Kritik

Freies Land

„Freies Land“ // Deutschland-Start: 9. Januar 2020 (Kino) // 23. Juli 2020 (DVD/Blu-ray)

In dem entlegenen Dorf Löwitz werden zwei Mädchen vermisst. Da die Suche nach ihnen bislang ohne Ergebnisse verlaufen ist, werden die Ermittler Patrick Stein (Trystan Pütter) und Markus Bach (Felix Kramer) mit dem Fall betraut, der auf Wunsch ihrer Vorgesetzten schnell erledigt werden soll. Besonders Stein kann sich kaum mit dem offen feindseligen Willkommen der Dorfbewohner anfreunden, aber noch weniger mit den ruppigen Methoden Bachs, der mehr als nur einmal seine Bereitschaft zeigt, Regeln zu brechen, wenn sie zu Ergebnissen führen. Jedoch verlaufen die Ermittlungen ungewollt zäh, denn außer der Mutter der beiden Mädchen (Nora Waldstätten) zeigt sich kaum jemand verwundert oder betroffen über das Verschwinden der beiden, vor allem da seit der Wende mehrere junge Menschen wegen einer Arbeit Löwitz verlassen haben. Als dann aber die Leichen der Mädchen gefunden werden, kommen Stein und Bach einem tiefer liegenden Verbrechen auf die Spur, welches nicht nur ein dunkles Geheimnis des Dorfes aufdeckt, sondern auch ihre Leben in Gefahr bringt.

Topografie der Wende
Während sich das Jahr 2019 in die letzten Wochen geht, endet auch das Jubiläum des Mauerfalls. Die teils eher routinierte Bilderflut der ersten Stunden nach der Öffnung der Grenzen und die Euphorie am Brandenburger Tor zeichnen ein harmonisches Bild dieses Ereignisses, doch 30 Jahre danach zeigt sich nach wie vor eine weite Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland, die oftmals wenig oder gar nicht diskutiert wird in den vielen Jubiläumssendungen. Mit „wachsender Deutlichkeit“, so Regisseur Christian Alvart (Steig. Nicht. Aus! Abgeschnitten) zeigen sich in der aktuellen sozialen Landkarte Deutschland Brüche in jenem „Wunder-Narrativ“ des Mauerfalls, welches von Politik und Medien propagiert wird.

Mehrere Filme haben bereits das Deutschland nach der Wende thematisiert, wobei Alvarts neuer Film Freies Land die Wunden und die Traumata der Jahre danach zeigt. Die Vorlage liefert hierzu Alberto Rodríguez‘ Mörderland – La Isla Mínima (2014), der ein dunkles Bild Spaniens in der Ära nach Franco offenbarte. Das Drehbuch aus der Feder Alvarts und Siegfried Kammls übernimmt den Kern der Vorlage, beispielsweise in der Anlage der beiden Ermittler, die nicht nur durch ihre konträren Persönlichkeiten und Verhaltensweisen, sondern auch ihre Geschichte immer wieder auf jenes Bild Deutschlands verweisen, welches die Stärke eines Films wie Freies Land ausmacht.

Bisweilen fühlt man sich an jene kargen Landstriche erinnert, welche ihren Beitrag zu der düsteren Atmosphäre einer Serie wie True Detective ausmachen. Des Öfteren wechselt Alvarts Kamera in die Totale, zeigt jenes „freie Land“ um das Auto Steins, der auf den Weg nach Löwitz ist, und man ahnt bereits jenes Gefühl der Isolation und des Gefangen-Seins in diesem Landstrich. Die anfängliche Bildcollage definiert Löwitz im Film als einen jener ausgestorbenen Orte, dessen junge Generation entweder ausgewandert ist oder nach einem Ausweg sucht, während die Elterngeneration den Tod ihrer Heimat jeden Tag vor Augen geführt bekommen. Die anfängliche Euphorie der Wende ist umgeschlagen in einen betäubenden Zustand der Ausnüchterung, das jene Träume des Neuanfangs nicht für alle erreichbar sind.

Mauer des Schweigens
Im Gewand eines Mordfalls zielt Alvarts Film auf so etwas wie ein Psychogramm seiner Charaktere ab. Wenn einer der Ermittler die Fotowand einer alten Frau begutachtet, kommentiert diese die Schnappschüsse ihrer Söhne und Töchter mit Erläuterungen, wo diese nun studieren oder arbeiten würden, alle natürlich außerhalb der Stadtgrenzen von Löwitz. Die Verheißungen der Welt nach der Wende, so meint man hier zu sehen, verändern die Definition der Heimat: Während die einen diese nicht aufgeben können und wollen, greifen die anderen nach jeder Möglichkeit, sich eine neue zu schaffen, weg von dieser mittlerweile trostlosen Industrieeinöde,

Interessant ist hierbei die Darstellung der beiden Polizisten. Trystan Pütter, bekannt aus Toni Erdmann oder Serien wie Ku’damm 59, ist einer jener Menschen, welche die Chance auf den Neubeginn, die versprochene Wende mit beiden Händen ergriffen haben, ohne zurückzublicken. Der nicht mehr wiederzuerkennende Felix Kramer ist so etwas wie ein Symbol jener Korruption und moralischen Verdorbenheit, gegen die sich Stein stemmt oder gegen die er ankämpfen will. Beide spielen Männer, für die der Mordfall sowie das Durchbrechen der Mauer des Schweigens, auf die sie in Löwitz stoßen, zu einer schmerzvollen Konfrontation mit der eigenen Geschichte wird.

Credits

OT: „Freies Land“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Christian Alvart
Drehbuch: Siegfried Kamml, Christian Alvart
Musik: Christoph Schauer
Kamera: Christian Alvart
Besetzung: Trystan Pütter, Felix Kramer, Nora Waldstätten, Ben Hartmann, Ludwig Simon, Uwe Dag Berlin

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Deutscher Filmpreis 2020 Bestes Szenenbild Tim Tamke Nominierung
Bestes Kostümbild Ingken Benesch Nominierung

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Freies Land
4.16 (83.16%) 19 Artikel bewerten

Freies Land
„Freies Land“ ist ein spannender Thriller, der gleichzeitig ein trostloses Bild der Zeit nach der Wende zeichnet. Neben den beiden Hauptdarstellern überzeugen nicht zuletzt die starken Aufnahmen des Films, die mehr sind als reines Lokalkolorit, sondern als Metapher dienen für jene Mischung aus Stillstand und Aufbrechen, der im Zentrum von Alvarts Film steht.
9von 10

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