Le Mans 66

„Le Mans 66 – Gegen jede Chance“ // Deutschland-Start: 14. November 2019 (Kino)

In den 1960ern laufen die Geschäfte des Fahrzeugherstellers Ford zwar gut, doch so richtig sexy ist dessen Image nicht gerade. Und so stimmt Henry Ford II (Tracy Letts), der das Unternehmen übernommen hat, dem Plan von Lee Iacocca (Jon Bernthal) zu: Sie wollen ins Renngeschäft einsteigen, um auf diese Weise ein bisschen attraktiver für junge Menschen und auch Europa zu werden. Nachdem der Kauf von Ferrari scheitert, bleibt ihnen jedoch nichts anderes übrig, als selbst einen Rennwagen zu entwickeln. Damit beauftragt wird Carroll Shelby (Matt Damon), der das Unmögliche wahr machen soll: das 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewinnen, was bislang noch keinem amerikanischen Team gelungen ist. Und auch ein Fahrer ist schnell gefunden: der Brite Ken Miles (Christian Bale). Der verfügt über das notwendige Talent, macht sich aufgrund seiner wenig diplomatischen Weise aber bald Feinde im Unternehmen …

Ist das jetzt mutig oder einfach nur unangebracht und selbstvergessen? In einer Zeit, in der die Menschen, zumindest Teile von ihnen, langsam ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass sehr viel weniger Auto gefahren werden sollte, wenn wir unser Klima noch retten wollen, kommt ein Film in die Kinos, der das Autofahren glorifiziert. Mehr noch, der ausgerechnet Autorennen glorifiziert und damit ein Fahren, das noch nicht einmal einen pragmatischen Zweck erfüllt. Vom Geldverdienen einmal ausgenommen, denn Le Mans 66 – Gegen jede Chance macht auf eine bemerkenswert offene Weise von Anfang an klar: Hier geht’s ums Geschäft! Dass der eine oder andere diesen Sport mit Leidenschaft verfolgt, allen voran Miles, macht nur umso deutlicher, dass dahinter lauter Männer in Anzügen stehen, die dem Dollar alles andere unterordnen.

Konkurrenz? Wo?
Der englische Originaltitel Ford v Ferrari ist daher auch etwas irreführend. Es stimmt natürlich, dass Ford in den 60ern sein Rennsport-Programm begann, mit dem erklärten Ziel, Ferrari zu schlagen – jenes Unternehmen also, das die vorangegangenen Jahre jedes Mal in Le Mans siegreich war. Doch von einigen wenigen Momenten abgesehen, die sich auf den Anfang und das Ende des Films beschränken, besteht das Duell in Le Mans 66 in erster Linie zwischen dem Team von Shelby und dem eigenen Unternehmen, das sich in alles einmischt, aber von nichts wirklich eine Ahnung hat. Man könne Rennen nicht in Gremien gewinnen, heißt es an einer Stelle, wodurch deutlich gemacht wird, wer die eigentlichen Helden sind: die einfachen Leute.

Das ist natürlich schon sympathisch, zudem auch deutlich glaubwürdiger als die hauptsächliche David-gegen-Goliath-Geschichte, die der Film aufzubauen versucht. Wenn Ford im Vergleich zu Ferrari als Underdog präsentiert werden soll, mag das im Rennsportbereich zutreffen, verzerrt aber die Größenverhältnisse der beiden Unternehmen. Ohnehin, eigentlich sind diese ganzen Duelle eher Randerscheinungen. Viel wichtiger sind in Le Mans 66 die beiden Hauptfiguren, die eine enge Freundschaft pflegen, aber auch schon mal kräftig auf Konfrontation gehen können, nicht zuletzt wegen Shelbys nicht immer dankbarer Vermittlerposition. Eine der schönsten Momente des Films zeigt dann auch die zwei, wie auf einem Bürgersteig miteinander raufen, so als wären sie zwei Jungs auf einem Schulhof.

Ein Mann gegen den Rest der Welt!
Wie viel Spaß man an dem Film hat, hängt dann auch maßgeblich damit zusammen, wie viel man den Figuren bzw. deren Darstellungen abgewinnen kann. Besonders Christian Bale, nach seinem Auftritt in Vice – Der zweite Mann wieder auf Normalgewicht runtergehungert, kennt da kein Halten und verkörpert den Rennfahrer mit Lust am Overacting als Heißsporn, der sich von nichts und niemandem etwas vorschreiben lässt. Das ist auf Dauer etwas eintönig, da die Kompromisslosigkeit kaum Schattierungen zulässt. Miles ist zudem niemand, der einem übermäßig sympathisch wäre. Was genau seine Frau Molly, verkörpert durch Caitriona Balfe, an ihm findet, erschließt sich nicht wirklich. Unterhaltsam sind diese Übertreibungen aber durchaus, weswegen Damon seine Figur sehr geerdet interpretiert, als Gegengewicht zum Teufelsfahrer.

Diese Konstellation funktioniert gut. Auch die Balance zwischen Persönlichem und Rennsportmomenten ist Regisseur James Mangold (Logan – The Wolverine, Walk The Line) geglückt, Le Mans 66 – Gegen jede Chance behält selbst mitten im Turbochaos die Figuren im Blickwinkel. Das Drama, welches auf dem Telluride Film Festival 2019 Premiere hatte, ist daher selbst für ein Publikum empfehlenswert, das sich nicht ganz so sehr für diesen Sport begeistern kann. Zweieinhalb Stunden hätte es für die Geschichte vielleicht nicht gebraucht, da sich viele Konflikte dann doch ziemlich wiederholen, die meisten Figuren tendenziell langweilig sind. Aber es reicht doch, um einen unterhaltsamen, nostalgisch gefärbten Abend zu verbringen, der einen daran glauben lässt, dass am Ende doch (fast) alles möglich – es braucht nur Leidenschaft, Durchhaltevermögen und jede Menge Geld.

Le Mans 66 – Gegen jede Chance
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Le Mans 66 – Gegen jede Chance
„Le Mans 66 – Gegen jede Chance“ nimmt uns mit in die 1960er, als das amerikanische Autounternehmen Ford den Rennangriff auf Ferrari wagte. Die behauptete David-gegen-Goliath-Situation ist zwar nicht die überzeugendste, die Figuren sind etwas eintönig, der Film macht aber Spaß als Geschichte um zwei Freunde und ihren Kampf gegen besserwissende Anzugträger, die alles vorschreiben wollen.
7von 10

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