteilt wird.

Abgesehen davon mag ich die Darstellungen der Schauspieler in der Szene. Sie ist sehr zurückhaltend und überhaupt nicht melodramatisch gespielt.

Wie arbeitest du generell mit deinen Schauspielern zusammen und erarbeitest Figuren?
Das läuft bei mir alles über Unterhaltungen, die nicht nur abgehoben philosophischer Natur sind, sondern auch praktische Fragen behandeln von dem Gang einer Figur bis hin zur Stimme oder zur Kleidung. Irgendwann hat man dann die Erleuchtung und weiß, dass ist die Figur, so wie sie da steht.

Dieser Prozess bringt auch immer viele Unsicherheiten mit sich und umso schöner ist es, wenn man am Ende sagen kann, dass es gar nicht anders hätte sein können, dass die Figur, wie man sie erarbeitet hat, so nicht anders sein kann. Dann fühlt man, dass etwas sehr gelungen ist.

Fehlentscheidungen innerhalb dieses Prozesses trägt man, wie bei allen Entscheidungen im Leben, immer mit sich herum und wird mit ihnen konfrontiert, auch wenn man den Film mit zeitlichem Abstand wieder ansieht.

Inszenierst du eigentlich lieber fürs Fernsehen, fürs Kino oder lieber für Plattformen wie Netflix?
Das kommt immer auf den Stoff an. Jede Idee hat meistens mindestens eine gelungene Übersetzung innerhalb eines Mediums. Wenn man sich lange genug mit ihr beschäftigt, merkt man nach einiger Zeit, ob dies ein Roman, ein Hörspiel oder ein Film werden wird. Das ist immer eine sehr schwierige Entscheidung, aber sobald man das richtige Format für eine Idee gefunden hat, muss es auch dieses Format sein.

Wenn ich nicht für so viele Formate arbeiten würde, müsste ich so viele Ideen, die kein Kinofilm sind, liegen lassen und das fände ich sehr schade.

Die Themen eines Films wie Freies Land könnten in der heutigen Zeit nicht aktueller sein. Wie beobachtest du diesen Prozess des Kontrollverlustes und der Angst in der heutigen Gesellschaft?
Ich habe eigentlich gar nicht so sehr Angst vor dem Verlust der Kontrolle, sondern viel mehr vor dem Verlust zivilisatorischer Errungenschaften, für die viele Menschen lange gekämpft haben, oft unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Diese dürfen wir nicht in der heutigen Debattenkultur dem Populismus opfern.

Dies beschäftigt mich sehr und ich hoffe sehr mit meinen Filmen, Antworten zu geben oder zu finden, wie man sich Gegnern oder Andersdenkenden mit viel mehr Empathie nähern kann ohne dabei Errungenschaften wie die Debattenkultur, demokratische Werte oder die Diversität von Meinungen opfert. Nie hätte ich gedacht, dass beispielsweise Pressefreiheit oder Gewaltenteilung noch einmal zur Debatte stehen würden, aber heutzutage würden viele ihrem politischen Gegner gerne all diese Freiheiten nehmen. Vor dieser Art des Zivilisationsverlustes habe ich sehr viel Angst.

Meiner Meinung nach hatten wir noch nie eine bessere Gesellschaft als die heutige und wir riskieren gerade, uns über Nichtigkeiten zu zerstreiten und unsere Freiheiten sowie unseren Wohlstand zu verlieren.

Kannst du uns was zum aktuellen Stand von Projekten wie dem Captain Future-Film und Django Lives sagen?
Beide sind momentan ernsthaft in Vor-Produktion. Für Captain Future mussten wir sehr viele Hürden nehmen, was uns allen auch klar war. Dadurch, dass meine Idee zu der Verfilmung seinerzeit geleakt wurde, kommt der Entstehungsprozess vielen Fans der Serie so lang vor. Bei einem Projekt wie diesem, was in Deutschland realisiert werden soll, sehr teuer ist und bei dem viele beteiligte Parteien eine Rolle spielen, dauert die Produktion natürlich sehr viel länger.

Im Falle von Django Lives hoffe ich auf einen sehr viel schnelleren Prozess. Abgesehen von Franco Nero, der bereits zugesagt hat, müssen wir noch eine andere Rolle gut besetzen. Wenn das Casting für diese Figur fertig ist, können wir drehen. Wenn allerdings alle Namen auf der bisherigen Shortlist für die Rolle absagen, müssen wir uns noch einmal zusammensetzen.

Vielen Dank für das nette Gespräch. 

Christian Alvart

©Syrreal Ent

Zur Person
Christian Alvart wurde 1974 in Hessen geboren und war zunächst als Chefredakteur des Filmmagazins X-TRO tätig. Nachdem er 1999 mit Curiosity & the Cat sein Debüt als Regisseur gemacht hatte, bekam er nach Antikörper (2005) auch internationale Angebote, sodass er in den Vereinigten Staaten Filme wie Fall 39 (2009) und Pandorum (2009) realisierte. Neben seiner Arbeit fürs Kino drehte Alvart auch fürs Fernsehen und für Streaming-Plattformen wie Netflix. So ist er bekannt als einer der kreativen Köpfe hinter dem Tatort: Hamburg und dem Tatort: Kiel. Darüber hinaus führte er Regie bei der Serie Dogs of Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Regisseur ist Alvart Produzent, Drehbuchautor und Kameramann sowie einer der Geschäftsführer der Firma Syrreal Entertainment, die junges deutsches Genrekino fördert.



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Christian Alvart [Interview]
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