Nuestro Tiempo

„Nuestro Tiempo“ // Deutschland-Start: 27. Juni 2019 (Kino)

Juan (Carlos Reygadas) und seine Frau Ester (Natalia López) führen seit vielen Jahren eine offene Ehe. Während er als Schriftsteller internationales Ansehen genießt, kümmert sie sich um ihre Farm, insbesondere die Aufzucht von Stieren, eine gemeinsame Leidenschaft beider. Nach einem Fest auf der Ranch kommen sich der Gehilfe Phil (Phil Burgers) und Ester näher. Ermutigt durch ihren Mann kommt es zu einer gemeinsamen Liebesnacht der beiden. Jedoch keimt in Juan bereits der Samen der Eifersucht. Er beginnt Ester zu überwachen, ihre Handynachrichten zu überprüfen und sie regelrecht zu verhören, wenn sie lange Zeit weg war. Seine ständigen Verdächtigungen stellt die Beziehung beider auf die Probe, stellt aber auch die Frage, ob sie überhaupt für einander geeignet sind.

Kampf mit dem Bullen
Im Werk des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygadas gibt es schon immer eine nicht unproblematische Verbindung des Menschen zur Natur. In Filmen wie Post Tenebras Lux oder Japón ist diese keinesfalls der romantische Rückzugsort der Figuren, sondern vielmehr ein Spiegel der eigenen Konflikte, bisweilen gar ein Katalysator für eben diese nachdrücklichen, zersetzenden Fragen nach dem eigenen Ich, welche sich dann konsequenterweise manchmal gar gänzlich auflöst.

Im Kontext der Bilder Diego Garcias steht das weite Land der Farm, die Juan und Ester bewohnen für ein Lebensideal. Verwurzelt in kulturell-intellektuellen Zirkeln sowie innerhalb des Landlebens durch ihre Viehzucht, ist das Land nicht mehr länger ein Ort der Regression, sondern die geografische Entsprechung ihrer Verbindung: offen, frei und voller Möglichkeiten. Die unschuldigen Neckereien der Jugendlichen verbunden mit ersten Küssen finden ihre Entsprechung in der Ungezwungenheit, mit der die beiden Hauptfiguren ihre Beziehung definieren.

Jedoch zweifelt man früh an diesen Demonstrationen des liberalen Lebensstils. Das Einfangen des Bullen, immer wieder in Szene gesetzt in Nuestro Tiempo, betont den Wechsel von Zähmung, Gefahr und Überheblichkeit, der sowohl Juan als auch Ester zum Verhängnis werden könnte. Freiheit liegt immer nahe bei Verlust und Niederlage, denn im Kern bleibt ein wildes Tier, was nur zum Schein gezähmt ist, wild um sich stoßen kann und Mensch und Tier verletzen kann.

„Juan Diaz öffnet die Augen.“
Nuestro Tiempo verfolgt in teils quälend langen Einstellungen ein Scheitern. Diese betonen in ihrer Struktur die wachsende Distanz zwischen den Eheleuten, welche sich insbesondere durch den – wie eigentlich immer bei Reygadas – cleveren Einsatz von Licht zeigt. Der Wechsel zwischen Klarheit und Irrtum, zwischen Liebe und Verrat findet sich in dunklen, bisweilen verschwommenen Bildern wieder. Die natürliche Schönheit der Felder und Bäume kommt einem immer wieder verräterisch vor, ähnlich der Sehnsucht nach einer einfachen, leicht überschaubaren Beziehungslandschaft.

Regisseur Reygadas selbst spielt Juan als einen Menschen, dessen Leben sein Zentrum verliert. Das fast schon schmerzliche Bestehen auf Männlichkeit, die Eifersüchteleien wie auch die Anzüglichkeiten mit den anderen Arbeitern können nicht über ein gewisses Maß an Unsicherheit hinwegtäuschen, was Reygadas in seinen Dialogen versucht auszuloten. In Natalia López findet er hier eine Schauspielerin, die ihrer Rolle jene Balance zwischen Zerbrechlichkeit und verzweifelter Wut gibt, die einhergeht mit der Einsicht sich im Gegenüber getäuscht zu haben.

Nuestro Tiempo
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Nuestro Tiempo
„Nuestro Tiempo“ ist ein Film über den Verlust von Liebe und Idealen. Teils wunderschön in Szene gesetzt, teils emotional schwer zu ertragen, hat Reygadas hier ein wuchtiges Drama geschaffen, welches sich mit zentralen Fragen auseinandersetzt, die unser Leben ausmachen und wie wir leben wollen.
8von 10

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