„Der unverhoffte Charme des Geldes“ // Deutschland-Start: 1. August 2019 (Kino)

Pierre-Paul (Alexandre Landry) ist intelligent. Das weiß er auch, schließlich hat er einen Doktor der Philosophie. Im Arbeitsleben bringt ihm das aber praktisch gar nichts. Was auch okay ist, liegt ihm Konsum- und Gesellschaftskritik doch am Herzen. Deswegen ist das auch ein interessantes Problem, als eines Tages zwei Säcke voller schmutzigem Geld vor seinen Füßen landen. Was macht man damit? Erst einmal die Prostituierte Camillie (Maripier Morin) bezahlen. Schließlich hat die online Racine zitiert. Aber auch Sylvain Bigras (Rémy Girard), ein frisch aus dem Knast entlassenes Finanzgenie, soll ihm bei dieser Aufgabe helfen.

Dass nicht unbedingt diejenigen Erfolg haben, die ihn verdient haben, dieses Gefühl dürften die meisten von uns kennen. Immer wieder begegnen wir Leuten, bei denen wir uns fragen, wie sie es so weit geschafft haben, trotz einer eher überschaubaren Intelligenz oder mangelnden Talents. Wenn sich Pierre-Paul zu Beginn von Der unverhoffte Charme des Geldes laut darüber beklagt, wie alles irgendwie ganz falsch läuft, inklusive eines Seitenhiebs auf Donald Trump, dann will man ihm prinzipiell schon zustimmen. Wäre da nur nicht seine weinerliche und passiv-aggressive Art, die es recht schwer macht, ihn zu mögen.

Wer bist du eigentlich?
Dieselbe Ambivalenz behält der Film später bei. Auch wenn Pierre-Paul Protagonist des Films ist und irgendwie auch der Held, so ganz sicher ist man sich nie, was man von ihm halten soll. Ob er nun als Vorbild gemeint ist oder ob sich Regisseur und Drehbuchautor Denys Arcand über ihn lustig machen will. Vielleicht beides. So wie er gleichzeitig intelligent und irgendwie dümmlich ist, Leuten aufrichtig helfen will – der Mann engagiert sich für Obdachlose! –, dann aber im richtigen Moment doch die Hand aufhält. Oder im falschen Moment, je nachdem.

Insgesamt ist Der unverhoffte Charme des Geldes ein Film, aus dem man nicht ganz schlau wird. Verwirrend sind beispielsweise die starken Stimmungsschwankungen. Mal geht das hier in die Komödienrichtung, mit leichten Anwandlungen einer Satire. Mal geht der Film so richtig zur Sache. Eine Szene, die mittendrin recht unvermittelt gezeigt wird, ist so brutal, dass man nur noch mit versteinerter Miene auf die Leinwand schauen kann. Sofern man nicht schnell Reißaus nimmt. Und auch ein späterer Zwischenfall beißt sich aufgrund seiner No-Nonsense-Gewalt richtig mit dem restlichen Film. Denn die Ermittlungen des Polizeiduos zum Beispiel, die werden als komische Angelegenheit dargestellt.

Der Weg des Geldes
Was Der unverhoffte Charme des Geldes, das auf dem Toronto International Film Festival 2018 lief, darüber hinaus tatsächlich ungewöhnlich macht, ist die explizite Darstellung von Geldwäsche. Das ist ein Thema, das natürlich immer mal wieder im Genrekino auftaucht. Selten wurde das aber so ausführlich in den Mittelpunkt gerückt. Wenn Pierre-Paul und seine wild zusammengetrommelte Truppe erst einmal an die Arbeit gehen, das gesuchte Geld wieder in Umlauf zu bringen, bekommen wir einen kleinen Einblick in die Machenschaften der Wirtschaftskriminalität, ein bisschen bitter, ein bisschen komisch. Ein Film, der verdammen will, aber auch aufzeigt, wie schnell man dem Lockruf des Geldes folgen kann.

Das ist insgesamt ein bisschen lang geraten, zwei Stunden hätte es für die kanadische Produktion nicht unbedingt gebraucht. Und irgendwie hat man auch das Gefühl, dass durch diese Wechsel, atmosphärisch wie inhaltlich, der Film nie so wirklich sein Ziel erreicht – gesetzt den Fall, er hat eins. Nie sein Potenzial ausschöpft. Auch bei den Figuren wäre mehr möglich gewesen. Camille wird etwa zu sehr auf die Rolle der Hure mit dem Herz aus Gold reduziert. Ihre Schwäche für den naiv-unschuldigen Räuber wider Willen ist süß, letztendlich jedoch überflüssig. Spaßig ist Der unverhoffte Charme des Geldes aber schon, gerade auch durch die Absurdität, wenn ein Kapitalismusgegner die Wege der Wirtschaftskriminalität nutzt.



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Der unverhoffte Charme des Geldes
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Der unverhoffte Charme des Geldes
„Der unverhoffte Charme des Geldes“ handelt von einem weinerlichen Kapitalismusgegner, der plötzlich die fette Beute macht. Der Film arbeitet viel mit Kontrasten, ist nicht zuletzt aufgrund ständiger Wechsel schwer zu fassen. Irgendwie ist die Genremischung aber schon spaßig und gewährt Einblicke in die Mechanismen der Geldwäsche.
7von 10

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