(„Logan“ directed by James Mangold, 2017)

„Logan“ läuft ab 2. Mäez 2017 im Kino

Im Jahr 2029 sind die Mutanten nahezu in Vergessenheit geraten, neue wurden schon seit Langem nicht mehr geboren, die von früher sind tot oder stark gealtert. Logan alias Wolverine (Hugh Jackman) beispielsweise kann sich kaum noch auf seine Kräfte verlassen, versucht nun als Chauffeur über die Runden zu kommen. Noch schlimmer hat es Charles Xavier alias Professor X (Patrick Stewart) erwischt, dessen Geist immer wieder Aussetzer hat – mit gefährlichen Folgen für die Allgemeinheit. Abgeschirmt in einem alten Tank fristet er ein trauriges Dasein, umsorgt lediglich von Logan und Caliban (Stephen Merchant). Mit dem friedlichen Leben im Exil ist es aber schlagartig vorbei, als eine Frau auftaucht und Logan bittet, das junge Mädchen Laura (Dafne Keen) nach North Dakota zu bringen. Denn auch Donald Pierce (Boyd Holbrook) sowie dessen paramilitärische Einheit stehen plötzlich vor der Tür, wollen sie doch eben das verhindern.

Ein bisschen überraschend ist es schon. Für Innovationen waren die Filmausflüge der X-Men bislang eigentlich weniger bekannt gewesen. Sechs Filme entstanden zwischen 2000 (X-Men) und 2016 (X-Men: Apocalypse). Sechs Filme, die mal die Figuren austauschten, zwischendurch auch die Schauspieler, die am Ende aber alle mehr oder weniger dieselbe Geschichte erzählten. Filme, bei denen man deshalb schon im Vorfeld ziemlich genau wusste, was einen erwartet. Und nun sind es ausgerechnet die Spin-offs dieser Reihe, welche dem Marvel Cinematic Universe zeigen, dass Comic-Adaptionen auch mal ganz anders sein können. 2016 war Deadpool mit viel Selbstironie und Brutalität einer der größten Überraschungserfolge des Jahres. Und nun schickt sich Logan an, erneut die Vorstellung dessen infrage zu stellen, die wir von Superhelden haben.

Von einem Helden ist bei Wolverine dann auch nicht mehr viel zu spüren. Nicht nur, dass er alt geworden ist, seine Heilkräfte nachgelassen haben, der einstige Berg am ganzen Körper Risse zeigt. Es ist vor allem der psychische Zerfall, der einen zu Beginn des Films schockt. Nichts gibt es mehr in seinem Leben, für das er noch kämpfen will. Nicht einmal sein Leben selbst. Ein Zufall ist es nicht, dass der Film Logan heißt, also dem Menschen hinter der Kampfmaschine gewidmet ist. Das wurde in dem ebenfalls von James Mangold inszenierten  Wolverine – Weg des Kriegers auch schon mal versucht, aber mit einem deutlich weniger beeindruckenden Ergebnis. Die Jahre der Trauer und Einsamkeit haben hier erschreckende Spuren hinterlassen, wie oft sieht man schließlich einen Blockbusterprotagonisten, der seinen eigenen Tod herbeisehnt?

Wie kaum ein anderer Teil der inklusive Spin-offs nun zehn Filme umfassenden Reihe ist Logan dann auch von seinen Schauspielern getragen: Die Intensität des gebrochenen Krallenkämpfers, die Tragik des genialen Professors, der in seinem Geist verlorenging und nun eine Gefahr für alle darstellt. Ausgerechnet jener Charakter, der wie kein anderer für das Wohl aller kämpfte, Menschen wie Mutanten, ausgerechnet er muss zum Schutz der Welt weggesperrt werden. Mag Christopher Nolan noch so oft dafür gerühmt werden, Ernsthaftigkeit ins Superheldenkino gebracht zu haben, vergleichbar radikal und brutal war er nie mit seinen Figuren umgegangen, blieb bei aller Düsternis trotz allem Konsenskino.

Aber auch wenn Wolverine doch noch seine Krallen ausfährt, geht der Film weiter, als man es aus diesem Bereich gewohnt ist. Mit einer beispiellosen Skrupellosigkeit werden hier Feinde abgeschlachtet, enthauptet, ihrer Arme und Beine beraubt, bis man nicht mehr weiß, ob das hier noch Blockbusterkino oder Nischenhorrorsplatter ist. Noch eindrucksvoller wird es, wenn später Laura ebenfalls mitmischt. Denn auch sie schnetzelt sich durch die Gegnerscharen, ohne jeglichen Respekt für das Leben, einem wilden Tier gleich, welches das erste Mal Kontakt mit Menschen hat. Abgerundet wird das Mutantenquartett durch Caliban, der hier durch Stephen Merchant verkörpert wird, der eigentlich aus dem Komödienfach (Movie 43) kommt, sich aber harmonisch in die Schattenwelt einfügt. So harmonisch, dass man im Nachhinein bedauert, dass er nicht schon viel früher die Rolle übernommen hat.

So beeindruckend diese konsequente Abgründigkeit auch ist, so fassungslos man an manchen Stellen auf die Leinwand starrt, an vielen Stellen steht sich Logan dann doch selbst im Weg. Dass die eigentlich von Physis lebenden Kämpfe mehrfach durch Computereinsätze ihrer Wucht beraubt werden, ist bedauerlich. Geradezu ärgerlich ist zudem, wie wenig die eigentliche Geschichte hergibt. Wenn Logan dem kleinen Mädchen ablehnend gegenübersteht, sich beide später annähern, dann zeigt sich der Film inhaltlich derart stark Konventionen verhaftet, wie sie gar nicht zu der sonstigen Radikalität passen. Schlimmer noch: Der Plot ist nicht einmal besonders gut erzählt, braucht zwischendurch zu lange, hat es später dafür zu eilig und entdeckt zum Schluss urplötzlich ein Herz für Kitsch. Zudem stolpert der insgesamt zu lang geratene Streifen während seiner fast 140 Minuten zunehmend über Logiklöcher, die gerade zum Schluss hin nicht hätten sein müssen. Und wie so oft bei Marvel scheinen die Gegner hier eher Zufallsprodukte zu sein. Ein Element, das man eben einführen musste, um die Handlung voranzutreiben, für das sich aber keiner ernsthaft interessiert.

So störend wie bei anderen Adaptionen ist das hier aber nicht, da die Protagonisten in erster Linie mit sich selbst zu kämpfen haben und einen währenddessen lange Zeit auch wirklich fesseln. Allgemein sind die diversen Kritikpunkte eher nebensächlich, denn nach zwei bestenfalls durchwachsenen Soloauftritten ist Logan ein Film, welcher der Figur gerecht wird. Der sich traut, ihn auch einmal von einer anderen Seite zu zeigen und einen zum Ende überraschend wehmütig werden lässt, wenn hier ein vor 16 Jahre gestarteter Zyklus seinen würdigen Abschluss findet.

Logan – The Wolverine
4 (80%) 13 Artikel bewerten

Logan – The Wolverine
Aller guten Dinge sind hier tatsächlich mal drei: Nach zwei missglückten Versuchen ist der dritte und finale Soloauftritt von Wolverine deutlich besser, schockiert einen durch seine Brutalität und nihilistische Radikalität, die vor niemandem Halt macht. Das lebt auch von einem starken Schauspielquartett, selbst wenn inhaltlich einiges dann doch zu konventionell, zum Ende auch unsinnig wird.
7von 10

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