Cleo

„Cleo“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

So richtig viel Glück hat Cleo (Marleen Lohse) in ihrem Leben ja nicht gehabt. Ihre Mutter starb bereits bei der Geburt, ihr Vater, als sie gerade mal zehn Jahre alt war. Aber vielleicht lassen sich die Tragödien ja rückgängig machen? Das hofft sie zumindest, als eines Tages der Schatzsucher Paul (Jeremy Mockridge) vor ihr steht, mit einer Karte in der Hand. Der soll den Weg zu einem legendären Schatz weisen, zu dem auch eine magische Uhr gehört, mit der sich die Zeit zurückdrehen lässt. Gemeinsam mit dem gleichgesinnten Duo Günni (Heiko Pinkowski) und Zille (Max Mauff) begeben sie sich auf die Jagd durch ganz Berlin und lernen dabei nicht nur etwas über die Stadt, sondern auch sich selbst.

„Immer diese bedeutungsschweren Zitate am Anfang“, sagt Cleo, nachdem der beliebte Spruch von Heraklit über die Leinwand rattert, dass man nie zweimal an dieselbe Stelle im Fluss springen könne. Schließlich wäre der Fluss nicht mehr derselbe, und auch du nicht mehr dieselbe Person. „Kann diese Geschichte nicht irgendwie anders beginnen?“, führt sie fort. Kann sie. Das ist keine Überraschung, zumindest für all die Zuschauer, die das Glück haben, den Namen Erik Schmitt zu kennen. Denn der schafft es wie nur wenige deutsche Filmemacher, das Besondere im Alltag zu finden, wie etwa sein wundervoller Kurzfilm Nashorn im Galopp bewies.

Bewährte Tricks im Großformat
Andererseits: Vielleicht ist es besser, Schmitt nicht zu kennen, bevor wir mit ihm eine etwas eigene Schatzsuche beginnen. Denn viele der Tricks und Einfälle verwendete er schon in seinen kürzeren Werken. Immer wieder schleichen sich hier Déja-vu-Gefühle ein, das alles doch schon einmal gesehen zu haben. Nur gibt es das Ganze jetzt etwas größer und schöner, eingebettet in eine ausgewachsene Geschichte. Wobei die nur zweitrangig ist. Die Suche nach dem Schatz, so wird bald klar, ist letztendlich nur ein Anlass, um unterwegs die vielen verrückten Spielereien einbauen zu dürfen, für die der gebürtige Mainzer bekannt ist.

Da wird viel mit Perspektiven gespielt, die Zeit erwacht zum neuen Leben, dazwischen gibt es kleine Stop-Motion-Einlagen. Das ist mal komisch, mal verblüffend, dann und wann auch ein klein wenig surreal. Die Vergleiche zu den französischen Kollegen Michel Gondry (Science of Sleep – Anleitung zum Träumen) und Jean-Pierre Jeunet (Die Karte meiner Träume) liegen da natürlich auf der Hand. Kaum ein Kritiker wird der Versuchung widerstehen können, diese Verweise irgendwo einzubauen. Denn wo die eigenen Worte versagen, da müssen eben Bilder ran. Und an denen in Cleo wird man sich kaum sattsehen können.

Der Triumph kindlicher Fantasie
Und doch schlägt Schmitt einen etwas anderen Weg ein als die namhafte Konkurrenz. Wenn er und seine stellvertretenden Protagonisten durch Berlin stapfen, dann sehen sie die Welt durch die staunenden Augen eines Kindes. Das passt zur Geschichte einer jungen Frau, die allerlei Kindheitstraumata mit sich herumschleppt. Aber auch der Rest des Quartetts scheint nicht so wirklich erwachsen geworden zu sein. Das Abenteuer der versponnenen und teils reichlich verwirrten Crew ist gleichzeitig eine Liebeserklärung an Schmitts neue Wahlheimat, aber eben auch an die kindliche Fantasie. Eine Aufforderung auch, sich nicht zu sehr vom Alltag vereinnahmen zu lassen, sondern an die Macht der Vorstellungskraft zu glauben und dabei ein wenig das Herz zu öffnen.

Dass Cleo bei der Berlinale 2019 die Sektion Generation Kplus eröffnete, ist dabei verdient und passend. Denn Schmitt richtet sich gerade auch beim Humor an ein jüngeres Publikum, das sich an den kauzigen Figuren erheitern kann. Sonderlich tiefgründig sind die nicht, der Film scheint zudem zwischendurch die ohnehin eher spärlichen Merkmale von ihnen zu vergessen. Dafür darf es zum Schluss emotionaler werden, ein bisschen erwachsener auch, wenn das Abenteuer dann doch mit schlauen Sprüchen einhergeht. Aber das verzeiht man dem liebenswerten Film nur zu gerne, das Spielfilmdebüt des Regisseurs und Co-Autors verspricht noch einiges für die Zukunft, obwohl oder gerade weil das hier eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist.

Cleo
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Cleo
Nach diversen gefeierten Kurzfilmen liefert Erik Schmitt mit „Cleo“ seinen ersten Spielfilm ab. Das Debüt ist gelungen, weil viele seiner skurrilen visuellen Einfälle auch hier zum Einsatz kommen. Die Geschichte um eine etwas andere Schatzsuche gibt nicht so wahnsinnig viel her, ist letztendlich nur ein Vorwand für die optischen Spielereien. Sympathisch ist die Liebeserklärung an die kindliche Fantasie aber ohne jeden Zweifel.
7von 10

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