Vice

„Vice – Der zweite Mann“ // Deutschland-Start: 21. Februar 2019 (Kino)

Dick Cheney (Christian Bale) weiß schon früh, was er will: politische Macht. Er will sein Land gestalten können, die ganze Welt gestalten. Sein Vorbild ist Donald Rumsfeld (Steve Carell), dem er als Praktikant im Weißen Haus begegnet und der ihn die Mechanismen des politischen Geschäfts lehrt. Immer wieder zieht es ihn später selbst auf die Bühne, unterstützt von seiner Frau Lynne (Amy Adams). Doch der Höhepunkt erfolgt ausgerechnet zu einer Zeit, als er sich längst zurückgezogen hat: Als ihm George W. Bush (Sam Rockwell) den Posten des Vize-Präsidenten anbietet, erkennt er schnell, welches Potenzial dies hat, sowohl die Stelle wie auch die USA nach seinem Geschmack neu zu regeln.

Wenn es jemanden in Hollywood gibt, der komplizierte Machenschaften reicher, mächtiger Männer pointiert auseinandernimmt, dann ist es Adam McKay. In The Big Short schaffte er vor drei Jahren das Kunststück, das an und für sich unübersichtliche und sehr trockene Thema der Finanzkrise unterhaltsam aufzubereiten. Dass sich der US-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor nun dem Bereich der Politik zuwendet, ist ebenso naheliegend wie vielversprechend. Bei dem Zirkus, der dort veranstaltet wird, wenn Reality TV über das Leben der ganzen Welt bestimmt, da schreibt sich das Drehbuch quasi von selbst.

Was soll ich denn davon halten?
Und doch ist Vice in mehrfacher Hinsicht eine Überraschung geworden. Zunächst einmal nahm sich McKay nicht eines der üblichen Verdächtigen an, sondern drehte lieber einen Film über Dick Cheney. Das dürfte so manchen überrascht haben, gerade in Europa. Warum über einen Vize-Präsidenten sprechen? Die machen doch gar nichts Wichtiges! Und auch die Resonanz von Seiten der Kritiker kam unerwartet. Wo The Big Short eigentlich durch die Bank weg geliebt wurde, da sind die Reaktionen hier sehr viel gemischter. Auf der einen Seite ist das Biopic einer der großen Titel der derzeitigen Award Season, wurde allein für acht Oscars nominiert – darunter für fast alle Hauptkategorien. Viele zeigten sich jedoch auch enttäuscht.

Dabei ist das Thema selbst gar nicht das große Problem. Es ist sogar eine kleine Stärke, schließlich erlaubt es McKay tatsächlich auch etwas Neues zu erzählen. Wo die Skandale und Unzulänglichkeiten von Bush & Co. so breitgetreten wurden, dass dort nicht mehr wirklich viel Frisches zu finden war, da ist die Idee eines strippenziehenden Cheneys irgendwie spannender. Wenn in Vice Männer in einem quasi rechtsfreien Raum agieren können, es klare Interessenskonflikte gibt, politische Entscheidungen von ganz anderen Motivationen geleitet werden, das hat dann doch einiges an Aufregerpotenzial. Verschwörungstheoretiker dürften ohnehin ihren Spaß hier haben, zumal die Rollen klar verteilt sind. Cheney und Rumsfeld sind skrupellose Monster in Anzügen, Bush nicht mehr als ein nützlicher Idiot.

Ernst nehmen, nein. Fürchten, ja.
Als tatsächliches Charakterporträt ist das weniger befriedigend, McKay begnügt sich damit, typische Comicbuch-Schurken zu zeichnen. Nur dass es hier keine Helden gibt, die man zum Kontrast hinzuziehen könnte. Wer also wissen wollte, wer Cheney als Mensch war, der muss sich mit dessen Ambitionen und seiner Verschlagenheit zufriedengeben. Mehr gibt es nicht. Gleichzeitig macht das eben auch Spaß, gerade durch die exzellente Besetzung. Während alle Augen auf Bale (American Hustle) gerichtet sind, stehen ihm Amy Adams (Arrival) und Steve Carell (Beautiful Boy) in nichts nach, verkörpern Figuren, die kein Stück weniger skrupellos sind bei der Verfolgung ihrer Ziele. Und Sam Rockwell darf sich ein Jahr nach Three Billboards Outside Ebbing, Missouri erneut Hoffnungen auf einen Oscar als bester Nebendarsteller machen, erneut in einer Rolle des etwas minderbemittelten Rednecks.

Gleichzeitig zieht sich Vice des Öfteren aber auch ziemlich. Ein Grund: McKay hat zwar unglaublich viel zu erzählen, aber kein wirkliches Konzept, wie er das tun will. Vieles hier wirkt willkürlich zusammengeworfen, der Film versucht mal hier mal was, mal dort. Das ist an manchen Stellen grandios, wenn wie in The Big Short groteske Metamomente die selbstverliebte Politikerkaste zu einer Farce werden lassen, die gleichzeitig lächerlich und furchteinflößend ist. Andere Stellen führen aber zu nichts, dienen weder der Charakterisierung noch dem Thema. Für einen Mann wie Cheney, der so minutiös plant, ist der Film eigenartig konfus und unkonzentriert und manchmal eben auch nichtssagend.

Vice – Der zweite Mann
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Vice – Der zweite Mann
„Vice – Der zweite Mann“ schaut einem Mann auf die Finger, der maßgeblich das Weltgeschehen beeinflusste und dabei kaum beachtet wurde. Das ist oft sehr unterhaltsam und furchteinflößend zugleich, aufgrund einer exzellenten Besetzung und grotesken Meta-Elementen sehenswert. An anderen Stellen ist das Biopic aber zäh und ohne Fokus, wirft irgendwie alles zusammen, ohne dabei ein erkennbares Ziel zu verfolgen.
7von 10

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