Tokyo

„Tokyo!“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Drei Regisseure, die für sehr eigenwillige Filme bekannt sind, tun sich zusammen, um Tokio ein filmisches Denkmal zu setzen: Da reiben sich die Anhänger des Sonderbaren schon einmal die Hälfte. Zum Teil wird Tokyo!, das auf den Filmfestspielen von Cannes 2008 zu sehen war, diesen Erwartungen auch gerecht. Die drei Kurzfilme, aus denen die Anthologie besteht, sind allesamt ein wenig schräg, mal mehr, mal weniger. Angesichts der beteiligten Filmemacher und dem für Experimente prädestinierten Format ist das Ergebnis dennoch ein bisschen schwach auf der Brust.

Los geht es mit Interior Design. Darin erzählt der französische Regisseur Michel Gondry (Vergiss mein nicht, Science of Sleep – Anleitung zum Träumen) von einem jungen Paar, das mit der akuten Wohnungsnot in der japanischen Hauptstadt zu kämpfen hat. Aber auch mit sich selbst. Akira (Ryō Kase) ist ein Filmemacher, dessen Erfolg in keiner Relation zu seinen Ambitionen steht. Seine Freundin Hiroko (Ayako Fujitani) hat noch weniger vorzuweisen, weshalb sie sich bald in der Beziehung ein wenig nutzlos wirkt. Inspiriert von einem Comic von Gabrielle Bell ist diese Geschichte, auch wegen eines wunderbar skurrilen Endes, noch der beste der drei Kurzfilme. Denn hier kommt das Sonderbare und das Alltägliche zusammen, wird mit eigenartigen Mitteln etwas über die Menschen gesagt.

Ein Berserker auf freiem Fuß
Gondrys Landsmann Leos Carax pfeift in seinem Beitrag auf alles Greifbare. Erneut arbeitete er in Merde mit seinem Lieblingsschauspieler Denis Lavant zusammen. Dieses Mal darf der, ähnlich wie in Holy Motors einige Jahre später, eine Art Kobold spielen, der wild umherläuft und die Gegend unsicher macht. Das ist anfangs sehr spaßig, wenn der aus einem Abwasserkanal gekrochene Sonderling Menschen abschleckt oder anderweitig terrorisiert. Das Wesen wird zu einer Fernsehsensation, ein bisschen wie Godzilla, nur kleiner und bizarrer. Was einige Minuten gut funktioniert, zieht sich später aber – trotz eines Auftritts von Jean-François Balmer als nicht minder seltsamer Anwalt.

Die größte Enttäuschung ist jedoch der dritte und letzte Kurzfilm. Der eigentlich sehr verlässliche koreanische Regisseur Joon-ho Bong (The Host, Mother) zeigt uns in Shaking Tokyo ein Beispiel des ursprünglich japanischen Phänomens Hikikomori. Ein namenloser Mann (Teruyuki Kagawa) hat schon seit Jahren seine Wohnung nicht mehr verlassen, die einzige Verbindung zur Außenwelt ist ein Pizza-Lieferservice. Der bleibt lange ein bloßes Mittel zum Zweck, bis eines Tages eine besonders hübsche Pizzabotin (Yū Aoi) vor dem Protagonisten steht. So hübsch, dass er doch tatsächlich mit dem Gedanken spielt, seine Wohnung zu verlassen um sie wiederzusehen. Das hat zwar eine gesellschaftliche Relevanz, bleibt aber für Bong-Verhältnisse ungewohnt harmlos-nett und ohne die überraschenden Elemente, die seine sonstigen Filme auszeichnet.

Drei sind nicht genug
Gesehen haben muss man Tokyo! deswegen dann auch nicht unbedingt. Vereinzelt zeigen die drei Regisseure zwar, warum sie ihren Ruf genießen, manche Einfälle sind recht witzig. Wer aber nicht gerade ein ganz großer Fan oder Sammler ist, muss die DVD nicht sein eigen nennen – zumal sie ohnehin nur als Import erhältlich ist. Dafür bleibt das Trio zu sehr unter seinen Möglichkeiten, findet auch zu wenig Bezug zu der Stadt, denen es ein Denkmal errichtet hat.



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Tokyo!
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Tokyo!
In „Tokyo!“ treffen drei Regisseure zusammen, die an anderer Stelle ihre Klasse und Eigenständigkeit bewiesen haben. Zum Teil tun Michel Gondry, Leos Carax und Joon-ho Bong das auch hier, insgesamt bleiben sie aber unter ihren Möglichkeiten. Die drei Kurzfilme sind weder so verrückt wie erwartet, noch haben sie so richtig viel Bezug zu der Stadt.
6von 10

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