(„Kış Uykusu“ directed by Nuri Bilge Ceylan, 2014)

Winterschlaf

„Winterschlaf“ erscheint am 26. Juni auf DVD und Blu-ray

Schon im Sommer ist das Hotel in der abgeschiedenen Berglandschaft Zentralanatoliens nicht unbedingt von Menschen überlaufen, im Winter wirkt es dann vollends so, als wäre die Zeit stehengeblieben. Für dessen Besitzer, der pensionierte Schauspieler Aydin (Haluk Bilginer), bietet sich dadurch die Muße, über Gott und die Welt nachzudenken, aber auch über das erkaltete Verhältnis zu seiner Frau Nihal (Melisa Sözen). Aydins Schwester Necla (Demet Akbag) ist da schon weiter, will die Ruhe nutzen, um ihre Scheidung zu verarbeiten. Doch glücklich ist keiner der drei, von der Außenwelt isoliert brechen nach und nach lange unterdrückte Gefühle hervor, die Konflikte zwischen den drei werden immer zahlreicher und auch schärfer.

Enge und Isolation, das war für ein harmonisches Miteinander noch nie sonderlich förderlich. Welche fatalen Folgen es haben kann, in einem abgelegenen Hotel eingeschneit und zusammengepfercht zu sein, das hatte Kubrick seinerzeit bereits in dem Horrorklassiker Shining bewiesen. Nuri Bilge Ceylan nutzt in Winterschlaf nun ein ganz ähnliches Szenario, tilgte jedoch jeden Hinweis auf potenzielle übernatürliche Kräfte. Im Gegenteil: Aydin mokiert sich über jeden, der es auch nur wagt, an einen Gott zu glauben, der Alptraum, der ist hier von Menschen gemacht, über Jahre gewachsen, aus Unachtsamkeit, Überheblichkeit, Gleichgültigkeit.

Davon ist zunächst jedoch nur wenig zu spüren, vor allem Aydin wirkt am Anfang wie ein kultivierter, großzügiger Mann, der seinem Umfeld in fast allen Belangen weit überlegen ist. Erst mit der Zeit seziert Ceylan die nicht ganz so schöne Wahrheit heraus: Der vermeintliche Menschenfreund kann Menschen eigentlich nicht leiden, nutzt jede Gelegenheit, um seine Überlegenheit zu demonstrieren und anderen ihre Grenzen aufzuzeigen. Nach diesem Prinzip verfährt der türkische Regisseur während seines dreistündigen Epos dann auch bei seinen sonstigen Figuren: Basierend auf einer Kurzgeschichte von Anton Chekhov erzählt er die Geschichte von Menschen, bei denen die Einteilungen in gut und böse nie so wirklich funktionieren will, die Guten schlechte Eigenschaften aufweisen, die Schlechten besser sind, als sie den Anschein haben. So richtig sympathisch ist hier kaum einer.

Freiwillig zeigt aber keiner der Porträtierten seine unattraktiven Züge, erst durch Reibungen werden sie deutlicher, bis man irgendwann den Eindruck hat, bei einer Nachmittagstalkshow gelandet zu sein, so viel Gift steckt in jedem Satz, jedem Wort, jeder Silbe. Laut wird es dabei jedoch nie, Winterschlaf bedient sich einer Ruhe, die jene der Berglandschaft widerspiegelt. Ein großes Publikum wird Ceylan damit nicht erreichen, trotz seines Sieges bei den Filmfestspielen in Cannes. Aber das wollte er vermutlich auch gar nicht, ein knapp 200 Minuten langer Film mit wenig Handlung und ohne größere Geschichte, das ist trotz der messerscharfen Dialoge mindestens eine Herausforderung, für so manchen sicher auch eine Zumutung.

Und doch ist es eine Zumutung, der es sich zu stellen lohnt, die einen mit wunderbaren Aufnahmen der Gegend, nachvollziehbaren und eindringlich gespielten Figuren und universellen Einblicken in die menschliche Natur verwöhnt. Wer also ein wenig Zeit und Geduld mitbringt, sich vielleicht wie die Charaktere mit heißem Tee und Keksen wappnet und vor allem Gefallen findet an rein dialogbestimmten Filmen, darf in der fernen Berglandschaft ein sehr gutes Drama um zerstörte Beziehungen erleben, erloschene Gefühle und verlorene Träume, dessen Eiseskälte noch die des schneebedeckten Anatoliens übertrifft.

Winterschlaf
4 (80%) 17 Artikel bewerten

Winterschlaf
Für ungeduldige Naturen ist „Winterschlaf“ ein Alptraum: Knapp 200 Minuten lang wird hier ausschließlich geredet, kaum gehandelt. Wer sich mit dem Gedanken anfreunden kann, wird mit einem sehr guten und nuancierten Drama belohnt, in dem es keinen Platz für gut oder böse gibt.
8von 10

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