„Les Petits Meurtres d’Agatha Christie – Saison 1“, Frankreich, 2009/2012
Regie: Éric Woreth, Stéphane Kappes, Renaud Bertrand; Drehbuch: Jean-Luc Gaget, Sylvie Simon, Thierry Debroux u.m; Vorlage: Agatha Christie
Musik: Stéphane Moucha; 
Darsteller: Antoine Duléry, Marius Colucci

Da soll noch einer sagen, dass Agatha Christie heute außer Mode wäre. Das opulente Kinoremake Mord im Orient-Express spielte so viel ein, dass weitere Hollywood-Adaptionen ein offenes Geheimnis sind. Die Briten konterten mit Crooked House und TV-Mehrteilern wie Zeugin der Anklage oder Partners in Crime. Und selbst die Franzosen mischen seit einiger Zeit kräftig mit. Nachdem schon einige Folgen von Mörderische Spiele auf Deutsch erhältlich sind, kommt nun auch die erste Staffel von Les Petits Meurtres d’Agatha Christie auf den Markt – wenn auch unter einem anderen Titel.

Verwirrend? Ja, schon. Aber das macht nichts, Verwirrspiele gehörten bei der Queen of Crime ja immer dazu. Außerdem sind beide Staffeln völlig unabhängig voneinander, können also in beliebiger Reihe geschaut werden. Mehr noch, selbst die Hauptfiguren wurden ausgetauscht. Hier sind es Kommissar Jean Larosière (Antoine Duléry) und Inspektor Émile Lampion (Marius Colucci), die gemeinsam auf Verbrecherjagd gehen. Wer bei den beiden Namen stutzig wird: Nein, die kamen bei Christie nie vor. Stattdessen wurden sie eigens für die Serie entworfen und ermitteln nun in Fällen, die ursprünglich mal jemand anderem gehörten.

Neue Helden braucht das Krimiland!
Als Fan der Vorlage ist das natürlich ein wenig gewöhnungsbedürftig. So basiert Die Morde des Herrn ABC beispielsweise auf einem der berühmtesten Fälle von Hercule Poirot. Die Schattenhand forderte hingegen ursprünglich den kriminalistischen Verstand von Miss Marple heraus. Hinzu gesellen sich Romanadaptionen wie Tödlicher Irrtum, die bei Christie noch ohne eigentliche Detektive auskamen. Entsprechend mussten die Geschichten umgeschrieben werden, damit Platz für neue Ermittler ist. Und der Schauplatz wurde ohnehin auf Frankreich reduziert.

Auch sonst wurde einiges dafür getan, dass selbst erfahrene Christie-Experten etwas Neues vorfinden. Während manche Geschichten sich relativ eng an die Vorlage halten, wurden andere ausgeschmückt, neue Motive erfunden, teils auch drastisch umgeschrieben. Die Neufassung von Die Tote in der Bibliothek fängt etwa damit an, dass die Leiche eben nicht in der Bibliothek, sondern im Bett von Kommissar Larosière gefunden wird. Ebenso ist das Szenario um das Freudenhaus völlig neu. Für den einen oder anderen Zuschauer vielleicht auch irritierend, denn das Thema Sex spielte in den Büchern keine besonders große Rolle. Hier schon.

Sex’n’Crime im Frankreich der 30er
Gezeigt wird zwar praktisch nichts, Kleine Morde ist in der Hinsicht recht altmodisch. Thematisiert wird Sex dafür umso mehr. Larosière fällt durch seinen unersättlichen Appetit auf junge, hübsche Frauen auf. Sein Kompagnon Lampion hingegen ist der Männerwelt zugetan, was sowohl dramatische, wie auch recht lustige Folgen nach sich zieht. Allgemein sind die Figuren hier ungewöhnlich. Gerade Larosière ist kein typischer Christie. Sein Ego steht dem von Poirot anfangs nicht an. Das mit der geistigen Brillanz passt jedoch weniger. Und unsympathisch ist er, ein streckenweise herablassender Widerling, dem man eigentlich gar nicht so gern Gesellschaft leistet.

Krimifans haben dafür ihre Freude, sowie eine ganze Menge zu tun: Sämtliche elf Episoden der ersten Staffel sind hier versammelt, jede davon in Spielfilmlänge. Als reiner Krimi ist Kleine Morde der Nachfolgerin Mörderische Spiele sogar überlegen, da die Ermittlungen nachvollziehbar bleiben. Dafür ist das 30er-Jahre-Setting visuell nicht ganz so dankbar wie die 50er-Jahre-Kollegin, vieles hier ist schon ziemlich bieder. Und auch die Versuche auf Humor sind weniger geglückt, die Scherze stolpern etwas holprig durch die Gegend, landen manchmal nicht da, wo sie hin wollten. Aber auch wenn da doch noch mehr drin gewesen wäre, Anhänger klassischer Krimis dürfen sich freuen, dass die Serie nach all den Jahren doch noch ihren Weg nach Deutschland gefunden hat, denn die kniffligen Geschichten der Autorin geben auch heute noch schöne Rätsel auf.

Agatha Christie: Kleine Morde
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Agatha Christie: Kleine Morde
„Kleine Morde“ versammelt elf Romane von Agatha Christie und bearbeitete sie für das französische Fernsehen neu auf. Nicht jede der zahlreichen Änderungen ist geglückt, gerade an dem neu hinzugefügten Ermittlerduo werden sich die Geister scheiden. Krimifans haben hier dennoch eine ganze Menge zu tun, die kniffligen Geschichten der Queen of Crime sind noch immer spannende Rätselnüsse.
6von 10

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