(„The Moving Finger“ directed by Roy Boulting, 1985)

Miss Marple Collection

„Die Schattenhand“ ist als Teil der „Agatha Christie’s Miss Marple Collection“ erhältlich

Eigentlich waren Gerry (Andrew Bicknell) und Joanna Burton (Sabina Franklyn) in die kleine englische Stadt gezogen, um sich auszuruhen und auszukurieren. Damit ist jedoch recht schnell Schluss, als ein anonymer Brief ins Haus flattert, der den beiden Geschwistern ein inzestuöses Verhältnis unterstellt. Und sie sind nicht die einzigen, die der mysteriöse Absender auf dem Kieker hat: Ob der Arzt Owan Griffith (Martin Fisk) oder der Rechtsanwalt Edward Symmington (Michael Culver), alteingesessen oder Neuankömmling, Mann oder Frau – nahezu jeder hat unter der bösartigen Post zu leiden. Für die Pfarrersfrau Maud (Dilys Hamlett) steht damit fest: Die ist ein Fall für ihre Freundin Jane Marple (Joan Hickson), die dank ihres Scharfsinns schon so manchen Verbrecher überführt hat.

Bei Joan Hicksons zweiten Auftritt als Miss Marple – nach Die Tote in der Bibliothek – stand ein Roman Pate, der nicht nur zu den frühesten Werken mit der Hobbydetektivin gehört („The Moving Finger“ erschien 1943 als dritter Marple-Roman), sondern auch zu denen, die Agatha Christie selbst am meisten schätzte. Dieses Urteil mag man teilen, vieles hier entspricht aber nicht dem, was wir allgemein mit den Geschichten rund um die unscheinbare alte Dame mit dem wachen Verstand verbinden, vielleicht auch daran mögen.

Ein Unterschied ist allein schon der, dass Marple – ähnlich wie auch in Mord im Spiegel – hier relativ wenig macht. Zwar wird sie gleich zu Beginn eingeführt, anders als im Roman, wo Gerry der Erzähler ist und die alte Dame erst relativ spät hinzugezogen wird. Für die Geschichte selbst hat das aber relativ wenig Auswirkungen, denn wie in der Vorlage werden hauptsächlich Szenen gezeigt, in denen andere Protagonisten das Sagen haben. So dauert es dann auch recht lange, bis in Die Schattenhand der eigentliche Krimi mal an Fahrt aufnimmt, der erste der beiden Teile dient ausschließlich dazu, das Dorf und seine Bewohner vorzustellen. Das ist atmosphärisch zwar gut gelöst, man entwickelt ein schönes Gefühl dafür, was es heißt, in der englischen Provinz zu leben, wo Gerüchte und Klatsch einen erheblichen Anteil am täglichen Miteinander haben. Aber es ist schon recht gemächlich, es wird vor allem geredet, kaum gehandelt.

Sobald wir über das Stadion der bösen Briefe hinaus sind und wir die ersten Folgen der anonymen Hetzjagd zu sehen bekommen, wird dann auch gehobene Krimikost geboten und es darf fleißig gerätselt werden, was denn nun wirklich hinter allem steckt. Wirklich schwer zu erraten ist die Lösung nicht, da der Film recht viele Hinweise liefert und die Zahl der Verdächtigen überschaubar ist. Dafür werden vielleicht auch weniger erfahrene Schnüffelnasen Erfolgserlebnisse haben, was bei einer Christie-Geschichte ja eher selten der Fall ist. Allenfalls das nicht so ganz überzeugende Motiv dürfte hier den einen oder anderen auf eine falsche Fährte führen, so richtig abnehmen mag man dieses auch nach der Auflösung nicht. Im Gegensatz dazu glänzt Hickson hier erneut als reizende alte Dame, in deren Geist sehr viel mehr vor sich geht, als es das unscheinbare Äußere und das harmlose Geplauder verraten.

Solide ist Die Schattenhand dann auch schon aufgrund ihrer Leistung, Krimifans, die den Film zufällig im Fernsehen erwischen oder auch die gesamte Marple-Box zu Hause stehen haben, werden zufrieden sein. Als Einzelfilm tritt die Suche nach dem Briefeschreiber aber hinter anderen Beispielen der 12-teiligen Reihe zurück.

Die Schattenhand
3.33 (66.67%) 3 Artikel bewerten

Die Schattenhand
Joan Hickson überzeugt auch in ihrem zweiten Auftritt als Miss Marple, selbst wenn ihre Rolle vergleichsweise unbedeutend ist. Der Fall selbst ist solide, lässt sich aber recht viel Zeit, erst in der zweiten Hälfte zeigt die Spannungskurve deutlicher nach oben.
6von 10

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