(„Signor Rossi“ directed by Bruno Bozzetto, 1960-1978)

Signor RossiManchmal nicht ganz da, immer mit einem Bein in Fantasiewelten? Das gilt nicht nur für Kenji Miyazawa aus Spring and Chaos, den wir euch letzte Woche im Rahmen unseres fortlaufenden Animationsspecials vorgestellt haben. Auch der Held von Teil 37 neigt zu seinen kleinen Träumereien und wurde damit zu einer absoluten Kultfigur.

Ein Traumleben führt er nicht gerade, der kleine Herr Rossi. Tagein tagaus arbeitet er in einer Fischfabrik und muss dort stupide Fließbandtätigkeiten verrichten. Und als wäre das nicht genug, muss er sich auch noch von seinem despotischen Chef – dessen protzige Villa direkt neben Rossis Häuschen liegt – unentwegt Beschimpfungen anhören. Ach, wenn doch nur etwas Aufregendes passieren würde! Da erscheint ihm eine gute Fee, die ihm eine magische Trillerpfeife überlässt. Bläst er in diese hinein, kann er durch die Zeit reisen oder auch die Märchenwelt besichtigen. Von nun an erlebt er zusammen mit dem Nachbarhund Gaston aufregende Abenteuer und gerät dabei regelmäßig in Lebensgefahr.

„Denn Herr Rossi sucht das Glück.

Sucht man es, so fehlt ein Stück.

Ja, es fehlt ein Stück vom Glück“

Wer in Anwesenheit von Leuten jenseits der 30-Jahre-Grenze diese simplen Zeilen von sich trällert, wird nicht nur in so manche strahlende Augen schauen dürfen, die Chancen stehen nicht schlecht, dass die anderen selbst ins Lied einsteigen werden. Seit der Erstausstrahlung Mitte der 1970er avancierte die Figur des Herr Rossi zu einem absoluten Kult, steht wie kaum eine andere für die europäische Zeichentrickgeschichte. Und das, obwohl er so gar nicht aus Heldenholz geschnitzt wurde.

Schon 1968 hatte Regisseur Bruno Bozzetto in seinem Film VIP – Mein Bruder, der Supermann die sonst üblichen Superhelden persifliert, bei Herr Rossi ging er noch einen Schritt weiter: klein, untersetzt, durchsetzungsschwach, ein Mann, der von großen Taten nur träumen kann. Doch genau darum ging es eben, hier sollte ein so unbemerkenswerter Durchschnittsmensch im Mittelpunkt stehen, dass sich jeder mit ihm und seiner Suche nach dem Glück identifizieren kann. Das verrät schon der Name: Rossi ist einer der geläufigsten Namen in Bozzettos Heimat Italien, einen Vornamen hat er seiner Kreation nie gegeben, und damit auch keine Individualität. Herr Rossi – das sind wir.

Seinen ersten Auftritt hatte der unscheinbare Antiheld 1960 in dem Kurzfilm Einen Oscar für Herrn Rossi, bis 1978 sollten noch viele weitere folgen. Am bekanntesten sind jedoch die drei Langfilme Herr Rossi sucht das Glück, Herr Rossi träumt und Die Ferien des Herrn Rossi, die in der zweiten Hälfte der 70er entstanden. Dass es sich hierbei um mehrere und längere Einzelwerke handelt, dürfte dabei hierzulande den wenigsten bewusst sein, denn in Deutschland wie auch einigen anderen Ländern wurden die Filme in je vier Teile geschnitten und so zu einer Serie gemacht. Das war insofern passend, weil jeder Film tatsächlich auch aus vier etwa gleich langen Abschnitten bestand und diese nur durch die Rahmenhandlung zusammengehalten wurden.

Und um eine wirkliche Geschichte, gar eine Entwicklung ging es bei Signor Rossi ohnehin nie. Vielmehr erzählen die verschiedenen Filme, wie ein einfacher Mensch immer wieder in die absurdesten Situationen gerät. Während der erste Film durch die Fee und die Zauberpfeife noch stark auf Fantasyelemente zurückgriff, ist das bei den beiden späteren kaum noch der Fall. In Herr Rossi träumt fangen wir jedes Mal mit einer realen Situation an, die Rossi in seinen Träumen verarbeitet und mit bekannten Werken wie Tarzan, Sherlock Holmes oder Frankenstein vermischt. Und in Die Ferien des Herrn Rossi versuchen er und sein treuer Freund Gaston einfach nur ein lauschiges Plätzchen zu finden, um die Sommerurlaube zu überstehen, was aber ein ums andere Mal in einem Fiasko endet.

Und genau deswegen ist Signor Rossi noch immer ein großer Spaß, auch bald 40 Jahre später. Man wartet hier geradezu auf den nächsten verrückten Einfall; wie alltägliche Situationen auf eine völlig absurde Art und Weise eskalieren, teilweise auch mit satirischen Seitenhieben auf Bozzettos Landsmänner – etwa in den Urlaubsepisoden – sucht noch immer seinesgleichen. Eine reine Kinderserie ist das Hauptwerk des Italieners dabei nicht, dank der psychedelischen Grundstimmung und der vielen Anspielungen sind die Geschichten auch für ältere Zuschauer unbedingt empfehlenswert. Vielleicht ist es inzwischen sogar gerade die nicht mehr ganz junge Zielgruppe, die etwas mit Signor Rossi anfangen kann, denn technisch ist die Serie mit heutigen Produktionen natürlich nicht mehr zu vergleichen. Ob es die sonderbaren Designs sind – Rossis Augen sind auch im Profil nebeneinander auf der Nase zu sehen –, die schiefen Proportionen, die einfachen Hintergründe, die simplen Animationen, man muss hier seine Ansprüche schon stark zurückschrauben.

Dafür begeistert Signor Rossi aber mit Witz und zahlreichen Ohrwürmern. Auch wenn die Musik, anders als bei Bozzettos Allegro non troppo, nur selten Teil der Handlung ist, so konnte es der Italiener doch nicht lassen, seine Figuren alle paar Minuten singen zu lassen – was meistens genauso absurd ist wie die Geschichten an sich. Wer die Kurzfilme anschaut, die neben den Filmen in der Sammelbox enthalten sind, muss auf Gesänge übrigens verzichten, auf Dialoge ebenso und leider auch auf Gaston. Mehr als Beiwerk können diese Miniwerke daher nicht sein, zumal sie es schaffen, optisch noch rudimentärer zu sein als die Hauptfilme. Sehenswert sind sie aber auch, und sei es nur, um zu erleben, wie der sonst so gutmütige Rossi plötzlich ganz andere Saiten aufzieht und aus der Haut fährt, wenn er lange genug gepiesackt wird. So wie es Menschen im Alltag eben manchmal ergeht.

Signor Rossi
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Signor Rossi
Wenn der Antiheld Herr Rossi auf Reisen geht oder träumt, wird es schnell chaotisch, absurd und sehr, sehr lustig. Die Kombination aus drögem Alltag und wahnwitzigen Erlebnissen ist so spaßig wie eh und je, dank der psychedelischen Grundstimmung und der vielen Ohrwürmer dürfen sich auch Erwachsene gut unterhalten fühlen – sofern sie über die veraltete Technik hinwegsehen können.
8von 10

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