„Papillon“, USA, 2017
Regie: Michael Noer; Drehbuch: Aaron Guzikowski; Vorlage: Henri Charrière; Musik: David Buckley
Darsteller: Charlie Hunnam, Rami Malek, Roland Møller

Papillon 2017

„Papillon“ läuft ab 26. Juli 2018 im Kino

Henri „Papillon“ Charrière (Charlie Hunnam) ist ein erfolgreicher Dieb, der im Paris der 1930er ganz gerne mal ein paar Juwelen mitgehen lässt. Bis zu dem Tag, als er verraten und fälschlicherweise angeklagt wird, einen Mord begangen zu haben. Lebenslänglich lautet sein Urteil, anzutreten in der berüchtigten Strafkolonie St. Laurent in Französisch-Guayana. Ganz kampflos will er sich dem aber nicht fügen. Noch auf der Überfahrt plant er daher einen Gefängnisausbruch und weiß auch schon, wen er dafür einspannen kann: Louis Dega (Rami Malek). Der Fälscher ist für das harte Leben nicht geeignet, dafür aber vermögend. Und Geld, das weiß Papillon, kann er für seinen Plan gut brauchen. Doch schon bald nach seiner Ankunft muss er feststellen, dass vieles in dem Gefängnis nicht nach Plan verläuft.

Hollywood und dieses Festhalten an Remakes, eigentlich sollte man sich da über nichts mehr wundern. Und doch dürfte so manch einer irritiert gewesen bei der Ankündigung, dass der Gefängnisklassiker Papillon neu verfilmt wird. Braucht es das? Was lässt sich besser oder zumindest anders machen, als es 1973 der Fall war? Immerhin: Das neue Drehbuch kommt von Aaron Guzikowski, der mit Prisoners einen der emotional intensivsten Thriller der letzten Jahre geschrieben hat. Mit menschlichen Abgründen und existenziellen Fragen kennt sich der US-Amerikaner also aus. Vielleicht würde er der Buchvorlage des realen Henri Charrière, der darin seine autobiografischen Erfahrungen in der Strafkolonie mit Fiktion mischt, noch etwas Neues abgewinnen können.

Alles beim Alten
Das Ergebnis fällt da dann aber doch etwas ernüchternd aus. Papillon orientiert sich schon recht stark an der ersten Filmvariante, nimmt sich dessen Drehbuch zur Vorlage, anstatt den Roman noch einmal neu zu interpretieren. Kleinere Abweichungen oder Neugewichtungen gibt es sicher. Aber sie sind nicht genug, um die zweite Verfilmung nennenswert von dem berühmten Kassenerfolg aus den 1970ern emanzipieren zu können. Sie sind sogar so spärlich, dass der Film sich die Frage gefallen lassen muss: wozu das Ganze?

Möglich, dass sich die Produzenten dachten, mit zeitgenössischen bekannten Schauspielern erneut in Blockbustersphären vordringen zu können. Wobei diese hier ja in erster Linie einem Fernsehpublikum vertraut sind. Während Hunnam den meisten wohl vor allem für seine Rolle in der Serie Sons of Anarchy bekannt ist, sind seine diversen Kino-AAA-Versuche (Pacific Rim, King Arthur: Legend of the Sword) allesamt hinter den kommerziellen Erwartungen zurückgeblieben. Und auch Rami Malek, dank Mr. Robot Poster Boy der Nerdszene, konnte bislang auf Leinwänden nicht Fuß fassen. Versuchte es aber auch gar nicht: Buster’s Mal Heart war so surreal, dass es nur für Festivalauftritte und Netflix reichte.

Die Angst vor den Abgründen
Papillon, das beim Toronto International Film Festival 2017 Premiere feierte, dürfte an der Kinokarriere der zwei nur wenig ändern. Hunnam bringt sicherlich die Physis für die Rolle mit, die er dann auch in einigen Actionszenen demonstrieren darf. Die psychische Belastung des Gefängnisses sieht man ihm hingegen nicht an. Kleinere Halluzinationen und ein leerer Blick reichen dann doch nicht aus, um die Torturen spürbar zu machen. Und auch Malek hält sich mit Oberflächlichem auf, lebt seine übliche Exzentrik, ohne dabei wirklich viel Profil zu entwickeln – erst spät zeigt er uns, dass in dem so lächerlich wirkenden Fälscher noch viel mehr steckt.

Das ist insgesamt dann auch das Problem von Papillon: Der Film scheut sich vor den Abgründen. Es ist alles zu nett zurechtgemacht, zu inszeniert, zu glatt auch. Selbst in den harten Szenen ist die Geschichte um eine unmenschliche Behandlung im Gefängnis nicht schmutzig und rau genug, von der brutalen Ermordung eines Mithäftlings einmal abgesehen. Ansonsten findet der dänische Regisseur Michael Noer, dank R – Gnadenlos hinter Gittern eigentlich gefängniserfahren, einfach nicht die Mittel, ein bisschen tiefer zu bohren, die Verzweiflung und Ausweglosigkeit der idyllischen Hölle spüren zu lassen. Nur selten bricht hier etwas tatsächlich aus, etwa ein kurzer Auftritt von Michael Socha (Double Date) als wagemutig-entfesselter Insasse. Ansonsten ist die Neuverfilmung eine grundsolide, jedoch mutlose Fassung eines auch für die Zuschauer ungemütlichen Stoffes.

Papillon (2017)
4 (80%) 27 Artikel bewerten

Papillon (2017)
Hätte es wirklich eine Neuauflage des Gefängnisklassikers „Papillon“ gebraucht? Nicht unbedingt. Die zweite Verfilmung des semiautobiografischen Romans hält sich zu eng an die bekannte Vorlage, um sich wirklich von ihr emanzipieren zu können. Insgesamt ist die Geschichte um zwei Männer, die aus einer unmenschlichen Strafkolonie ausbrechen wollen, aber zu brav, wagt sich nicht, in die Abgründe wirklich hineinzuschauen und diese spürbar zu machen.
6von 10

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