(„R“ directed by Tobias Lindholm and Michael Noer, 2010)

R Gnadenlos hinter Gittern

„R – Gnadenlos hinter Gittern“ erscheint am 19. Mai auf DVD und Blu-ray

Zwei Jahre muss der Däne Rune (Pilou Asbæk) ins Gefängnis, und dass diese Zeit kein Zuckerschlecken sein wird, daran lassen die Wärter keinen Zweifel. Tatsächlich dauert es nicht lange, bis er von den Alteingesessenen drangsaliert und gezwungen wird, einen Mithäftling zu verprügeln – sonst muss er selbst daran glauben. Rune fügt sich schnell der Hackordnung, putzt Klos und Zellen, in der Hoffnung, von anderen in Ruhe gelassen zu werden. Doch erst als er zusammen mit Rashid (Dulfi Al-Jabouri) eine Methode entwickelt, unbemerkt Drogen innerhalb des Gefängnisses zu schmuggeln, steigt er in der Gunst. Aber wo Erfolg, da auch Neid: Rune droht plötzlich von anderer Seite mächtiger Ärger.

Wie geht es wirklich zu in unseren Gefängnissen? Diese Frage stellte sich der dänische Filmemacher Tobias Lindholm, als ihm ein Jugendfreund in Briefen seinen Alltag in Haft beschrieb. Noch auf der Filmhochschule begann er daraufhin, Ideen für einen Film zu entwickeln und eigene Nachforschungen zu betreiben. Denn dass er nicht einfach nur einen weiteren Knaststreifen drehen wollte, stand früh fest, möglichst realistisch sollte sein Werk werden. Dafür holte er sich den Ko-Regisseur Michael Noer an seine Seite, wandte Prinzipien von Dogma 95 an (Handkamera, keine Musik), besetzt abgesehen von der Hauptrolle sämtliche Figuren mit Laiendarstellern, die zwar keine Erfahrung vor der Kamera hatten, dafür aber welche hinter Gittern.

Das Ergebnis erreicht dann auch die gewünschte Wirkung: R – Gnadenlos hinter Gittern wirkt oft nicht wie ein Spielfilm, sondern wie eine Undercover-Reportage. Wenn mit wackeligen Aufnahmen durch die Gänge geschlichen wird, fühlt man sich wie ein Mitglied der Insassen, zuckt jedes Mal zusammen, wenn eines der berüchtigten Alphatiere vor einem steht. Die Gewalt in Gefängnissen, sie ist hier zwar teils unangenehm explizit, beileibe aber kein Fokus, kein Mittel zum Zweck, um Zuschauer zu fesseln. Stattdessen geschieht sie beiläufig, aus Gewohnheit – denn was anderes ist einem hier nicht geblieben. Dazu passt der auffällige Mangel an Farben: Alles ist hier dunkel gehalten, vieles in Grau, nicht einmal der Himmel gönnt einem ein wenig Abwechslung.

Abwechslung ist aber ohnehin nicht die große Stärke von R – Gnadenlos hinter Gittern: Durch den Verzicht auf genretypische Konventionen und Dramaturgien gewann das dänische Knastdrama zwar an Authentizität, bleibt im Vergleich zu thematisch ähnlichen Filmen wie Ein Prophet aber eher blass und spannungsarm. Über die Figuren erfahren wir nahezu nichts, weder über Runes Gegenspieler, seinen einzigen Freund Rashid, nicht einmal über den Protagonisten selbst. Was genau vorgefallen ist, dass er in dem für seinen rauen Umgangston bekannten Gefängnis landete bleibt ebenso offen wie bei den anderen.

Eine wirkliche Persönlichkeit ist zudem niemandem hier vergönnt: Runes Aktivitäten beschränken sich darauf, mit weit aufgerissenen Augen und ohne viel zu sagen durch die Gegend zu schlurfen, alles über sich ergehen zu lassen, was ihm geschieht. Eine Entwicklung? Die gibt es nicht. Auch das mag realistisch sein, hilft aber nicht unbedingt dabei, sich für sein Schicksal zu interessieren – was ein solcher Aufenthalt für einen als Mensch bedeutet, das wird hier nicht einmal angeschnitten. Ein unerwarteter Twist gegen Ende hin schafft es zwar, einen als Zuschauer wieder aus der Bahn zu werfen, ansonsten herrscht triste Eintönigkeit. Wer angesichts des etwas reißerischen deutschen Untertitels ein hartes Actionspektakel erwartet, wird hier daher kaum glücklich werden. Wer sich nicht an der sehr ruhigen und betont unspektakulären Grundstimmung stört, darf sich jedoch schockieren lassen, was verborgen hinter den Mauern eines Gefängnisses so alles passieren kann.

R – Gnadenlos hinter Gittern
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R – Gnadenlos hinter Gittern
Was passiert wirklich in einem Gefängnis? „R – Gnadenlos hinter Gittern“ gibt eine trostlose, teilweise schockierende Antwort darauf. Durch den starken Dokumentationscharakter wirkt das Knastdrama sehr authentisch, viel Abwechslung gibt es jedoch nicht, bei den Figuren bleibt der Film an der Oberfläche stehen.
6von 10

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