(„O Menino e o Mundo“ directed by Alê Abreu, 2013)

Der Junge und die Welt

„Der Junge und die Welt“ läuft ab 17. Dezember im Kino

Junge Protagonisten, die eine fremde Welt erkunden, das hatten wir in unserem fortlaufenden Animationsspecial schon häufiger, zuletzt bei Alice und El Hazard gleich zweimal in Folge. Und auch Teil 83 nimmt sich dieses Themas an, erinnert dabei an große Vorbilder und folgt dabei doch seinem ganz eigenen Weg.

Das Geld ist knapp in der Familie des kleinen Jungen, immer schwieriger wird es, noch von den Einnahmen als Farmer leben zu können. Und so entschließt sich eines Tages der Vater, sein Glück in der großen Stadt zu suchen. Für den Jungen bricht damit eine Welt zusammen, sehnsüchtig wartet er auf die Rückkehr seines Vaters. Bis er nicht weiter warten will, seinen Koffer packt und sich selbst auf die Suche macht. Während seiner Reise lernt er die unterschiedlichsten Menschen kennen, sieht farbenfrohe Kreaturen. Aber auch eine Welt der Armut und der Unterdrückung.

Ein erster Eindruck kann sehr trügerisch sein, bei Menschen, bei Organisationen, bei Gegenständen, bei Kunst. Der Junge und die Welt ist so ein Fall. „Das könnte ich auch“, wird sich so mancher Zuschauer in den ersten Minuten denken, wenn er die Protagonisten mit ihren Strichbeinchen sieht, den Wasserköpfen, den seltsamen Proportionen. Die Zeichnung eines Kindes vermutlich oder von jemandem, der es einfach nicht besser kann. Auch die Geschichte ist simpel: Ein Junge sucht seinen verlorengegangenen Elternteil, der auszog, um Geld zu verdienen. Ältere Semester werden sich da an Isao Takahatas Serie Marco zurückerinnern. Und wer es mit dem japanischen Altmeister aufnimmt, der kann ja nur verlieren.

Doch je weiter Der Junge und die Welt fortschreitet, umso deutlicher wird, dass sich der Brasilianer Alê Abreu vor niemandem verstecken muss, sein zweiter Langfilm wird größer, ambitionierter, fordert immer mehr Vergleiche heraus. Die stark folkloristischen Elemente erinnern etwa Kiriku und die Zauberin von Michel Ocelot, nur dass hier nicht Afrika im Fokus steht, sondern Südamerika. Auch die Einflüsse von Abreus Vorbild René Laloux (Der phantastische Planet) lassen sich finden, wenn der Film zunehmend fantastischer und surrealer wird. Der Raubbau an der Natur wiederum war bei Hayao Miyazaki (Prinzessin Mononoke, Ponyo) immer wieder Thema.

Die Vielfalt der Elemente spiegelt sich auch in der Optik wieder, wenn sich zu den Zeichnungen auch Kreidemalerei, Ölfarben, später Realaufnahmen mischen. So wie der namenlose Junge eine für ihn fremde Welt erkundet, entdecken auch wir immer Bereiche. Dabei bleibt Der Junge und die Welt bis zuletzt eher schlicht, erzählt seine Geschichte aus der Sicht eines neugierigen, staunenden Kindes. Sprache spielt bei der Erzählung keine Rolle: Dialoge gibt es kaum, die wenigen, die da sind, bestehen aus rückwärts aufgenommenen brasilianischen Sprachfetzen. Wie in seliger Stummfilmzeit vertraut Abreu allein auf die Magie der Bilder und der Musik, um sein Publikum mit auf ein Abenteuer zu nehmen.

Das ist gewöhnungsbedürftig, gerade für Zuschauer, deren Konzept von Animationsfilmen der heutigen Zeit geprägt ist. Hier gibt es keine schallenden Popnummern, keine tierischen Sidekicks, keinen Humor, um eine möglichst breite Zielgruppe anzusprechen. Und doch ist Der Junge und die Welt ein Film, der durch seine Universalität jedes Alter vergessen lässt, uns wieder zu eben jenem staunenden Kind werden lässt, das da durch eine große, fremdartige Welt wandert. Fremdartig auch deshalb, weil eben vieles hier nicht erklärt wird, der Film wie nur wenige seines Mediums dazu einlädt, ihn interpretieren zu wollen. Die Geschichte des Films ist auch die Südamerikas, erzählt von grauer Fließbandarbeit, menschenfeindlichen Städten, Baumwollplantagen, riesigen Paradiesvögeln.

Das ist nicht immer zugänglich, Abreu überträgt dem Zuschauer ganz bewusst einen Teil der Arbeit. Ob sich das von zunehmend gleichförmigen, idiotensicher ausformulierten Animationsfilmen „verwöhnte“ Publikum darauf einlassen kann und will, wird sich demnächst zeigen, wenn die brasilianische Produktion es tatsächlich in die hiesigen Kinos schafft. Bewundernswert ist der Versuch aber, die Menschen daran zu erinnern, welcher Zauber in dem Medium noch immer innewohnen kann: Trotz seiner technischen Schlichtheit ist Der Junge und die Welt einer der schönsten und mitreißendsten Animationsfilme dieses Jahr. Ein kleines cineastisches Vorweihnachtsgeschenk, wie wir es in den deutschen Lichtspielhäusern kaum mehr erwarten durften und welches allein deshalb schon belohnt werden sollte.

Der Junge und die Welt
4 (80%) 3 Artikel bewerten

Der Junge und die Welt
Die schlichten Zeichnungen und der einfache Inhalt wecken keine großen Erwartungen. Dafür wird „Der Junge und die Welt“ später umso schöner, erzählt mit einer Vielfalt von Techniken und Musik, dafür ohne jede Sprache, die Geschichte Südamerikas aus der Sicht eines kleinen staunenden Jungen.
8von 10

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