(„Ordeal by Innocence“ directed by Desmond Davis, 1984)

Toedlicher IrrtumZwei Jahre war der Paläontologe Dr. Arthur Calgary (Donald Sutherland) auf einer Expedition gewesen, ohne viel von dem Rest der Welt mitzubekommen. Zurück in der Heimat plant er, das Notizbuch eines Mannes zurückzugeben, den er vor Start der Expedition mitgenommen hatte – nur um festzustellen, dass dieser inzwischen verstorben ist, gehängt für den Mord an seiner Mutter Rachel Argyle (Faye Dunaway). Noch größer ist der Schock, als Calgary feststellt, dass das Verbrechen eben zu jener Zeit stattfand, als der vermeintliche Täter bei ihm im Auto saß, er also unmöglich schuldig sein konnte. Um immerhin nachträglich die Ehre des Verstorbenen wiederherzustellen, macht sich der Forscher an die Arbeit, die Wahrheit aufzudecken, bekommt aber weder von Familienoberhaupt Leo (Christopher Plummer) noch von dem ermittelnden Inspector Huish (Michael Elphick) Unterstützung.

1958 veröffentlicht, ist der Roman „Tödlicher Irrtum“ kein ganz typischer der britischen Krimiautorin Agatha Christie. Einen länger zurückliegenden Mordfall aufklären zu müssen, das gab es auch in anderen ihrer Bücher, etwa in Ruhe unsanft oder Das Schicksal in Person. Doch die Suche nach dem Täter war nur ein Aspekt, gleichzeitig versuchte sich Christie an verstärkt psychologischen Elementen. Welchen Einfluss hat es, wenn jemand aus meiner Familie ein Mörder ist? Wie gehe ich damit um, plötzlich jeden um mich herum verdächtigen zu müssen? Denn eben das ist die Folge von Calgarys Auftauchen: Jemand anderes aus dem Umfeld muss es getan haben, die bequeme Lösung, dass es das schwarze Schaf Jacko gewesen sein muss, fiel ja nun weg.

In der Verfilmung ist das nur ansatzweise noch zu spüren. Von Anfang an wird zwar deutlich gemacht, dass die Anwesenden kein großes Interesse an einer Aufklärung haben, psychologisch plausibel dargestellt ist das jedoch weniger. Da fehlen einfach die Momente, welche das Figurengeflecht – wer mit wem in welcher Beziehung stand – nachvollziehbar aufdröseln. Dabei ist es nicht so, als wäre Tödlicher Irrtum ein Film, der sich gerne in Zurückhaltung übt. Die furchtbar aufdringliche Musik wurde schon 1985 kritisiert, als der Film in den Kinos anlief. Noch schlimmer sind aber die ständigen Flashbacks, wo Szenen und Dialoge als Voice over mehrfach wiederholt werden, als wäre dem Zuschauer nicht zuzumuten, dass er sich das eben gesagte fünf Minuten später noch merkt.

Aber nicht nur die missglückte Gewichtung von Sagen und Zeigen schmälert das Vergnügen bei Tödliche Affäre, der Film ist vor allem tödlich langweilig. Die Bedrohung eines unbekannten Mörders in den eigenen Reihen wird hier nicht fühlbar, viel zu lange passiert einfach nicht genug. Im Grunde besteht der Film über weite Strecken daraus, dass Calgary ununterbrochen von furchtbar unsympathischen Leuten beschimpft wird, er aber dennoch bei jedem ungehindert ein und ausgeht. Und das ist selbst für eine so prominente Besetzung einfach zu wenig Material. Später darf dann doch einmal ein bisschen aufs Tempo gedrückt werden, wenn der unbekannte Mörder wieder zuschlägt. Dafür mangelt es an diesen Stellen gleich wieder an Glaubwürdigkeit, man versteht nicht so ganz, warum die spärlichen Indizien neue Morde rechtfertigen. Von einem kuriosen Anschlag auf Calgarys Leben ganz zu schweigen.

Immerhin ist die Auflösung interessant, spielt geschickt mit den Erwartungen des geneigten Krimifreunds. Aber auf dem Weg dorthin gibt es zu viele Stolpersteine, vieles wird zu schlecht miteinander verbunden, als dass sich die anderthalb Stunden wirklich lohnen würden – da gab es sowohl in Buch- wie auch in Filmform deutlich Besseres aus der Feder Christies.



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Tödlicher Irrtum
Die Musik ist aufdringlich, es gibt ständig unnötige Flashbacks, dafür mangelt es an Spannung – „Tödlicher Irrtum“ ist eine der schwächsten Agatha-Christie-Verfilmungen überhaupt. Immerhin ist die Auflösung interessant, was die vorherige Langeweile aber kaum rechtfertigt.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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